Bleifrei: Der Verkehrsblog

Schwarzkappler: Die Monatskarte mit dem Gatten bestattet

Blog | Bianca Blei, 7. Februar 2012, 10:29
  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/blei

    Rund drei Prozent aller kontrollierten Fahrgäste fahren schwarz.

Özgür G. ist einer von 200 Fahrkartenkontrolleuren, die Schwarzfahrer festhalten dürfen und dabei vier Euro verdienen

Etwa zehn Männer und Frauen in gelben Westen stehen am oberen Ende der Rolltreppe und hindern die hinaufströmenden Menschen am Durchgehen. Sie sind Fahrkartenkontrolleure der Wiener Linien und Teil einer Schwerpunktaktion in der U-Bahnstation Landstraße. Die meisten Personen kramen gleich nach ihren Fahrscheinen, manche aber überlegen sich offensichtlich noch einmal, ob sie bei der richtigen Station ausgestiegen sind. Doch auch auf der Rolltreppe kehrtzumachen und gegen die Fahrtrichtung nach unten zu eilen bringt nichts. Durch einen Pfiff machen sich die Schwarzkappler gegenseitig auf die "Flüchtenden" aufmerksam und sprinten hinterher.

Die Urban Legend, dass Kontrolleure weglaufende Personen nicht anhalten dürfen, ist nicht richtig. Der Oberste Gerichtshof entschied im Jahr 2007, dass die Schwarzkappler ein "privates Selbsthilferecht" nach dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) haben. Bis die Exekutive kommt, dürfen Personen festgehalten werden. "Dass die Polizei kommen muss, passiert aber sehr selten", sagt Özgür G., der seit Dezember 2009 als Kontrolleur bei den Wiener Linien arbeitet. Nur bei manchen Schwerpunktaktionen seien die Beamten bereits von Anfang an dabei: "Am Schweden- oder Karlsplatz zum Beispiel."

Vier Euro brutto pro Schwarzfahrer

Am Beginn der Ausbildung steht ein Theoriekurs, in dem unter anderem die unterschiedlichen Fahrscheinarten vermittelt werden. "Auch wie die unterschiedlichen Entwertungsarten zu lesen sind, wurde vermittelt", sagt der gelernte Elektroanlagentechniker Özgür. Wien etwa hat ein anderes System als Niederösterreich. Ist sich ein Schwarzkappler doch nicht sicher, ob eine Fahrkarte gültig ist, wird ein Kollege hinzugezogen. "Dass wir wirklich nicht wussten, was zu tun ist, ist noch nie passiert", sagt Özgür.

Als Anreiz, während des Dienstes in regelmäßigen Abständen die Fahrgäste zu kontrollieren, erhält jeder Schwarzkappler vier Euro brutto pro ertappten Schwarzfahrer. "Der Bonus ist aber auch so niedrig angesetzt, dass die Kontrolleure selbst entscheiden können, ob sie einmal jemanden laufen lassen", sagt Unternehmenssprecher Dominik Gries. "Zwei Euro netto weniger am Ende des Monats sind schließlich kein allzu großer Verlust."

Monatskarte beerdigt

Deshalb ließ Özgür auch schon einmal eine ältere Dame ohne Zahlschein passieren, die behauptete, dass ihre Monatskarte mitsamt ihrem Mann im Sarg liegen würde. "Sie hatte auch alle Papiere von der Beerdigung dabei", sagt der Kontrolleur. Deshalb habe er ihr, trotz "eigentlich unglaubwürdigen Grundes", geglaubt. 08/15-Ausreden wie "Mein Hund hat den Fahrschein gegessen" oder "Ich war mit der Jahreskarte in der Therme, und jetzt ist sie unleserlich" würden bei ihm allerdings nicht mehr funktionieren.

Die Fahrscheinkontrollen durch MitarbeiterInnen der Wiener Linien wurden laut Gries im Jahr 2011 deutlich ausgeweitet. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr knapp sechs Millionen Fahrgäste überprüft. Das entspricht einem Plus von zwei Millionen Menschen im Vergleich zu 2010. Im Schnitt seien täglich etwa 100 der 200 Kontrollorgane gleichzeitig im Netz unterwegs und würden rund 20.000 Kontrollen durchführen. Etwa drei Prozent aller überprüften Fahrgäste sind durchschnittlich Schwarzfahrer. (Bianca Blei, derStandard.at, 7.2.2012)

Denken Sie, dass in Wien zu viel/zu wenig kontrolliert wird? Haben Sie Erfahrungen mit Schwarzkapplern/Schwarzfahrern? Posten Sie Ihre Meinung im Forum oder schreiben Sie mir ein Mail.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 591
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13
Kevin Valachovic
00
28.2.2012, 22:28

Merke: Dem guten Mann einen 10er zustecken und er wäre blöd, Sie weiter zu belästigen.
Für Ihn ein Gewinn von 8 Euro und für Sie einer von über 60.

kanvier
00
28.2.2012, 23:41
das ist eine glatte

Aufforderung zur Bestechung und da soll sich noch einer aufregen über unsere Politiker!

