Tochterverkäufer empört die Türken

5. Februar 2012, 23:01
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5000 Lira soll der Vater für seine zwölfjährige Tochter kassiert haben. Jetzt trat er in einer Fernsehshow auf, um sich zu erklären.

Ein "fait divers", dessen Bodenlosigkeit immer aufs Neue verblüfft, beschäftigt dieser Tage die Türkei: Vater verkauft seine minderjährige Tochter für Bares an über 50-jährigen Geschäftsmann. Der nimmt sein neues "Eigentum" in ein Hotelzimmer, vergewaltigt das Mädchen und gibt es dann vorerst zurück an die Eltern. Die Polizei ist sechs Jahre lang nicht in der Lage, den Geschäftsmann ausfindig zu machen, dann aber doch. Vater und Tochter sind angeblich verschwunden, dann aber doch nicht, sondern in einer TV-Show. Einen Kaufvertrag, handschriftlich gekritzelt gibt es auch, komplett mit Foto des Mädchens und einer unterschriebenen Ergänzung: Ich folge dem Wunsch meines Vaters.

Der Vorfall ist einerseits so erschreckend, andererseits so absurd und fragwürdig, dass man seine Weiterverbreitung mit Vorsicht unternehmen sollte: Bewiesen ist noch nichts; Material, um Vorurteile zu bedienen, gibt es dafür genug. Sagt der Fall des Mädchens E.Y. etwas aus über die Türken und die Türkei? Vielleicht so viel wie der Fall Fritzl über die Österreicher und ihr Land. Gar nichts und doch etwas.

An den türkischen Medien fällt schon einmal auf, dass sie stets den Vater Osman in den Mittelpunkt rücken. Der hat seine Tochter verkauft - 5000 Türkische Lira war der Preis, umgerechnet 3000 Euro zum damaligen Wechselkurs im Jahr 2006 - und damit seine Fürsorgepflicht auf denkbar schändliche Weise verraten. Wie es dem Mädchen dabei erging, eine damals zwölfjährige Schülerin, darüber schreibt und spricht man allenfalls verschämt in Andeutungen. Fatma Şahin, die türkische Familien- und Sozialministerin, ist eine der Wenigen, die in der Öffentlichkeit die richtige Relation in diesem Menschenhandel herstellt und Gerechtigkeit für die heute 18-jährige E.Y. fordert.

Vor einem Gericht in Antalya ist diese Woche also der Prozess gegen den Bauunternehmer Yusuf A. angelaufen. Einer von Osmans Söhnen hatte bei ihm im Geschäft gearbeitet, erzählte er. Der Vater habe Geld gebraucht und seine Tochter angeboten. Es sei um eine Art Obhut gegangen, versprochen wurde, dass sich Yusuf um die Ausbildung des Mädchens kümmern werde. Der Geschäftsmann soll vor Gericht zugegeben haben, dass er die Zwölfjährige in ein Hotel in Kemer mitnahm; "berührt" habe er sie nicht, erklärte er. Es war die Lehrerin von E.Y., die davon erfuhr und die Polizei verständigte; E. hatte sich ihr anvertraut. Bauunternehmer Yusuf war dann mit einem Mal nicht mehr auffindbar für die Polizei, und auch die Familie von Osman Y. war angeblich verschwunden. Zwei Tage nach Prozessbeginn fanden sie Journalisten in der Stadt Sivas. Die Nachbarn, befragt nach dem Verkauf der Tochter, können sich das alles ganz und gar nicht vorstellen.

Lehrerin Burce Tuncel hat mittlerweile einen Blumenstrauß von der Gewerkschaft bekommen, und E.Y.'s Eltern wurden - so darf man getrost annehmen - für ein stattliches Entgelt am Freitag nach Istanbul zur Fernsehshow von Müge Anli im Boulevard- und Klamauksender ATV eingeflogen. Tochter E.Y. wurde dem Publikum telefonisch dazu geschaltet. Jetzt wird beschwichtigt: alles vergeben, vergessen und ein großes Missverständnis. An die Unterschrift könne sie sich nicht mehr erinnern, sagte E.Y.. Die Eltern hätten auch gar kein Geld bekommen (Geschäftsmann Yusuf A. erklärte das Gegenteil). Der Vater wiederum gab an, er habe ein leeres Stück Papier unterschrieben, oder auch, dass es nicht seine Unterschrift sei, die unter dem Kaufvertrag stehe. Auf den wiederum soll Yusuf A. bestanden haben, damit ihm später keine "Probleme" gemacht würden. Sein nächster Verhandlungstermin ist im März. Warum Vater Osman nicht in U-Haft genommen wurde, sondern in einer TV-Show auftritt, ist noch unklar.

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