Freie ORF-Mitarbeiter: "Selten kommt man über zehn Euro Stundenlohn"

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Fordern "faire Honorare": Anna Soucek (Ö1), Marlene Nowotny (Ö1), Simon Welebil (FM4) und Michael Fiedler (FM4)

"Kein sicherer Arbeitsplatz, keine sichere Auftragslage. Keine Aufstiegsperspektiven, zumindest jetzt." So skizzieren die freien ORF-Mitarbeiter im derStandard.at-Chat ihre momentane Arbeitssituation: "Viele haben keinen Anspruch auf Krankenstand, Urlaubsgeld oder Arbeitsausfallsentschädigung."

Derzeit laufen Verhandlungen über höhere Honorare und eine bessere soziale Absicherung mit ORF-Radiodirektor Karl Amon. Eine Abschluss soll noch vor dem Sommer erfolgen, Streik sei momentan keine Option: "Wenn nur die Freien streiken würden, ginge uns schneller das Geld aus, als den Sendern das Programm."

Die Forderungen orientieren sich an den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland. Dort sei die Entlohnung "mindestens doppelt so hoch, teilweise wird das Dreifache bezahlt." (om)

ModeratorIn: Wir begrüßen die freien ORF-MitarbeiterInnen Anna Soucek (Ö1), Marlene Nowotny (Ö1), Simon Welebil (FM4), Michael Fiedler (FM4) zum Chat und freuen uns auf spannende Fragen!

ORF-MitarbeiterInnen: Wir freuen uns auf spannende Fragen.

UserInnenfrage per Mail: Wie viel verdienen Sie im Schnitt? Zum Beispiel hochgerechnet der Stundenlohn?

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Schwierig zu sagen. Erstens kommen wir je nach Beitrag bzw. Sendung auf unterschiedliche Stundenlöhne und je nach Auftragslage auf unterschiedliche Monatsgehälter.

UserInnenfrage per Mail: Warum wurden die Proteste erst vor kurzem an die Öffentlichkeit getragen?

ORF-MitarbeiterInnen: Soucek: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Interne DIskussionen und Verhandlungen gibt es schon länger, aber nun hatten wir - übrigens sehr spontan - das Gefühl, dass wir ohne öffentliches Interesse nicht weiterkommen. Nowotny: Wir hatten dann die Möglichkeit im Standard einen Kommentar zu veröffentlichen. Und diese erste Medienöffentlichkeit hat dann die Proteste ins Rollen gebracht.

UserInnenfrage per Mail: War die Causa Pelinka der Anlass, um öffentlich zu protestieren?

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Sie war zumindest einer der Auslöser. Nachdem jahrelang keine neuen Anstellungen im redaktionellen Bereich möglich waren, konnte dann plötzlich doch gutdotierte Posten für Herrn Pelinka und andere geschaffen werden.

Kuntzerhofer Aldachmer: Haben sie nicht die Befürchtung, im Zuge dieser Protestaktion als Sachkosten in einem Leasingunternehmen (wie viele Techniker) zu landen

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Wir sind bereits "Sachkosten" - zumindest werden unsere Honorare so abgerechnet. Outsourcing ist natürlich auch keine Lösung.

mad 006: Als begeisterter Ö1-Hörer bin ich etwas irritiert wegen "prekärer ORF-Verhältnisse". Wie kann ich mir den Arbeits- und Einkommensalltag einer freien Ö1-Mitarbeiterin nun wirklich vorstellen?

ORF-MitarbeiterInnen: Nowotny: Das ist bei uns allen sehr unterschiedlich. Jede Sendung verlangt eine andere Arbeitsweise. Die Arbeit besteht aus Interviews, Recherchen, Schnitt, Sprechen, Texten, Studiomischung oder Live-Moderation. So viel zu den abwechslungsreichen, spannenden Tätigkeiten. Der Rest ist Administration und Büroarbeit. Einen Stundenlohn sollte man sich aber nicht ausrechnen.

besson: kann man wenn man den stundenlohn im vergleich zu anderen branchen sieht wirklich von "prekär" sprechen?

ORF-MitarbeiterInnen: Soucek: Prekär sind die Arbeitsverhältnisse der Freien Mitarbeiter des ORF - ebenso wie in anderen Branchen, freilich. Wir werden pro Beitrag bezahlt, nicht nach tatsächlichen Arbeitsstunden. Die Bandbreite ist groß: besonders bei aufwändigen Sendungen, wie einstündigen Features, kommt man nur auf wenige Euro pro Stunde. Selten kommt man - allgemein gesprochen - über zehn Euro Stundenlohn. Brutto.

gud: Wie viel des Orf-Programmes geht auf Freie Mitarbeiter zurück? Geschätzt?

