Ungarischer Aufruf zu europäischer Unruhe

11. Juni 2003, 21:46
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Péter Esterházy antwortet Jürgen Habermas

München - Die von den Philosophen Jürgen Habermas und Jacques Derrida in der FAZ gemeinschaftlich ausgerufene "Wiedergeburt" eines sich seiner modernistischen Tugenden besinnenden Europa - DER STANDARD berichtete - stößt bis dato auf nur wenig Widerhall in der kontinentaleuropäischen Geisteswelt.

Hatte der deutsche Sozialphilosoph Habermas unter Aufbietung eines ganzen Arsenals von abstrakten Vernunftgründen versucht, die Idee einer noch zu findenden europäischen Identität als aussichtsreiches Zukunftsprojekt zu lancieren, so finden seine Bemühungen kontinental ein bloß bescheidenes Echo. Antworten sickern spärlich. Und sie stimmen keineswegs begeistert in die Fantasien gelehrter Zukunftsforschung ein.

Der ungarische Romancier Péter Esterházy (53), von dem zuletzt Verbesserte Ausgabe beim Berlin Verlag erschien, bedenkt die philosophischen Bemühungen Habermas' sogar mit unüberhörbar beißendem Spott: In dem Essay Wir Störenfriede in der Süddeutschen Zeitung wird dem Gedanken an ein einigendes Band von schmerzlich erworbenen Bürgertugenden eine unmissverständliche Abfuhr erteilt.

Insbesondere Habermas' Verweis auf "Kerneuropa" - als eine erwünschte Agentur kompetenter Zukunftsvermittlung, die Rechtsnormen durchsetzt - klingt in osteuropäischen Ohren reichlich unerwünscht. Esterházy: "Ich sitze in Budapest in einem Zimmer, das von der diesbezüglichen Diskussion weit entfernt liegt ... Allerdings liegt nicht nur die Diskussion weit entfernt von Budapest, auch Budapest liegt weit entfernt von der Diskussion."

Esterházy ortet hinter der westeuropäischen Selbstbefragung vielmehr die Tendenz, Ostmitteleuropa "als Störenfried" auszumachen. Lakonische Frage: "Aber wenn wir ausschließlich einen Störfaktor in ihm sehen, worüber wollen wir dann sprechen? ... Wozu dann diese EU-Erweiterung? Aus Altruismus, aus Höflichkeit?"

Der Autor winkt ab: "Beim neuen Ideenwettbewerb bezüglich des neuen europäischen Bewusstseins habe ich das sonderbare Gefühl, als wollten wir einen neuen riesigen Nationalstaat, Identitätsgefühle, einen gemeinsamen Feind (Amerika, Anm. d. Red.) und anstelle der nationalen Charaktereigenschaften euronationale Charaktereigenschaften." Esterházys hintersinniger Alternativvorschlag: "Unruhig werden."
(DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2003)

Von Ronald Pohl
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