Burjan: Selige auf Zeit? - Ein Nachtrag zur Seligsprechung

Wolfgang Bergmann, 6. Februar 2012, 09:53
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    foto: apa/andreas pessenlehner

    Hildegard Burjan wurde am 29. Jänner seliggesprochen.

Diese Anmerkungen erscheinen bewusst mit Respektabstand zur feierlichen Seligsprechung Hildegard Burjans. Denn die positiven Aspekte sollen voll zur Geltung kommen: Es wurde eine Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin zur Ehre der Altäre erhoben, die erste weibliche Abgeordnete Österreichs, eine Frau, Ehefrau und Mutter (die bei der Geburt ihres Kindes ihr Leben riskierte - die Ärzte hatten eine medizinisch indizierte Abtreibung empfohlen).

Sogar im Dekret des Papstes war ausdrücklich von ihrem Einsatz für die Würde der Frau die Rede. Bei solchen Themen hat die katholische Kirche in der Regel einen Nachholbedarf. Umso wertvoller wiegt dieses Zeichen.

Nebenbei: Es hätte auch ganz gut in den Stephansdom gepasst, selbstkritisch anzuführen, dass einige österreichische Bischöfe aus den Bundesländern damals Burjans Heime für ledige Mütter als Förderung der Unmoral kritisierten.

Ingeborg Schödl hat es verdienstvollerweise in ihrem Buch "Hildegard Burjan - Frau zwischen Politik und Kirche" (Wiener Dom Verlag, 2008) festgehalten. Dass die Kirchenhierarchie gelegentlich Heilige behindert, scheint im genetischen Code dieser Ämter zu liegen. Das geschichtliche Urteil ist aber klar: Die (Amts-)Kirche steht zum Weg Burjans.

Das hätte auch schon genügt, um einen Lebensweg als Vorbild für nachfolgende Generationen vorzustellen.

Von zwei Eigentümlichkeiten will meine Kirche jedoch nicht lassen (und behindert damit sich selbst im Dialog mit Aufgeklärten).

Erstens die Reliquienverehrung: Da wurde eigens Burjans Sarg ein Knochen entnommen, der nun zur Schau getragen wird. Das kommt nach heutigem Pietätsempfinden dem Strafparagrafen der Störung der Totenruhe näher, als dass es ein Ausdruck der Frömmigkeit wäre.

Zweitens hat die Seligsprechung in der katholischen Kirche immer noch ein (medizinisches) Wunder als Voraussetzung. Die nachkonziliare Theologie hat längst aufgehört, ein Wunder der Glaubenserfahrung nach naturwissenschaftlichen Kriterien zu beurteilen.

Wer dies im traditionalistischen Sinne dennoch tut, begibt sich auf ein Minenfeld: Die Frage nach der medizinischen Erklärbarkeit kann nämlich immer nur vorläufig auf dem Stand der jeweiligen Wissenschaft entschieden werden. Was wäre also, wenn jener Fall, der bei Hildegard Burjan als medizinisches Wunder anerkannt wurde (eine Frau, die als unfruchtbar galt, konnte noch Kinder bekommen), zu einem späteren Zeitpunkt durch neue Forschungsergebnisse wissenschaftlich erklärbar wird? Werden ihr dann die kirchlichen Ehren aberkannt? Das hätte die Selige freilich nicht verdient.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 6.2.2012)

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988 - 1996 Pressesprecher der Caritas, 1996 - 1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD.

2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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Josef Dvorak
00
21.2.2012, 11:39
Diese geschmacklose Reliquie

erinnert an einen Kauknochen für Hunde.

Thomas Höbelt
 
10
10.2.2012, 15:24
Ist Störung der Totenruhe kein Offizialdelikt ????

Wo bleibt die Anzeige ???

m3a
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macht ihn als papst unglaubwürdig? soll er den glaubwürdig sein? das steht so echt nicht in der job-description...

Tom93
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sie war nicht "die erste weibliche abgeordnete"

das waren mehrere gleichzeitig, die meisten von ihnen sozialdemokratinnen. alle wurden sie 1919 gewählt.

BK W. Shoyssel
00

die erste weibliche ÖVP-Abgeordnete halt.

Chrifa
00
Das nicht,

aber eine(r) der wenigen wahrhaft christlich-sozialen Politiker(innen).
Leider in der heutigen ÖVP und in der damaligen Christlichsozialen Partei eine Minderheit.

Igypop83
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Die wievielte Abgeordnete war sie dann?

