"Living History" im Kreuzfeuer der Kritik

4. August 2003, 11:14
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Kritiker nehmen Frau Clinton ganz einfach nicht ab, dass sie bis 1998 keine Ahnung von der Affäre ihres Mannes mit Lewinsky hatte

New York - Die Debatte begann bereits Tage vor der Veröffentlichung der Hillary-Memoiren "Living History" - und derzeit ist kein Ende abzusehen: Was wusste Hillary und, vor allem, wann wusste sie es? Die meisten ihrer Kritiker nehmen der ehemaligen First Lady und derzeitigen Senatorin ganz einfach nicht ab, dass sie bis zum August 1998 keine Ahnung von der Affäre ihres Mannes mit Monica Lewinsky gehabt hätte.

Dichtung - Beichte

Die Beschreibung der Beichte des damaligen Präsidenten Bill Clinton am Tag vor seiner Einvernahme vor einem Schöffengericht klingt für viele mehr als Dichtung denn als Wahrheit. "Um ihr diese letzte Episode von Hillarys Fabeln abzukaufen", schreibt der ehemalige Clinton-Intimus Dick Morris in der rechtsgerichteten National Review, "muss man akzeptieren, dass sie ihm glaubte, selbst als Samen auf Monicas blauem Kleid gefunden worden waren und nachdem das FBI zwei Wochen vor seiner Zeugenaussage ihm DNA abgenommen hatte. Man muss ein Dummkopf sein, wenn man das glaubt."

"Falsche Wahlstrategie" Howard Fineman in Newsweek ist der Ansicht, dass die Veröffentlichung des Buches den Republikanern in die Hand spiele: "Jetzt, wo sich die Demokraten endlich auf die Wahl 2004 konzentrieren, kommen die Clintons, stehlen ihnen das Rampenlicht und stürzen die Partei zurück in eine Ära von Beschuldigungen und Chaos." Und David Frum, ehemaliger Redenschreiber für Präsident George W. Bush, sieht Hillary sogar als einen Teil einer neuen Achse des Bösen und nennt sie "vollkommen opportunistisch und durch und durch amoralisch". Die Rolle der ahnungslosen und betrogenen Ehefrau sei wahlstrategisch falsch; Frum empfiehlt ihr, ihren Mann noch vor der Wahl einfach fallen zu lassen.

Memoiren - eine unaufrichtige Kunstform

Die New York Times ist in ihrer Kritik zurückhaltender: "Senator Hillary Rodham Clintons Buch ist eine Erinnerung daran, dass Memoiren in sich eine unaufrichtige Kunstform sind."

Große Freude herrscht bei den Verlegern, Simon & Schuster, die bisher eine Million Exemplare gedruckt haben und mittlerweile Nachdrucke bestellten: Das Buch verkauft sich wie heiße Semmeln - bei der Buchhandlung Barnes & Noble überholte es sogar das neue Harry-Potter-Buch, was die Washington Post bewog, einen Artikel mit der Überschrift "Hillary Potter" zu drucken.

Wenigstens ein Leser hat ausschließlich Positives zu sagen. Der ehemalige Präsident Bill Clinton, der den großen Tag in seinem Haus in Westchester und seinem Büro in Harlem verbrachte, erklärte: "Hillarys Buch ist wirklich gut. Ich habe es fünfmal von Anfang bis Ende gelesen." (Susi Schneider aus New York, DER STANDARD Printausgabe 12.6.2003)

Susi Schneider aus New York
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