Belebende transatlantische Sezierkünste des Jazz

11. Juni 2003, 21:36
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Pianist Jacky Terrasson weilte als Gast im Wiener Porgy & Bess

Wien - Dass es sich beim Geburtsort Berlin nur um eine zufällige biografische Fußnote handelt, weiß man spätestens dann, wenn man das leichte Staunen in seinem jugendhaften Gesicht wahrnimmt - ausgelöst durch die Antwort auf seine Frage, ob man auch in Österreich Deutsch spreche.

Jacky Terrasson, Sohn einer Afroamerikanerin und eines Franzosen, in Paris aufgewachsen, in New York beheimatet, hat mit Mitteleuropa nicht wirklich viel am Hut. Und nur wenig mit der Diskussion um die Emanzipation des europäischen Jazz vom amerikanischen und der damit verbundenen Verlagerung des innovativen Schwergewichts in Richtung Alte Welt:

"Ich denke, dass in Europa die Notwendigkeit der Identitätsfindung größer ist, während man in den USA die Tradition afroamerikanischer Musik als kulturelle Errungenschaft pflegt", so der 36-Jährige: "Ich sehe meinen persönlichen Hintergrund als Einheit und habe nie die Notwendigkeit gesehen, etwas miteinander zu verbinden. 'Bist du Franzose oder Amerikaner?' - Ich bin beides!" Das Thema Identität spielte in Jacky Terrassons Werdegang gerade zu Beginn dennoch eine wesentliche Rolle: Als einzigem gebürtigem Europäer wurde auch ihm Anfang der 90er-Jahre das heute verfemte Marketingkonzept eines "Young Lion" übergestülpt, um dem alternden Jazzgenre mittels junger, konservativer Gesichter kommerziell auf die Sprünge zu helfen.

Jugend forscht weiter

Zehn Jahre später ist der Terminus Geschichte, sind viele der damals kurzfristig gehypten Talente von den großen Bühnen verschwunden. Jacky Terrassons Pianistik zeigte Bestand, wie ansonsten nur jene Brad Mehldaus, und gilt heute als Beweis dafür, dass akustischer Jazz sogar im Kontext des klassischen Klavier-Bass-Schlagzeug-Trios noch immer Abenteuer im Kopf bedeuten kann.

Fantasie und etwas Hirnschmalz vorausgesetzt: Schon im CD-Debüt Jacky Terrasson (Blue Note/EMI) von 1995 deutete dieser seine Meisterschaft im Sezieren alter Standardthemen an: Tempodehnungen, rhythmisch-metrische Umdeutungen, das Ausleuchten der Melodien mittels unorthodoxer Farben - für Terrasson bedeutet Musikmachen nicht respektvolle Interpretation, sondern radikale Rekomposition: "Remixing".

Das Zelebrieren von Miles Davis' kaum identifizierbarem All Blues und Duke Ellingtons geisterhaft zerfließender Orient-Hommage Caravan, mit Sean Smith (Bass) und Gerald Cleaver (Drums) als neuen Trio-Kombattanten prägte sich im Porgy & Bess in diesem Sinne besonders nachdrücklich ein: "Ich nehme gerne bekanntes Material, um dem Publikum Anknüpfungspunkte zu bieten", konzediert Terrasson, um gleichzeitig auf Distanz zur Geschichte zu gehen: "Dann aber denke ich nur mehr daran, ein bestimmtes musikalisches Statement zu machen. Das Vehikel ist ein Standard. Aber du musst vergessen, um welches Stück es sich handelt!"
(DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2003)

Von Andreas Felber
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