Die Münchner Hypo-Kunsthalle zeigt die erste Retrospektive der amerikanischen Malerin Georgia O'Keeffe in Europa
Die Ausstellung bleibt dabei aber stark dem
wenig Neues aufzeigenden Motto "Leben und Werk" verpflichtet.
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Chuzpe ist das wohl, wenn man, wie Christiane Lange, die Direktorin der
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, über die erste Retrospektive der US-Malerin
Georgia O'Keeffe auf europäischem Boden sagt, dabei handle es sich nicht um eine
Blockbuster-Schau. Gibt es irgendjemanden, der nicht schon einmal ein Plakat,
ein Kunstbuch oder eine Postkarte gesehen hat, auf der ein vor blauem Himmel
schwebender gemalter Tierschädel zu sehen war?
Sie dürfte wohl eine der am häufigsten "verpostkarteten" (Lange), ja eine der
populärsten Künstlerinnen der Moderne sein. Sie ist, wie auf andere Weise die
Mexikanerin Frida Kahlo, zur Ikone geworden: Kahlo durch ihren Kampf gegen
Körper und Machismo, O'Keeffe infolge ihres biblischen Alters - sie starb
99-jährig -, ihrer sinnlichen Blumen- und Knochenmotive und des durch viele
Fotografien kreierten Images als mythisch schöne Eremitin.
Um so verwunderlicher, dass es, klammert man die 60 Exponate zählende
Ausstellung 2002 im Louisiana Museum nahe Kopenhagen einmal aus, bisher noch
keine umfassende Werkübersicht in Europa gegeben hat. Diese schickt nun das in
Santa Fe beheimatete O'Keeffe Museum auf Tour.
Rigide ist die Schau von der Kuratorin Barbara Buhler Lynes gehängt.
Unhistorisch. Und strikt chronologisch. Was einerseits simpel anmutet,
andererseits einen dramaturgischen Pferdefuß hat. Im zentralen Saal kommen so zu
kleine Formate zu hängen, außerdem ist die Stirnwand für handtellergroßer
Fotografien reserviert. Die gewaltige Leere des Raums erschlägt so die Gemälde,
schiebt sie wie auch die Bronzeskulptur Abstraktion fast hinaus. Ist das,
zynisch gefragt, Absicht? Ist dieser Saal vielleicht nur als Transfer gedacht,
als Ort zum Durchatmen für die Besucher?
Kaum Erkenntnisse
Neue Erkenntnisse liefert diese Retrospektive nur in geringem Maße, dazu ist
das O'Keeffe'sche Werk 25 Jahre nach ihrem Tod wohl zu gründlich ausgeleuchtet.
Mit weniger gedämpfter Ambition hätte man aber etwas Hochklassiges schaffen,
hätte man O'Keeffe aus der ihr verordneten Position einer Malerin außerhalb der
Zivilisation und jenseits der Historie befreien können. Wenn man denn willens
gewesen wäre, Quer- und Parallelverbindungen aufzuzeigen, zur Fotokunst ihrer
Zeitgenossen, zur Neuen Sachlichkeit, zu den frühen Vertretern der Abstraktion
in Europa und den späten in Amerika - eben zu den Inspirationsquellen O'Keeffes.
Schließlich leitete ihr Ehemann Stieglitz in New York viele Jahre lang mehrere
Avantgardekunstgalerien.
Doch diese Schau mit rund 75 Gemälden, darunter einige berühmte Blumenbilder,
Aquarellen und Fotografien kapriziert sich allein auf O'Keeffe. Dass zwei Filme
(der eine als biografische Umkreisung) inmitten der Gemälde gezeigt werden,
signalisiert deutlich, worauf der Akzent beim Untertitel Leben und Werk
liegt.
Dass im qualitativ recht uneinheitlichen Spätwerk von O'Keeffe durchaus
Pop-Art-Einflüsse zu entdecken sind (Auf dem Fluss I, 1965), dass sie, in
dieser Retrospektive durchgehend als Realistin apostrophiert, Abstraktes
aufregend anders auslotet, beispielsweise in Blauschwarz und Grau von
1960, und dabei Einflüsse jüngerer Maler, eines Ellsworth Kelly oder Yves Klein,
visuell aufgreift, bleibt im Dunkeln.
Dafür sind am Ende ihre Pinsel und Farbtuben pittoresk vor ein Foto ihres
verlassenen Ateliers drapiert. Erst der Katalog liefert punktuell Hinweise auf
den kunsthistorischen Horizont, erklärt O'Keeffes Verständnis von Landschaft,
Malerei und Landschaftsmalerei. (Alexander Kluy, DER STANDARD - Printausgabe, 7. Februar 2012)