Teufelskreis schmutziges Wasser

28. August 2003, 13:54
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Ursachen für chronische Unterernährung von Kindern liegen nicht am Lebensmittel-Mangel

In letzter Zeit bekommen wir immer wieder Meldungen von unternährten Kindern in Spitälern. Es gibt tatsächlich Fälle von chronischer Unterernährung, die aber nichts mit der Versorgungslage zu tun haben. Denn die Lebensmittel sind vorhanden. Die Ursache liegt in einem größeren Zusammenhang. Der Teufelskreis beginnt damit, dass die Kinder verschmutztes Wasser trinken müssen, weil die Wasserversorgung noch nicht überall wieder hergestellt ist. Davon bekommen sie Durchfallerkrankungen wie Diarrhöe, im Krankenhaus werden die Kinder dann wieder aufgepäppelt. Aber kaum kommen sie nach Hause, sind sie wieder auf das verschmutzte Wasser angewiesen und der Teufelskreis beginnt sich von neuem zu drehen.

Das schwächt die Kleinen natürlich am meisten. Die Kinder brauchen sauberes Trinkwasser, damit sie die Nahrung behalten und aufnehmen können.

Die Versorgung mit Trinkwasser ist daher auch eines der zentralen Themen der Rotkreuz-Arbeit im Irak. Nach wie vor sind unsere Teams an der Reparatur von Wasserwerken, Abwassersystemen und Kanälen beteiligt. Aber wir leben hier in einer Fünf-Millionen-Metropole, in der Einzelaktionen schnell wie Tropfen auf heiße Steine verpuffen. Diese Probleme müssen generell angegangen werden, eine funktionstüchtige Struktur in der Stadtverwaltung muss wieder eingezogen werden.

Das gilt auch für die Versorgung mit Lebensmitteln. Angeblich sind vor dem Krieg von der Regierung noch Extrarationen aus dem Oil-for-Food-Programm der UNO an Spitäler und die Bevölkerung ausgegeben worden. Diese Vorräte gehen langsam zur Neige, obwohl genügend Lebensmittel im Land sind. Manche Krankenhäuser fragen bei uns um Unterstützung an und wir springen als Überbrückung ein, solange die Verteilung aus dem neuen UNO-Programm noch nicht flächendeckend funktioniert.

Inzwischen ist das Rote Kreuz im ganzen Irak tätig, es gibt keine Gebiete mehr, wo wir nicht hinkämen. Wir besuchen laufend die Spitäler, nehmen ihre Bedürfnisse auf und beliefern sie entsprechend.

In der Wiederherstellung der öffentlichen Administration wechseln sich Fortschritt und Rückschritt ab. Zum Beispiel gab es vor dem Krieg eine zentrale Verteilerstelle für Medikamente, die jetzt wieder in Betrieb ist. Doch obwohl die Lagerhäuser so voll sind, dass die Medikamente teilweise bei über 40 Grad im Freien gelagert werden, fragen die Spitäler bei uns um Hilfe an.

Ein Grund dafür ist, dass auch das Management in den Krankenhäusern jetzt ausgewechselt wird und die neuen Leute oft nicht wissen, wie das frühere System funktioniert hat. Manchmal müssen unsere Mitarbeiter den Spitälern erklären, wie ihr eigenes Distributionsverfahren funktioniert. Es mangelt also immer noch an einer Basisadministration im Land, die dringend wieder hergestellt werden muss.

Im Stadtbild fällt auf, dass wesentlich mehr Polizei präsent ist. Der Verkehr wird wieder geregelt. In der Nacht ist es in manchen Gegenden ruhiger, was aber nicht heißt, dass es sicherer ist. Das Banditentum scheint zurückzugehen, zumindest spüre ich es nicht mehr so stark. Auf der anderen Seite gibt es immer noch genug Stadtviertel, in die wir auch tagsüber nicht gehen können, weil es zu gefährlich ist. Immer wieder aufflammende Kämpfe machen die Straßen außerhalb der Stadt sehr unsicher. Die Situation bedeutet für uns Rotkreuz-Menschen strikte Ausgangssperre. Das ist aber auch gut, denn man ist ganz froh, wenn es dunkel ist und man ist zuhause.

Die Temperatur klettert tagsüber bis auf 46 Grad, das macht jede Bewegung draußen fürchterlich anstrengend. Unser Team wird immer größer, wir mieten ein Gebäude nach dem anderen. Alleine der Weg in ein anderes Gebäude kommt einem Saunaaufenthalt gleich. Und auch die Nächte sind wie im Backofen. Zur Ablenkung und zur Erholung spielen wir zuhause oft die halbe Nacht Schach. Was sehr angenehm ist, weil der Kopf frei wird, indem man sich nur auf das Spiel konzentriert. Hin und wieder versuchen wir auch ein wenig Kühlung auf der Dachterrasse zu erhaschen, das war anfangs unmöglich, weil ständig geschossen wurde. Die ersten Internet-Cafes haben aufgemacht, man kann über Satellit in die ganze Welt Verbindungen aufbauen. Das ist nicht nur für uns „ausländisches Personal“ sehr wichtig. In der irakischen Bevölkerung hat beinahe jeder Verwandte im Ausland. Die Leute haben auch schon viel von der Welt gesehen, ich treffe immer wieder Menschen, die schon in Wien waren. Viele unsere Mitarbeiter, Großstädter aus Bagdad, haben Europa bereist. Daran merkt man auch, wie wohlhabend das Land früher war.

Gastautorin Martina Schloffer aus Österreich arbeitet als PNS-Delegierte (Participating National Societies) für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Bagdad.
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    Die Wasserversorgung in Bagadad ist nach wie vor ein Problem für die Zivilbevölkerung - und vor allem für Kinder. Hier versorgt sich ein irakisches Mädchen mit Wasser aus einem Wasserloch.

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