Polen: Mindestens 400 Schulen werden heuer geschlossen

6. Februar 2012, 15:59
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Zuwendungen aus Staatsbudget an Kommunen fallen um 330 Millionen Euro - Zahl der Schüler ging in zehn Jahren um 1,5 Millionen zurück

Warschau - Mindestens 400 Schulen werden heuer in Polen schließen. Die entsprechenden Anträge der Gemeinden liegen den staatlichen Schulbehörden in den Regierungsbezirken vor, berichtet die Zeitung "Rzeczpospolita". Experten gehen davon aus, dass in den kommenden Monaten noch weit mehr solche Beschlüsse fallen - und die Zahl der Schulschließungen heuer einen Rekord erreichen wird.

Bis zu tausend Schließungen

Heuer könnten insgesamt bis zu tausend Schulschließungen beschlossen werden, erklärte der Vorsitzende des Lehrerverbandes ZNP, Slawomir Broniarz, der "Rzeczpospolita". Broniarz forderte die Regierung auf, "das Schweigen zu brechen und nicht die ganze Verantwortung auf die Kommunen abzuwälzen". Schon im vergangenen Jahr seien 300 Schulen geschlossen worden.

Übergabe an private Träger

Einige Gemeinden versuchen, Schulen einem privaten Träger zu übergeben. An manchen Orten fällten die Gemeinderäte die Entscheidung, die Schule einer Stiftung oder einer Firma zu übergeben, noch bevor es überhaupt einen Interessenten gebe, so Broniarz. Die Möglichkeit einer privaten Trägerschaft gibt nach polnischem Recht bei kleinen Einrichtungen mit nicht mehr als 70 Schülern. In vielen Fällen versuchten dies die Gemeinden aber auch, wenn es wesentlich mehr Schüler geben, sagte der Funktionär.

Schülerzahlen sinken

Grund für die Entwicklung sind einerseits die sinkende Schülerzahl, andererseits die angespannte finanzielle Lage vieler Gemeinden. "In unserem Landkreis haben wir 1400 Schüler weniger als 1999", sagte der Leiter des Landkreises Pleszew in Großpolen, Michal Kalarus, gegenüber Journalisten. Dem Landkreis fehlten 3,7 Mio. Zloty (880.000 Euro) jährlich, um alle Schulen zu erhalten. Insgesamt sank die Zahl der Schüler in Polen von 7,0 Mio. im Schuljahr 2000/2001 auf 5,5 Mio. im vergangenen Jahr.

Zu wenig Mittel

Experten bemängeln aber auch, dass die Regierung die Gemeinden mit zu wenig Mitteln für Bildungsausgaben ausstattet. So werden heuer durch eine Bildungsreform bereits rund 60 Prozent der Sechsjährigen die erste Klasse besuchen, schätzt das Bildungsministerium. Früher begann der Schulbesuch erst ab dem siebenten Lebensjahr. Deshalb müsse aber auch die Unterstützung an die Gemeinden um rund 1,4 Mrd. Zloty (330 Mio. Euro) höher ausfallen als dies im Budget vorgesehen ist, bemängelt Bogdan Stepien vom Institut für Regionalanalysen gegenüber der Zeitung "Gazeta Prawna". Der Verband der Landkreise lässt derzeit eine Expertise erstellen, die diesen Vorwurf untersuchen soll.

Eltern demonstrieren

In vielen Gemeinden regt sich Protest, so in Poznan (Posen), wo heuer über zehn weiterführende Schulen ("Gymnasien") wegfallen sollen. Die Zahl der Schüler bleibe in der Stadt stabil, argumentieren aufgebrachte Eltern. Im ganzen Bezirk Mazowsze mit der Hauptstadt Warschau demonstrierten Eltern in den vergangenen Tagen bei Sitzungen der Gemeinde- und Stadträte. (APA)

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