Gelegentlich blitzt sogar Humor auf

4. August 2003, 11:14
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670 Seiten stark sind Hillary Clintons Memoiren - Der Eindruck, dass sie, ein eigenständiges "politisches Tier" ist, wird systematisch gepflegt

Washington/Wien - "Gelebte Geschichte" ist ein klassischer "Ziegel", der dem angloamerikanischen Faible für ausladende (auto)biografische Lebensbeschreibungen Rechnung trägt. Aber auch jene, die sich mit diesem Genre nicht so leicht tun, werden sich mit dem Buch anfreunden können: Geschickt haben Clinton und ihre dienstbaren Geister ein abwechslungsreiches Opus geschrieben, das mit einem ständigen Perspektivenwechsel zwischen Innen- und Außenpolitik, persönlichen Beobachtungen und Gefühlsschilderungen, Erinnerungen und Reflexionen trotz aller Detailseligkeit keine Langeweile aufkommen lässt. Mit ihren Ghostwritern und Rechercheuren (die Credits am Ende des Buches wollen kein Ende nehmen) hat die Ex-First-Lady und New Yorker Senatorin einen Glücksgriff getan.

Politisch prägender Einfluss ihrer Jugendjahre

Als den politisch prägenden Einfluss ihrer Jugendjahre - Hillary Rodham ist 1947 geboren - beschreibt sie den Gegensatz zwischen ihrem republikanischen Vater und ihrer demokratischen Mutter, bei dem sie sich zuerst aufseiten des Vaters schlug, dann erst auf die demokratisch-mütterliche. Bill Clinton, der junge Student aus Arkansas, den sie an der Yale Law School kennen lernt, wird zu ihrem Lebensmenschen. 1971 beginnt sie "ein Gespräch mit ihm, das wir auch nach mehr als 30 Jahren noch fortsetzen".

Triumphe und Niederlagen

An Clintons Seite erlebt sie viele Jahre als First Lady von Arkansas, und, von 1992 an, auch der USA. Es folgt eine Reihe von Triumphen und Niederlagen, allen voran die leidige Lewinsky-Affäre, die Clinton ein erstes Mal aus ihrer Perspektive schildert ("Ich hätte ihm den Hals umdrehen können").

Ein vollkommen eigenständiges "politisches Tier" Die ungleich bedeutenderen politischen Geschehnisse der 90er- Jahre (Terrorismus, Balkankriege) finden ebenso Erwähnung wie das relevante US-Politpersonal der 90er-Jahre (Dick Morris, Kenneth Starr etc.). Der Eindruck, dass Hillary Rodham, trotz ihrer erfolgreichen Partnerschaft mit Bill, ein vollkommen eigenständiges "politisches Tier" ist, wird systematisch gepflegt, etwa in jenen Passagen, in denen Hillary die nicht minder eigenwillige Eleonor Roosevelt als ihr Vorbild beschreibt.

Werbung für eine Präsidentschaftskandidatur 2008

Ob Clinton mit "Gelebte Geschichte" für eine Präsidentschaftskandidatur 2008 vorbaut? Darauf darf man Gift nehmen. Für diese Hypothese spricht schon ihr weitgehend schonungsvoller Umgang mit dem politischen Gegner, der wichtige Brücken zu den moderaten Republikanern bauen soll (auch zu George W. Bush verkneift sie sich so gut wie jeden Kommentar).

"Whitewater"

Breiten Raum nimmt die Schilderung von Skandalen wie "Whitewater" oder "Travelgate" ein, wobei sie mit einiger Glaubwürdigkeit darstellt, dass rechtsrepublikanischer Kreise ein ausgeprägtes Talent und genug Ressourcen hatten, um kleine Verfehlungen der Clintons zu Staatsaffären aufzubauschen.

Gelegentlich blitzt sogar Humor auf

Gelegentlich blitzt sogar Humor auf, wenn sie etwa kulinarische Retorsionsmaßnahmen schildert, die bei Staatsbanketten offenbar fallweise en vogue sind. Während Außenministerin Madeleine Albright ihren russischen Kollegin Primakow mit frittierten Stierhoden ("Bergaustern") peinigte, tischte Boris Jelzin seinen Freunden "Biel" und "Hiellary" eine Suppe mit einer Einlage von Elchlippen auf - eine diplomatische Herausforderung, an der selbst ein politisches Ausnahmetalent wie Frau Clinton scheiterte. (Christoph Winder, DER STANDARD, Printausgabe 12.6.2003)

670 Seiten stark sind Hillary Clintons Memoiren in der deutschen Übersetzung, die der Econ-Verlag in dieser Woche gleichzeitig mit der Originalausgabe auf den Markt gebracht hat: Die Senatorin von New York und ehemalige First Lady resümiert darin ihr Leben - und positioniert sich für neue Herausforderungen.
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    Schon auf dem Weg zum Bestseller: Hillary Clintons Saga vom eigenen politischen Werden und dem Leben an Bills Seite. Bisweilen blitzt sogar Humor auf

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