°°__°°
10

die sechste
allerdings die erste der vaupeh.
die hats nicht so mit dem gendern

Robert Harsieber
 
00
Ungaubwürdig?

Beim ach so modernen Kirchen-bashing darf man sogar jegliche Logik suspendieren. Ist ja interessant, wenn sogar Theologen nicht wissen, auf welcher Seite sie stehen. Sind wir aufgeklärt, dann darf die Totenruhe doch keine Rolle spielen, es ist ja alles aus. Die Störung der Totenruhe ist nur ein Nachklang der Vor-Aufklärung. Andererseits werden Selige/Heilige nicht selig/heilig gesprochen, sondern es wird ihr Status bloß festgestellt. Entweder ist er/sie es oder nicht. Die Kirche braucht halt nur Kriterien, um das auch der Welt gegenüber zu rechtfertigen. Da darf sie sich durchaus der naturwissenschaftlichen Kriterien bedienen, die in der jeweiligen Zeit verstanden werden. Dieser logische Spagat macht aber einen Theologen unglaubwürdig.

Michael B
02
Das Kriterium "Wunder" ist wohl am wenigsten geeignet, um "der Welt gegenüber"

eine Seligsprechung zu "rechtfertigen"!
Denn das ist NICHT "voraufklärerisch" ??
In den Augen vieler wird dieser peinliche Hokuspokus eher die Person herabsetzen, wenn die Kirche ihr vorbildhaftes Leben für den Glauben nur anerkennt, wenn irgendjemandes Krampfadern verschwinden.
Wunderglaube und Knochenverehrung ist also ein Beweis der "Aufklärung" ??
Interessante Argumentationslinie...

BK W. Shoyssel
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Habe kürzlich eine nette Doku über Jeanne d'Arc gesehen, die 1920 heiliggesprochen wurde.

Der Erzbischof von Orlean hatte damals extra Anweisung gegeben, dass die Kranken in den Spitälern sich im Gebet an Jeanne d'Arc wenden sollen. Und so kam es - statistisch gar nicht verwunderlich - zu den erforderlichen Wunderheilungen.

johann potakowskyj1
 
00
läuft doch immer so

Insbesondere, wenn es um Ordensmitglieder geht. Da werden Kranken auch Reliquien zur Aufbewahrung gegeben. Irgendeine Heilung gibt es dann schon.

Außerhalb von Orden ist es schwer Heilig zu werden. Es schert sich heute keiner darum. was noch geht sind Märtyrer, die brauchen keine Wunder.

Robert Harsieber
 
02
Beweisen???

Wer hat denn von einem „Beweis“ der Aufklärung gesprochen? Was wäre denn da zu beweisen? Im Übrigen ist Naturwissenschaft die methodische Beschränkung auf Materie in Raum und Zeit oder das für alle Menschen gleichermaßen Gültige. Die Behauptung, dass alles andere irreal ist, ist ohnehin keine wissenschaftliche Aussage.

Igypop83
10

Ich denke, er hat gemeint, dass einen aufgeklärten Menschen (Wolfgang Bergmann vielleicht?) es egal sein sollte, ob die Totenruhe eines Menschen gestört wird. Wenn doch, seiner Meinung nach, nach dem Tod eh alles vorbei ist, gibt es keine "Totenruhe", die gestört werden kann.

Drink Grog
09

Vielleicht findet man noch heraus, daß die vom Senfgascharly geheilte Klosterfrau heimlich Hädensa auf ihre Winterkirschen schmierte.

Hofrat Geiger aus der schönen Wachau
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Woran ...

... glaubt jemand, der nicht glaubt?

Liebe Grüße aus der Wachau! ;-)

Balalon
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Welche Haarfarbe hat ein Glatzkopf?

scandigypt
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jemand der an keinen Gott glaubt, glaubt wohl an den Mensch - und genauso sind die Menschenrechte entstanden: mitmenschlich aber säkular, also gerecht.

a grinch in the matrix
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jemand der nicht glaubt, glaubt nicht. insofern ist ihre frage - entbehrlich.

ich neige immer mehr zu der ansicht, dass es einfach unterschiedliche menschen gibt - solche, die für religion empfänglich sind und solche, die es nicht sind. (wobei das noch nichts darüber sagt, ob sich jemand einer religionsgemeinschaft anvertraut oder nicht.)

das wurde mit musikalität verglichen: wer kein ohr für harmonien und melodien hat, dem wird musik nicht fehlen.

hermannar
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hat der standard eigentlich keien anderen sorgen mehr als das ewig gleiche kirchen-bashing?

Walter J. Ferstl
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Hinweis:

In der Kronenzeitung soll ja regelmäßig ein echter römisch-katholischer Bischof schreiben.

Dort dürfte daher das, was Sie als "Kirchen-Bashing" bezeichnen, grundsätzlich nicht vorkommen.

°°__°°
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dann lies doch die kleine zeitung

vallis rosarum
 
19
kirchen-bashing?

Da drückt ein Mann der Kirche ganz zarte Kritik an manchen der -wahrlich anachronistischen- Begleiterscheinungen dieser "Seligsprechung" aus.

Ein bißl Aufklärung ist - nach 300 Jahren- meines Wissens nach inzwischen auch in der Kath. Kirche erlaubt!

Igypop83
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Wolfgang Bergmann ist kein "Mann der Kirche".

paulchen77
43

Das machens halt soo gern, lenkt ab!

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