"Liberalisierung schadet armen Ländern"

11. Juni 2003, 18:35
5 Postings

Frankreichs Landwirtschaftsminister Hervé Gaymard lehnt eine totale Liberalisierung der Agrarmärkte ab und fordert den fairen Marktzugang für die Bauern in der Dritten Welt

Standard: Die EU-Kommission sieht eine zügige Umsetzung der Agrarreform als Voraussetzung für den Erfolg der Welthandelsrunde WTO in Cancún im Herbst. Dabei steht auch die von den USA geforderte Senkung der Subventionen für die Bauern auf der Tagesordnung. Welche Position hat Frankreich?

Gaymard: Die EU hat ihre Agrarpolitik schon vor drei Jahren grundlegend reformiert. In dieser Zeit haben die USA die Subventionen nicht nur nicht abgebaut, sondern sogar um 75 Milliarden Dollar erhöht. Europa importiert sechsmal so viel Agrarprodukte aus der Dritten Welt wie alle Länder der Cairns-Gruppe. (Diese besteht aus den 18 größten Agrarexporteuren der Welt, darunter die USA, Australien und Kanada, Anm. d. Red.) Diese Länder sollen eigene Handelsinteressen nicht hinter einem Interesse an den Entwicklungsländern verstecken.

STANDARD: Damit ist aber bei der WTO-Runde ein weiterer transatlantischer Konflikt vorprogammiert. Worum geht es denn Frankreich und anderen europäischen Ländern?

Gaymard: Die große Frage ist doch, ob Cancún bloß eine Clearingstelle für die Wirtschaftsinteressen und den Abtausch von Exportinteressen wird oder ob es darum geht, sich um die Landwirtschaft in der Dritten Welt zu kümmern. Wir müssen in erster Linie Antworten auf die Probleme der Entwicklungsländer finden. Darum sollte man den am wenigsten entwickelten Ländern Handelsbegünstigungen einräumen. Derzeit helfen die Handelspräferenzen den am meisten Begünstigten. Wir sind aber der Meinung, dass die Wenigstbegünstigten bevorzugt werden müssen.

STANDARD: Die USA argumentieren, dass die komplette Öffnung der Märkte und der freie Handel die beste Unterstützung für die Entwicklungsländer sind.

Gaymard: Das sehe ich nicht so. Ich bin der Meinung, dass die Liberalisierung den armen Ländern schadet. Zehn Jahre nach der Liberalisierung des Agrarhandels ist ihr Anteil am Welthandel von 3,6 Prozent auf 1,2 Prozent eingebrochen, während der Anteil der Cairns-Gruppe explodiert ist.

STANDARD: Für Liberalisierungsanhänger sind Agrarpreise, die sich am Weltmarkt orientieren, die beste Hilfe für die Entwicklungsländer.

Gaymard: Ich möchte mit dem Mythos Weltmarktpreise aufräumen. Nehmen wir als Beispiel die Milch. Nur fünf Prozent der globalen Produktion werden auch gehandelt, primär Milchpulver aus Australien und Neuseeland. Wir wollen aber nicht, dass die Preise für 95 Prozent der Milchprodukte davon bestimmt werden, dass diese beiden Exporteure zufrieden sind.

STANDARD: Trade, Not Aid - also Handel statt klassischer Entwicklungshilfe - ist ein Schlagwort in vielen Diskussionen.

Gaymard: Damit bin ich nicht einverstanden, wir brauchen beides. Wir müssen die Unterstützung und Hilfe für die Dritte Welt erhöhen, um den Ländern bei der Bewässerung, der Schaffung von Kühlketten und von Marktorganisationen unter die Arme zu greifen, besonders in Afrika. Ich aber bin auch für die Abschaffung der Exportsubventionen. Aber wenn, dann müssen das bitte alle tun. Dann müssten auch die USA Marketing-Loans und Nahrungsmittelhilfen, die keine sind, aufgeben.

STANDARD: Welche Alternativen gibt es denn Ihrer Meinung nach, um den Agrarbereich der unterentwickelten Länder zu unterstützen?

Gaymard: Sinnvoll wäre ein spezielles Präferenzsystem im Handel, wie es Europa mit dem Lomé-Abkommen (Meistbegünstigung für die ehemaligen Kolonien, Anm. d. Red.) realisiert hat. Helfen würde auch eine gemeinsame regionale Landwirtschaftspolitik mit einem gewissen Zollschutz, der den Dritte-Welt-Ländern den Einstieg in die Entwicklung ermöglicht. (Interview von Clemens Rosenkranz durchgeführt, Der Standard, Printausgabe, 12.06.2003)

ZUR PERSON: Der 43-jährige Hervé Gaymard stammt aus der alpinen Region Savoyen und ist seit Mai 2002 Landwirtschaftminister.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.