Uraufführung von Holger Schobers Solo "Odysseus am Sand" im Dschungel Wien - Erzähltheater mit erfindungsreicher Akustik
Wien - Helden wie Odysseus, Figuren übermenschlichen Ausmaßes, widerfährt in
krisengebeutelten Zeiten eine gewisse Zurechtstutzung. Wenn die Männer (selten
sind es Frauen) in Film und Theater auftauchen, dann stets mit selbstironischer
Brechung. Sogar James Bond oder Spiderman haben da schwere Schrammen
davonzutragen.
Heute ist Odysseus ein vom schlechten Gewissen geplagter mieser Vater
und Ehemann, der unter den Blessuren der ihm zugemuteten Abenteuer insgeheim vom
Kleinhäuslerdasein träumt. Zwei Wiener Inszenierungen sind ihm derzeit
dergestalt auf der Spur. Auf die Cinemascope-Variante des Odysseus im
Theaters der Jugend (nach Kim Nørrevig) folgt nun im Dschungel Wien das Solo
Odysseus am Sand von Holger Schober. Mit Thermoskanne, Keksdose und
Knirps zieht dieser Mann, der mit seiner Work-Life-Balance auf Ithaka vollauf
zufrieden wäre, in den Krieg - erpresst von König Menelaos.
Holger Schober, seit 2009 am Landestheater Linz für die Sparte Theater für
junges Publikum zuständig, hat sich zuletzt auch als hochproduktiver Autor für
Kinder- und Jugendstücke erwiesen. Seine krachledern-wienerische
Odysseus-Version ist das jüngste Stück einer Reihe sprachlich gerissener,
zupackender Dramen, die die Grenzen unterschiedlichster, am Theater nicht immer
heimischer Genres ausreizen (siehe etwa den Psychothriller Otaku über
Horrorfilmfanatiker).
Odysseus am Sand ist ein Erzähltheater mit erfindungsreicher Akustik.
Reinhold G. Moritz manövriert seinen Antihelden im Zusammenspiel mit Musiker
Johannes Specht auf äußerlich sparsame Weise (ein griechischer Hügel aus einem
sandfarbenen Leintuch, Bühne: Michael Alexander Pöllmann), aber mit viel
Assoziationsangebot durch die zwanzig Jahre dauernde Reise. Wie schlecht es hier
bereits um die Autoritätsgläubigkeit bestellt ist, lässt sich auf besonders
schöne Weise an der subtil lächerlichen Fanfarenmusik erahnen, mit der sich
Göttervater Zeus immer wieder nervig zu Wort meldet.
Zeus, so übersetzt es Schober für das Publikum ab acht Jahren ins Heute, hat
so viel Macht wie die Uno und der Weltwirtschaftsfonds zusammen. Und auch die
anderen Stars der griechischen Mythologie finden ihre Charaktere in der
Gegenwart: Aphrodite als Prosecco-Tante mit S-Fehler, die Zyklopen sprechen
Tirolerisch, und Achilles, die steirische Eiche, leidet am Fußpilz. Da ist eine
überaus achtbare Kurzversion der Odysseus-Sage geglückt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 7. Februar 2012)