Diese Anmerkungen erscheinen bewusst mit Respektabstand zur feierlichen Seligsprechung Hildegard Burjans. Denn die positiven Aspekte sollen voll zur Geltung kommen: Es wurde eine Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin zur Ehre der Altäre erhoben, die erste weibliche Abgeordnete Österreichs, eine Frau, Ehefrau und Mutter (die bei der Geburt ihres Kindes ihr Leben riskierte - die Ärzte hatten eine medizinisch indizierte Abtreibung empfohlen).
Sogar im Dekret des Papstes war ausdrücklich von ihrem Einsatz für die Würde der Frau die Rede. Bei solchen Themen hat die katholische Kirche in der Regel einen Nachholbedarf. Umso wertvoller wiegt dieses Zeichen.
Nebenbei: Es hätte auch ganz gut in den Stephansdom gepasst, selbstkritisch anzuführen, dass einige österreichische Bischöfe aus den Bundesländern damals Burjans Heime für ledige Mütter als Förderung der Unmoral kritisierten.
Ingeborg Schödl hat es verdienstvollerweise in ihrem Buch "Hildegard Burjan - Frau zwischen Politik und Kirche" (Wiener Dom Verlag, 2008) festgehalten. Dass die Kirchenhierarchie gelegentlich Heilige behindert, scheint im genetischen Code dieser Ämter zu liegen. Das geschichtliche Urteil ist aber klar: Die (Amts-)Kirche steht zum Weg Burjans.
Das hätte auch schon genügt, um einen Lebensweg als Vorbild für nachfolgende Generationen vorzustellen.
Von zwei Eigentümlichkeiten will meine Kirche jedoch nicht lassen (und behindert damit sich selbst im Dialog mit Aufgeklärten).
Erstens die Reliquienverehrung: Da wurde eigens Burjans Sarg ein Knochen entnommen, der nun zur Schau getragen wird. Das kommt nach heutigem Pietätsempfinden dem Strafparagrafen der Störung der Totenruhe näher, als dass es ein Ausdruck der Frömmigkeit wäre.
Zweitens hat die Seligsprechung in der katholischen Kirche immer noch ein (medizinisches) Wunder als Voraussetzung. Die nachkonziliare Theologie hat längst aufgehört, ein Wunder der Glaubenserfahrung nach naturwissenschaftlichen Kriterien zu beurteilen.
Wer dies im traditionalistischen Sinne dennoch tut, begibt sich auf ein Minenfeld: Die Frage nach der medizinischen Erklärbarkeit kann nämlich immer nur vorläufig auf dem Stand der jeweiligen Wissenschaft entschieden werden. Was wäre also, wenn jener Fall, der bei Hildegard Burjan als medizinisches Wunder anerkannt wurde (eine Frau, die als unfruchtbar galt, konnte noch Kinder bekommen), zu einem späteren Zeitpunkt durch neue Forschungsergebnisse wissenschaftlich erklärbar wird? Werden ihr dann die kirchlichen Ehren aberkannt? Das hätte die Selige freilich nicht verdient.
PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 6.2.2012)
Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988 - 1996
Pressesprecher der Caritas, 1996 - 1999 Kommunikationsdirektor der
Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit
2000 Geschäftsführer DER STANDARD.
2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.