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Ich habe mir wahllos einige Tage aus dem Jänner und Februar rausgesucht, da kommen bei FM4 im Schnitt 59% der redaktionell aufbereiteten Programmelemente - außerhalb der News, des Reality Check und der Spezialsendungen in der Nacht - von Freien. Nowotny: Bei Ö1 sind es über 50%. Bei manchen Sendungen, wie dem Radiokolleg ist es wesentlich mehr.

richard lewis: bin selbst FM beim TV. auch wir gelten als "Sachkosten". wir dürfen auch keinen betriebsrat wählen, daher fühlt sich der auch nicht zuständig,eher im gegenteil. wie solls jetzt weiter gehen?

ORF-MitarbeiterInnen: Soucek: Beim ORF? Hier fühlt sich der Betriebsrat - obwohl er offiziell ebenfalls nicht zuständig ist und wir ihn auch nicht wählen dürfen - für uns zuständig, verhandelt in unserem Namen und setzt sich für unsere Forderungen ein. Das wichtigste ist: organisiert Euch. Trefft Euch. Lernt einander kennen. Stellt Forderungen.

UserInnenfrage per Mail: Wie sehen die Forderungen konkret aus? Wollen Sie, dass alle freien MitarbeiterInnen angestellt werden?

ORF-MitarbeiterInnen: Welebil: Die Hauptforderung ist die Erhöhung der Honorare. Natürlich wären mehr Dienstposten notwendig, aber wir wollen etwas für alle Freien im ORF erreichen, auch für jene, die nicht angestellt werden wollen.

John Zoidberg, Dr.: erklären Sie dem gemeinen User einmal genau mit welchen sozialen Nachteilen Sie leben müssen, z.B. Schutzgelderpressung durch die SVA. Die Bevölkerung muss verstehen lernen, dass sich "prekär" nicht nur auf die Entlohnung bezieht. lg, ein nicht ORFl

ORF-MitarbeiterInnen: Nowotny: Die SVA ist natürlich eine Versicherung, die für WenigverdienerInnen problematisch ist. Nicht nur, dass der Arbeitgeber keinen Anteil an den Beiträgen übernimmt, es bleiben ja auch immer die 20% Selbstbehalt. Hinzu kommt, dass viele von uns zu einer Doppelversicherung gezwungen sind. Soucek: Weiters "prekär": viele haben keinen Anspruch auf Krankenstand, Urlaubsgeld oder Arbeitsausfallsentschädigung. Kein sicherer Arbeitsplatz, keine sichere Auftragslage. Keine Aufstiegsperspektiven, zumindest jetzt. Und natürlich zu geringe Honorare, um für später oder den Notfall vorsorgen zu können.

Elsa Vladimirow: Wie ernst kann man die kolportierten Lösungsangebote von Amon nehmen?

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Wir hatten den Eindruck, dass er ernsthaft mit uns verhandelt und an einer Lösung interessiert ist.

zgodovinar: Die Verhältnisse, die Sie hier beschreiben, hören sich nach Scheinselbstständigkeit an. Eigentlich gehören Sie alle angestellt. Was sagen Betriebsrat, Arbeiterkammer und Gebietskrankenkasse dazu? Überlegen Sie zu klagen?

ORF-MitarbeiterInnen: Nowotny: Jeder Fall ist unterschiedlich zu bewerten. Wie gesagt, wir kriegen unterschiedliche Honorare und arbeiten in unterschiedlichem Ausmaß für den ORF.

Bananinger: sollte man nicht angehende Journalisten warnen, derartige Beschäftigungsverhältnisse einzugehen?

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Ich habe den Eindruck, dass die Situation der Freien medienübergreifend sehr ähnlich ist. Man stellt sich am Anfang auf einige Jahre als FreieR ein und merkt erst dann, dass es keine Verbesserung gibt. Wo sind die Freien beim Standard, der Presse, die ausgelagerten MitarbeiterInnen von ATV?

UserInnenfrage per Mail: Ö1 wird immer als Aushängeschild für öffentlich-rechtliches Programm genannt. Kommt man sich da nicht doppelt "verarscht" vor?

ORF-MitarbeiterInnen: Soucek: Jawohl. Nowotny: Es ist richtig, dass Ö1, aber auch FM4 immer wieder herhalten müssen für den Programmauftrag. Aber weil sie keine oder zu wenig Werbegelder lukrieren, werden sie budgetär auch ein bisschen stiefkindlich behandelt. So unsere Einschätzung.

aana: Wie groß ist der Einkommensunterschied zwischen Ihnen und den regulär angestellten ORF Mitarbeitern, die im Wesentlichen die gleiche Arbeit machen?

ORF-MitarbeiterInnen: Welebil: Wir wollen hier keine Neiddebatte aufkommen lassen, wir bekommen zu wenig bezahlt, nie die Angestellten zu viel. Fiedler: Würde ich angestellt, bekäme ich netto zwischen 800 und 1000 Euro mehr pro Monat.

chakra: Warum streiken Sie nicht? Möchte mal sehen, was passiert, wenn der Schirm schwarz bleibt oder das Radio stumm!

