Auch ein Held braucht einen Regenschirm

6. Februar 2012, 17:30
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Uraufführung von Holger Schobers Solo "Odysseus am Sand" im Dschungel Wien - Erzähltheater mit erfindungsreicher Akustik

Wien - Helden wie Odysseus, Figuren übermenschlichen Ausmaßes, widerfährt in krisengebeutelten Zeiten eine gewisse Zurechtstutzung. Wenn die Männer (selten sind es Frauen) in Film und Theater auftauchen, dann stets mit selbstironischer Brechung. Sogar James Bond oder Spiderman haben da schwere Schrammen davonzutragen.

Heute ist Odysseus ein vom schlechten Gewissen geplagter mieser Vater und Ehemann, der unter den Blessuren der ihm zugemuteten Abenteuer insgeheim vom Kleinhäuslerdasein träumt. Zwei Wiener Inszenierungen sind ihm derzeit dergestalt auf der Spur. Auf die Cinemascope-Variante des Odysseus im Theaters der Jugend (nach Kim Nørrevig) folgt nun im Dschungel Wien das Solo Odysseus am Sand von Holger Schober. Mit Thermoskanne, Keksdose und Knirps zieht dieser Mann, der mit seiner Work-Life-Balance auf Ithaka vollauf zufrieden wäre, in den Krieg - erpresst von König Menelaos.

Holger Schober, seit 2009 am Landestheater Linz für die Sparte Theater für junges Publikum zuständig, hat sich zuletzt auch als hochproduktiver Autor für Kinder- und Jugendstücke erwiesen. Seine krachledern-wienerische Odysseus-Version ist das jüngste Stück einer Reihe sprachlich gerissener, zupackender Dramen, die die Grenzen unterschiedlichster, am Theater nicht immer heimischer Genres ausreizen (siehe etwa den Psychothriller Otaku über Horrorfilmfanatiker).

Odysseus am Sand ist ein Erzähltheater mit erfindungsreicher Akustik. Reinhold G. Moritz manövriert seinen Antihelden im Zusammenspiel mit Musiker Johannes Specht auf äußerlich sparsame Weise (ein griechischer Hügel aus einem sandfarbenen Leintuch, Bühne: Michael Alexander Pöllmann), aber mit viel Assoziationsangebot durch die zwanzig Jahre dauernde Reise. Wie schlecht es hier bereits um die Autoritätsgläubigkeit bestellt ist, lässt sich auf besonders schöne Weise an der subtil lächerlichen Fanfarenmusik erahnen, mit der sich Göttervater Zeus immer wieder nervig zu Wort meldet.

Zeus, so übersetzt es Schober für das Publikum ab acht Jahren ins Heute, hat so viel Macht wie die Uno und der Weltwirtschaftsfonds zusammen. Und auch die anderen Stars der griechischen Mythologie finden ihre Charaktere in der Gegenwart: Aphrodite als Prosecco-Tante mit S-Fehler, die Zyklopen sprechen Tirolerisch, und Achilles, die steirische Eiche, leidet am Fußpilz. Da ist eine überaus achtbare Kurzversion der Odysseus-Sage geglückt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 7. Februar 2012)

  • Es tönt aus dem Olymp (Musiker Johannes Specht), und Odysseus (Reinhold G. 
Moritz, re.) singt zwangsläufig mit.
    foto: alexander dirninger

    Es tönt aus dem Olymp (Musiker Johannes Specht), und Odysseus (Reinhold G. Moritz, re.) singt zwangsläufig mit.

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