Die Frau in der Schädelwüste

6. Februar 2012, 18:20
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Die Münchner Hypo-Kunsthalle zeigt die erste Retrospektive der amerikanischen Malerin Georgia O'Keeffe in Europa

Die Ausstellung bleibt dabei aber stark dem wenig Neues aufzeigenden Motto "Leben und Werk" verpflichtet.

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Chuzpe ist das wohl, wenn man, wie Christiane Lange, die Direktorin der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, über die erste Retrospektive der US-Malerin Georgia O'Keeffe auf europäischem Boden sagt, dabei handle es sich nicht um eine Blockbuster-Schau. Gibt es irgendjemanden, der nicht schon einmal ein Plakat, ein Kunstbuch oder eine Postkarte gesehen hat, auf der ein vor blauem Himmel schwebender gemalter Tierschädel zu sehen war?

Sie dürfte wohl eine der am häufigsten "verpostkarteten" (Lange), ja eine der populärsten Künstlerinnen der Moderne sein. Sie ist, wie auf andere Weise die Mexikanerin Frida Kahlo, zur Ikone geworden: Kahlo durch ihren Kampf gegen Körper und Machismo, O'Keeffe infolge ihres biblischen Alters - sie starb 99-jährig -, ihrer sinnlichen Blumen- und Knochenmotive und des durch viele Fotografien kreierten Images als mythisch schöne Eremitin.

Um so verwunderlicher, dass es, klammert man die 60 Exponate zählende Ausstellung 2002 im Louisiana Museum nahe Kopenhagen einmal aus, bisher noch keine umfassende Werkübersicht in Europa gegeben hat. Diese schickt nun das in Santa Fe beheimatete O'Keeffe Museum auf Tour.

Rigide ist die Schau von der Kuratorin Barbara Buhler Lynes gehängt. Unhistorisch. Und strikt chronologisch. Was einerseits simpel anmutet, andererseits einen dramaturgischen Pferdefuß hat. Im zentralen Saal kommen so zu kleine Formate zu hängen, außerdem ist die Stirnwand für handtellergroßer Fotografien reserviert. Die gewaltige Leere des Raums erschlägt so die Gemälde, schiebt sie wie auch die Bronzeskulptur Abstraktion fast hinaus. Ist das, zynisch gefragt, Absicht? Ist dieser Saal vielleicht nur als Transfer gedacht, als Ort zum Durchatmen für die Besucher?

Kaum Erkenntnisse

Neue Erkenntnisse liefert diese Retrospektive nur in geringem Maße, dazu ist das O'Keeffe'sche Werk 25 Jahre nach ihrem Tod wohl zu gründlich ausgeleuchtet. Mit weniger gedämpfter Ambition hätte man aber etwas Hochklassiges schaffen, hätte man O'Keeffe aus der ihr verordneten Position einer Malerin außerhalb der Zivilisation und jenseits der Historie befreien können. Wenn man denn willens gewesen wäre, Quer- und Parallelverbindungen aufzuzeigen, zur Fotokunst ihrer Zeitgenossen, zur Neuen Sachlichkeit, zu den frühen Vertretern der Abstraktion in Europa und den späten in Amerika - eben zu den Inspirationsquellen O'Keeffes. Schließlich leitete ihr Ehemann Stieglitz in New York viele Jahre lang mehrere Avantgardekunstgalerien.

Doch diese Schau mit rund 75 Gemälden, darunter einige berühmte Blumenbilder, Aquarellen und Fotografien kapriziert sich allein auf O'Keeffe. Dass zwei Filme (der eine als biografische Umkreisung) inmitten der Gemälde gezeigt werden, signalisiert deutlich, worauf der Akzent beim Untertitel Leben und Werk liegt.

Dass im qualitativ recht uneinheitlichen Spätwerk von O'Keeffe durchaus Pop-Art-Einflüsse zu entdecken sind (Auf dem Fluss I, 1965), dass sie, in dieser Retrospektive durchgehend als Realistin apostrophiert, Abstraktes aufregend anders auslotet, beispielsweise in Blauschwarz und Grau von 1960, und dabei Einflüsse jüngerer Maler, eines Ellsworth Kelly oder Yves Klein, visuell aufgreift, bleibt im Dunkeln.

Dafür sind am Ende ihre Pinsel und Farbtuben pittoresk vor ein Foto ihres verlassenen Ateliers drapiert. Erst der Katalog liefert punktuell Hinweise auf den kunsthistorischen Horizont, erklärt O'Keeffes Verständnis von Landschaft, Malerei und Landschaftsmalerei. (Alexander Kluy, DER STANDARD - Printausgabe, 7. Februar 2012)

  • Georgia O'Keeffes "Sommertage", aus 1936.
    foto: georgia o'keeffe museum / vg bild-kunst, bonn 2011 / sheldan collins

    Georgia O'Keeffes "Sommertage", aus 1936.

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