ORF-MitarbeiterInnen: Soucek: Momentan ist das keine Option, wir sind ja in Verhandlungen. Wenn nur die Freien streiken würden, ginge uns schneller das Geld aus, als den Sendern das Programm.

Miklova Zala: Planen Sie langfristig den Protest auf eine allgemeinere Ebene zu ubertragen? Also auch die Angestellten und Sendungschefs zu mobilisieren, die leiden ja auch unter Personalabbau, Zwangspensionierungen usw.?

ORF-MitarbeiterInnen: Soucek: Wir sind ständig in Kontakt mit den Sendungsverantwortlichen, dem Redakteursrat und dem Betriebsrat - deren Unterstützung ist für unsere Anliegen natürlich extrem wichtig. Es wäre deren Aufgabe, den Druck entsprechend weiter zu geben und damit auch eine Verbesserung der Arbeitssituation aller, der Freien und angestellten MitarbeiterInnen, zu erreichen.

anna lelola: Gibt es Druck auf die Freien wegen der Proteste? (weniger Aufträge, etc.)

ORF-MitarbeiterInnen: Soucek: Nein. Eher Unterstützung.

John Zoidberg, Dr.: und ist eine anstellung nun auch wirklich die lösung? oder aber gibt es befürchtungen, dass auch dann (oder dann erst recht) das verhältniss arbeitsaufwand vs. entlohnung nicht passen wird/kann?

ORF-MitarbeiterInnen: Welebil: Eine Anstellung ist nicht für alle die beste Lösung, aber die Entlohnung wäre auf jeden Fall besser. Nicht jedeR aber will ein solches Arbeitsverhältnis, deshalb die Konzentration auf die Erhöhung der Honorare.

subveren: warum sind die elefanten nicht solidarischer? bekannterweise gibt es im orf ja eine handvoll top-verdiener. warum ermutigt man die nicht aus solidarität mit den kollegen zurückzuschrauben und so mehr einkommensgerechtigkeit zu fördern. (ich weiß, es

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Wir wollen wirklich keine Neiddebatte. Wir erheben nur Anspruch auf faire Honorare. Und wenn sich die Managementgehälter an den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern orientieren, dann sollten deren Honorarkataloge auch dem unseren angeglichen werden. Das würde wenigstens eine Verdoppelung bringen.

UserInnenfrage per Mail: Weil immer der Vergleich mit öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland gezogen wird: Um wie viel sind die Honorare höher?

ORF-MitarbeiterInnen: Fiedler: Haben wir eben beantwortet. Sie sind mindestens doppelt so hoch, teilweise wird das Dreifache bezahlt.

Trombone53: Haben freie Mitarbeiter mit dem ORF Exklusiv-Verträge oder dürfen diese beispielsweise auch von der Wirtschaft Verträge annehmen? Können Sie ihre Verträge in kurzen Worten formulieren?

ORF-MitarbeiterInnen: Nowotny: Schwierig zu sagen, weil auch die freien MitarbeiterInnen unterschiedliche Verträge haben. Aber für Ö1 oder FM4 MitarbeiterInnen ist es relativ schwierig etwas passendes bei den Privatradios zu finden... ;)

buddhabauch: Für mich scheint das so als wäre der ORF von seinen freien Mitarbeitern abhängig, wie das Bundesheer von seinen Grundwehrdienern. Das Rad würde nicht laufen ohne euch. Seht ihr das auch so?

ORF-MitarbeiterInnen: Welebil: Das Programm in dieser Form und Qualität ist ohne die Freien sicher nicht möglich.

beos: Ungefähr wieviele von den freien Mitarbeitern beim ORF sind ausschließlich für den ORF tätig? (Einkommen durch den ORF macht mehr als 90 % des Gesamteinkommens aus)

ORF-MitarbeiterInnen: Nowotny: Wieder schwierig zu beantworten. Es gibt keine offiziellen Zahlen dazu. Wir schätzen, dass es insgesamt mindestens 250 Freie beim ORF gibt. Wieviele ihren Arbeitsmittelpunkt im Unternehmen haben schwankt, aber es sind viele.

multatuli: Bei uns Zuhause wird sehr viel Ö1 gehört und ein Teil meiner meiner Deutschkenntnisse verdanke ich Ö1. Es ist ein sehr guter Sender, auch im internationalem Vergleich. Wir finden es beschämend dass Sie so wenig verdienen und Sie haben unsere volle S

ORF-MitarbeiterInnen: Vielen Dank für Ihre Solidarität! Wir brauchen den Rückhalt unserer HörerInnen und SeherInnen, um weiterhin gute Arbeit leisten zu können.

ModeratorIn: Wir bedanken uns sehr herzlich bei den Chatgästen und den vielen Fragen. Schönen Nachmittag noch!

ORF-MitarbeiterInnen: Danke für die spannenden Fragen und das Interesse!

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