Kämpfe lösen Flüchtlingswelle aus

6. Februar 2012, 16:15
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Tuareg-Rebellen wollen eigenen Staat im Norden Malis erzwingen - Regierung wirft ihnen Verbindungen zu Al-Kaida vor

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit vollzieht sich im westafrikanischen Subsahara-Land Mali ein Flüchtlingsdrama. Mehr als 16.000 Menschen haben den Norden des Landes angesichts heftiger Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen in Richtung der Nachbarländer verlassen. 10.000 sollen mittlerweile im Niger angekommen sein, 3.500 in Mauretanien. "Vor allem Frauen und Kinder fliehen vor den Kämpfen sowie vor Übergriffen der Konfliktparteien", sagte Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker der Nachrichtenagentur dpa.

Seit drei Wochen liefern sich Soldaten der malischen Armee Scharmützeln mit Tuareg-Kämpfern der "Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad" (MNLA). Am Wochenende ließ die Regierung in der Hauptstadt Bamako mit der Meldung aufhorchen, ihre Truppen hätten 20 Rebellen getötet. Friedensgespräche in der algerischen Hauptstadt Algier brachten unterdessen kein Ergebnis. Der Schwerpunkt der Kämpfe liegt in Region um die 19.000-Einwohner-Stadt Anderamboukane an der Grenze zum Niger, in der es schon bisher häufig zu grenzüberschreitenden Angriffen auf Ausländer und Regierungstruppen gekommen ist.

Azawad, wie der künftige Staat nach Wunsch der Tuareg heißen soll, ist eine von Wüste und Steppe geprägte Region etwa fünfmal so groß wie Österreich in der Grenzregion zwischen Mali, Algerien und dem Niger. Mehr als ein Drittel des malischen Staatsgebiets ist von Tuareg bewohnt. Drei Viertel der etwa 600.000 Einwohner gehören den sunnitischen Tuareg-Stämmen an, deren Sprache ähnlich jener der nordafrikanischen Berber ist. Die Geschichte ihrer Erhebungen geht zurück bis 1916, als ein Tuareg-Aufstand im benachbarten Niger in der Schlacht von Agadez durch die französischen Kolonialherren blutig niedergeschlagen wurde. Dunkelhäutige Sklaven, die von den Tuareg in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, wurden von den Franzosen befreit.

Seit der Unabhängigkeit Malis von Frankreich in den 1960er Jahren fühlen sich die Tuareg von der Regierung benachteiligt und streben einen eigenen Staat an, konkret geht es um die drei Provinzen Kidal, Timbuktu und Gao im Norden Malis. 1963, 1990 und 1996 kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Armee, die den Rebellen schwere Niederlagen zufügte. Als jüngst im benachbarten Libyen Muammar al-Gaddafi gestürzt wurde, kehrten viele Tuareg, die als Söldner in den Diensten des Diktators standen, zurück in den Norden Malis - und brachten ihre Waffen mit. Gaddafi hatte schon in den 90er Jahren Ausbildungslager für Tuareg-Rebellen in der Sahara eingerichtet.

Die Regierung wirft der MNLA Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida vor. Einen Waffenstillstand machte Rebellenchef Bilal Ag Chérif von der "Anerkennung unserer Rechte" durch die Regierung Malis abhängig. Deren Behauptung, die MNLA habe Verbindungen zu dem Terrornetzwerk "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" (AQMI), wies er als "Lüge" zurück. Ebenso bestritt er, dass seine Bewegung über Waffen aus Libyen verfüge. (APA/flon, derStandard.at, 6.2.2012)

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    Die traditionelle Tracht der Tuareg, hier auf einem Symbolbild, wird mit Indigo blau gefärbt.

  • Ein Drittel des malischen Staatsgebiets wird von den Tuareg beansprucht.
    grafik: derstandard.at/stepmap

    Ein Drittel des malischen Staatsgebiets wird von den Tuareg beansprucht.

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    In der malischen Hauptstadt Bamako kam es wegen der Nachrichten aus dem Norden zu Unruhen.

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