Animation
 
03
28.2.2012, 15:17
ist doch längst bekannt, dass die wiener linien ohne fahrkarten mehr geld einsparen würden, als sie dadurch einnehmen

die ganzen personalstellen die wegfallen, die ganze technik die wegfällt und die servericeverträge, wartungsverträge, anschaffungs und instandhaltungskosten, etc. etc. etc.

öffentliche verkehrsmittel sind öffentlich von uns allen finanziert und sollen keinen gewinn erwirtschaften, sondern und überall hin bringen ohne dass wir selbst fahren müssen.

in der schweiz funktioniert zumindest der letzte punkt ziemlich gut.

\/
01
22.2.2012, 18:51

ich hab mal von jemandem gehört, der schon seit 10 jahren schwarz fährt. wenn er erwischt wird, nimmt er gerne den zahlschein, weil einfach billiger ist.

Stephan Fadinger
00
ja, sowas solls tatsächlich geben!

Unbezahlte Anzeige
00
28.2.2012, 16:02
Das letzte Abenteuer...

Jo - ich zahle schlichtweg, wenn ich erwischt werde. Naja, manchmal nicht: Da stelle ich mich hin wie ein sturer Esel und sage: Holens die Polizei.
Die kommt aber nicht, und das wissen die Schwarzkappler auch. Wenn dann die 3. Ubahn ohne sie abgefahren ist, nojo - dann lassens mich in Ruhe ;-)

paranoider Langzeitstudent
00
26.2.2012, 20:35
und den wichtigsten Teil dieser Taktik

entnehmen sie dem ersten Satz des Artikels: Wenn Rolltreppen und Treppen getrennt voneinander verlaufen (zB Praterstern), kann man auf zweiteren bequem an der Kontrolle vorbeigehen.

Außerdem schadet es nie, auf Twitter nach den Stichworten Wien und Kontrolle zu suchen bevor mein die Reise antritt.

mfg, Schwarzfahrer seit 2 Jahren

triturus trit
00
24.2.2012, 21:41
Sieh an,

ein Kollege.
Gruß!

Angemerkt sei, mich treibt der sportliche Ehrgeiz und nicht die Einsparung.

Woodpecker
02
15.2.2012, 23:06
Kosten und Nutzen der Fahrausweis-Infrastruktur

Ich kann mir vorstellen, daß ein kompletter Verzicht auf Fahrkartenautomaten, Entwerter, Kontrollen ... ein Einsparpotenzial hätte. Im Gegenzug könnte Wien eine "Verkehrsabgabe", die etwa an Wohn-, Hotel- oder Arbeitsplätze gekoppelt ist, einheben: Besucher würden sie mit dem Hotel mitzahlen, Bürger und auch Pendler entsprechend mit Miete/Betriebskosten. Auch Autofahrer müßten mitzahlen, könnten aber jederzeit umsteigen.
Keine Fahrscheine und Automaten, kein Schwarzfahren, keine Bürokratie und Schlangen bei Semesterbeginn mehr, kein Tarifdschungel mit Ermäßigungen und deren Gültigkeiten. Kein Busfahrer bräuchte mehr Fahrscheine ausgeben.
Ein Teil der Kontrolleure kann immer noch guten Dienst bei der Stations- und Zug/Busüberwachung tun.

Flieg Wurstsemmel Flieg
 
01
22.2.2012, 21:12
Man könnte ja den Pflichtbeitrag bei den Arbeiterkammern

.. umwidmen in diese Richtung und den Verein einstampfen.

Coleman Silk
00
16.2.2012, 10:52

das problem bei der sache: es wäre eine richtungsentscheidung, noch dazu in die objektiv richtige richtung - das bedeutet dass kapital hat massiv etwas dagegen. klar, der menschheit (andere sagen bevölkerung) würde es viel bringen, aber die bezahlt ja nur einen bruchteil der politiker einkünfte.

häufig wird vergessen dass sich korruption nicht nur deutlich an schmiergeldkonten erkennen läßt (die noch dazu erstmal gefunden werden müssen) sondern mindestens genauso deutlich an politischen entscheidungen.
wenn "die politik" ständig sagt, das geht nicht, weiß der mündige bürger (und auch der halbwegs intelligente mensch) da ist jemand gut bezahlt worden.

ned echt
00
15.2.2012, 10:59
Kostenrechnung

mich würde eine einfache Kostengegenüberstellung interessieren:
welche Einnahmen und welche Ausgaben sind mit dem Öffi-Netz verbunden. Wenn alle gratis fahren dürfen sinken die Ausgaben und die Einnahmen. Der Zuschuss durch die öffentliche Hand steigt. Aber es würden weit mehr die Öffis nutzen und der eigentliche Gewinn liegt in der Umweg / Umweltrentabilität. Weniger dreckige Luft, weniger KFZ, weniger Parkplatzbedarf etc.

