Eine Ausstellung von Ausstellungen

12. Juni 2003, 18:13
posten

"Träume und Konflikte - Die Diktatur des Zuschauers": Zur Eröffnung der 50. Ausgabe der "Biennale di Venezia"

Die 50. Ausgabe der "Biennale di Venezia" eröffnet diesen Samstag. Biennale-Leiter Francesco Bonami stellt die Veranstaltung unter den Titel "Träume und Konflikte - Die Diktatur des Zuschauers".


Venedig - Am 30. April 1885 eröffnete die erste Biennale von Venedig. Und damit ein Erfolgsmodell: Am kommenden Samstag, dem 14. Juni, wird die 50. Ausgabe der Biennale feierlich eröffnet. Von 15. Juni bis 2. November hat dann jedermann Zutritt zu den Länderpavillons in den Giardini, den verschiedenen Themenschauen im Arsenale, und zu den Dutzenden begleitenden Präsentationen in der Stadt. Francesco Bonami heißt der Leiter der Jubiläumsschau, die eine Ausstellung von Ausstellungen sein soll.

Anstatt wie Harald Szeemann 2001 das Monsterprogramm allein zu bewältigen, hat Bonami Gastkuratoren eingeladen, sein Thema Träume und Konflikte - Die Diktatur des Zuschauers zu umreißen.

Acht Ausstellungen

Acht thematisch gesonderte Sektionen werden das Arsenale strukturieren: Die Zone of Urgency, um die sich der in Paris lebende chinesische Kurator Hou Hanrou kümmern wird; Individual Systems, betreut vom Slowenen Igor Zabel (Koordinator der Manifesta 3); The structure of Survival, gestaltet von Documenta-11-Kokurator Carlos Basualdo; die Utopia Station, um die sich Molly Nesbitt (Department of Art am Vassar College, Staat New York), der rasende Kurator Hans Ulrich Obrist und die argentinische Künstlerin Rirkrit Tiravanija kümmern werden. Der Abteilung Conflict steht Documenta-10-Leiterin Catherine David vor; The Everyday Altered selektiert der Weltkünstler Gabriel Orozco; um die Clandestines ("die Heimlichen") kümmert sich Bonami selbst; Fault Lines gehen Gilane Tawardos und das Forum Africa Contemporary Art nach.

Das Länderprinzip, viele Biennalen lang thematisiert und als anachronistisch infrage gestellt, sei diesmal "sehr lebendig", meinte Bonami bei einer Präsentation in Wien. In der Kunst sei die Entwicklung langsamer als beim Fußball, da hätten etwa Wales und Schottland eine eigene Mannschaft. Palästina bekommt keinen Pavillon, dafür das Projekt Stateless Nation, welches stellvertretend für Identitätsfragen stehe.

Für Kasper König, Direktor des Museum Ludwig in Köln, war die Zusage Bruno Gironcolis, im österreichischen Pavillon bei der Biennale von Venedig 2003 auszustellen, gleichsam die "Bedingung", den Job als Österreich-Kurator (einmalig) auch anzunehmen. Und sich damit den "Traum" zu erfüllen, über die nötigen Mittel zu verfügen, Bruno Gironcolis ausufernd raumgreifende Skulpturen international ausstellen zu können. Mit einem Budget von 300.000 Euro hat er in Josef Hofmanns Österreich-"Kiosk", eine kleine Werkschau der "international einmalig asynchronen Position" Gironcolis eingerichtet.

Die Schau zeigt einen Querschnitt durch das Werk des 1936 in Villach geborenen Kärntners, der 1977 die Nachfolge von Fritz Wotruba als Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste antrat und seitdem im Ateliergebäude in der Böcklinstraße arbeitet, unterrichtet und auch wohnt. Neben wegweisenden Arbeiten wie Madonna (1975/76) und Vater, Mutter, Kind sind zwei neue Abgüsse von Modellen aus den 90er-Jahren vor dem Pavillon aufgestellt.

Die Enge der Welt

Können Bruno Gironcolis frühe Polyesterobjekte noch als Paraphrasen auf den Gebrauchswert von (50er-Jahre-) Mobiliar gelesen werden und damit auch als Kommentare der Enge kleinbürgerlicher Kabinette, so kommen in den großen, maschinenartigen Objektkonstellationen auch die Hintergründe und Folgen der Enge der Welt, in die er geboren wurde - (Austro)faschismus, Gewalt, sexuelle Repression und Perversion, masochistische und sadistische Praxis -, intensiv zum Ausdruck.

Weitere Biennale-Teilnehmer aus Österreich sind Josef Dabernig, Maria Lassnig, Florian Pumhösl und Markus Schinwald. Franz West tritt im Rahmen der italienischen Gruppe "Zerynthia" in Erscheinung.

DER STANDARD wird ab Freitag, 13.6., ausführlich von der Biennale in Venedig berichten. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2003)

Von
Markus Mittringer

Links

labiennale.org

biennale.at

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der von Kasper König gewählte Österreich-Teilnehmer Bruno Gironcoli in seinem Atelier.

  • Lagepläne der Giardini ...
    grafik: der standard

    Lagepläne der Giardini ...

  • ... und des Arsenale
    grafik: der standard

    ... und des Arsenale

Share if you care.