Umfrageergebnisse, über den Daumen gepeilt

Blog6. Februar 2012, 15:07
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Warum Umfrageinstitute für die Menschheit so unerlässlich sind wie Ratingagenturen

In Frankreich, wo fast täglich eine Umfrage zu den Präsidentschaftswahlen erscheint, verfügen Meinungsforschungsinstitute über beträchtlichen Einfluss. Aufgrund ihrer Zahlen bestimmen die Fernsehstationen, wie viel Raum sie den einzelnen Kandidaten einräumen. Wenn zum Beispiel die grüne Kandidatin Eva Joly auf weniger als fünf Prozent abrutscht, kommt sie am Bildschirm fast nicht mehr vor, während Frontrunner François Hollande nur einen Bauernhof besuchen muss, um wichtige Sendezeit zu erhalten. Ganz generell zementieren die Institute die etablierte Ordnung, indem sie an die Favoriten einen Bonus verteilen und den Nachzüglern einen Verliererstempel aufdrücken.

Ein Problem ist dabei, dass Opinionway und Viavoice, TNS-Sofres und BVA bei ihren Erhebungen gründlich schummeln. Sie nennen das "pondération". Das bedeutet laut Langenscheidt "Gleichgewicht(slehre), Abwägen". Und es geht so. Ipsos oder Ifop rufen im Auftrag einer Partei oder einer Zeitung zum Beispiel bei 1.037 Leuten an und fragen: "Wen würden Sie wählen, wenn der präsidiale Urnengang heute stattfände?" Die Krux ist, wie immer in Frankreich, der Front National. Denn am Telefon räumen nur etwa fünf Prozent der Befragten ein, dass sie für die Rechtsextremen stimmen. Bei der folgenden - geheimen! - Wahl legen dann etwa dreimal mehr Franzosen einen Stimmzettel des FN ein.

Um diese Diskrepanz wissen auch die Umfrageinstitute. Also runden sie beim FN, meist auch bei den Kommunisten, etwas auf - was sie nebenbei zwingt, bei anderen Parteien etwas abzurunden, da sonst mehr als 100 Prozent Meinungen entstehen. Das ist "Ponderieren". Diese Wissenschaft des angefeuchteten Daumens kommt ganz exakt daher: Ausgehend von der beglaubigten Stimmenzahl, die der Front National bei den letzten Wahlen gemacht hat, bestimmt das Institut einen Faktor X, mit dem die Telefonantworten des FN multipliziert werden. Aber fragen Sie mich (und die Institute) nicht, wie der Faktor ermittelt wird. 

Der "Canard Enchaîné" enthüllte 2007 einzig, dass Ipsos den gerade angewendeten Faktor auf 3,278 veranschlage. Das Satireblatt nimmt an, dass diese Zahl rückwirkend "ponderiert" wurde, um auf eine plausible Zahl von FN-Sympathisanten zu kommen. Also nicht in etwa nach dem Gefühl. Dank des ominösen Faktors 3,278 schauten in jenem Wahlkampf 16,7 Prozent Le-Pen-Anhänger heraus, was gar nicht so schlecht "gefühlt" war. Am Telefon hatten allerdings nur 5,1 Prozent der Franzosen ihre geheime Liebe zum FN erklärt.

Diese Praxis erklärt zum Teil, warum man bei französischen Meinungsumfragen nie das Gefühl loswird, sie seien "gefühlt". Auch im Wahlkampf 2012? Ich hatte kürzlich die seltene Gelegenheit, die Frage einem Vertreter eines solchen "institut de sondage" zu stellen. Ich schaute zuerst in einem kleinen Pariser Fernsehsender aus den Kulissen zu, wie der junge Mann vor laufender Kamera mit erhobenem Zeigefinger dozierte. Drei Monate vor der Wahl sei noch gar nicht sicher, wer die Präsidentschaftswahl gewinnen werde, meinte er bedeutungsschwanger, als verkünde er die letzte Bibel-Wahrheit. Immerhin ging er davon aus, dass der Sozialist François Hollande (rund 30 Prozent der Stimmen) und der amtierende Staatschef Nicolas Sarkozy (24 Prozent der Stimmen) wohl in die Stichwahl vordringen würden; Marine Le Pen (20 Prozent) und auch der Mittepolitiker François Bayrou (15 Prozent) würden unter sich die Plätze drei und vier ausmachen.

Nur Krisenfrust

Nach der Sendung fragte ich den jungen Mann, ob wirklich 20 Prozent der Befragten am Telefon zugegeben hätten, sie seien für die garstige Marine - oder ob etwas ponderiert worden sei. Der Angesprochene entgegnete entrüstet, solche Praktiken (die immerhin noch 2007 üblich waren) gebe es heute nicht mehr; bei Marine Le Pen seien sie ohnehin nicht nötig, da die neue FN-Kandidatin viel salonfähiger als ihr Vater sei. Halten sich die "Frontisten" also nicht mehr schamvoll bedeckt, wenn ein Sondage-Institut anruft? Im Gegenteil!, rief der schneidige Befrager aus: Es sei anzunehmen, dass viele erst recht Le Pen angäben, um sich ein wenig Krisen-Frust von der Seele zu laden.

Ich hätte den "sondeur" gerne noch gefragt, ob man deshalb nicht gegenponderieren müsste. Aber er hatte es eilig. So bleibt die Frage offen, wie die Zahl der 20 Prozent FN-Anhänger zustande gekommen ist. Vielleicht hatten sich in Wahrheit ja 25 Prozent der Befragten als Le-Pen-Anhänger geoutet, was dem Institut doch ein wenig hoch erschien, sodass es zur Sicherheit etwas abrundete. Wenn ich richtig rechne, hätte grosso modo ein Faktor 1,278 hinhauen können.

Da kann es nicht erstaunen, dass die Umfragen mit der Realität bisweilen nicht mehr Schritt halten. 2002 stieß Jean-Marie Le Pen in den zweiten Wahlgang vor (er erzielte 16,86 Prozent der Stimmen, 0,68 Prozentpunkte mehr als der Sozialist Lionel Jospin; in der Stichwahl unterlag er mit 17,79 Prozent Jacques Chirac). Kein einziges Institut hatte dieses Szenario in einer Umfrage vorhergesehen. Trotz allen Ponderierens.

PS: Der dissidente Ex-Sarkozy-Berater Dominique Paillé beschreibt in einer Politfiktion, wie Sarkozy und Hollande am 22. April 2012 im ersten Wahlgang scheitern. In die Endrunde stoßen Marine Le Pen und der Mittepolitiker François Bayrou vor. Der ganze Ablauf ist in dem Buch frei erfunden. Sonderbarerweise klingt das Ganze realitätsnaher als all die Umfragezahlen in den Pariser Zeitungsspalten. (derStandard.at, 6.2.2012)

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    Die grüne Kandidatin Eva Joly und der in den Umfragen führende François Hollande.

  • Panique à l'Élysée. Roman.
    foto: cover
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