-O ||||||| O-
00
28.2.2012, 14:15

weniger treibstoffverkauf, weniger einnahmen aus verkehrsstrafen etc

aus den selben gründen unternimmt unser krankenminister nichts dagegen, die jugend vom rauchen abzuhalten

Tuncay
41
11.2.2012, 17:37

4 Euro ist recht billig für das blaue Auge das er bekommt wenn er mich festhält.

Flieg Wurstsemmel Flieg
 
10
22.2.2012, 21:15
Und die beiden blauen Blinker die ich ihnen schlage

.. wenn ich zusehe, wie sie jemanden mißhandeln, sind mir gerne ein paar Euro wert ......

Tuncay
00
23.2.2012, 15:42

hahahahah

Technikum Wien Student
21
14.2.2012, 20:12

§83 StGB:
(1) Wer einen anderen am Körper verletzt oder an der Gesundheit schädigt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

(2) Ebenso ist zu bestrafen, wer einen anderen am Körper mißhandelt und dadurch fahrlässig verletzt oder an der Gesundheit schädigt.

WeirdST
03
11.2.2012, 09:43
Den Wiener Linien ...

... fehlt es an Bauernschläue. Anstatt Horden an Kontrolleuren ungezielt ausschwärmen zu lassen kann man es auch wie die U-Bahnen in Budapest machen:

die Kontrollen in den nächsten zwei, drei Stationen im Zug ankündigen. Wer schwarz fährt kann halt nicht aussteigen, fährt viel zu weit, muß sich Bim, Bus, Taxi suchen um zurückzufahren, kommt zu spät zur Arbeit, ärgert sich etc.

Jeder glaubt er wird nie erwischt, daher sind großflächige Kontrollen zur Hebung der Zahlungsmoral wenig zielführend. Die Budapester Methode wirkt jedoch.

josefa maier449
00
10.2.2012, 10:24
Gibt es Treffen oder eine homepage von Leuten die schon oft

erfolgreich geflüchtet sind? Ich würde mich denen gerne anschließen.

Stephan Fadinger
00
angeblich gibts mittel und wege!

josefa maier449
21
10.2.2012, 10:07
Ich werde nie vergessen,

als mir mein Abschminköl in der Tasche ausgeronnen ist, mein Fahrschein ganz fett wurde und ich kontrolliert wurde.
Ich mußte aussteigen und die de.erten Kontrolleure haben tatsächlich gedacht, ich hätte den Fahrschein manipuliert um ihn öfter verwenden zu können. Die haben mich aufgehalten und mit der Taschenlampe den Fahrschein untersucht. Es war so ärgerlich von zwei Dölpeln festgehalten zu werden.
Wr. Linien erspart mir so was bitte in Zukunft, mit so beschränkten Leuten zu tun zu haben, ja?

obstbau1
00
28.2.2012, 14:23
Liebe Josefa, ...

... der "Dölpel" ist, mag er auch beschränkt sein wie er will, immer noch ein "Tölpel".

pascale
01
10.2.2012, 11:22
Mir hat ein Kontrollor in Zivil wortlos einen Ausweis

unter die Nase gehalten. So nahe dass ich nichts erkennen konnte, daher habe ich mit der Hand nach dem Ausweis gegriffen um ihn genau zu sehen. Mit den Worten nix angreifen, hat er den Ausweis sofort weggezogen. Ein zweiter (weiblicher) Kontrollor hat dann die Sache bereinigt. Ich habe meinen Fahrschein vorgezeigt, und obwohl ich auch sagte - nix angreifen - hat er ihn trotzdem in die Hand genommen und inspiziert... Was mich auch gestört hat, kein Bitte oder Danke, richtige Tölpel!

tignosa
00
13.2.2012, 12:02
die eigenen Ausweise zeigen sie nicht so gern her

warum wohl?

Saurer Zivi
01
Gratulation den Wiener Linien.

Bei 839 Mio Fahrgästen (Zahl 2010) pro Jahr haben wir bitte schön:

---25,17 Millionen--- Schwarzfahrer.

Bravo Wiener Linien - wie habt ihr das nur gemacht?!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 591
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.