Premiere von Richard Wagners "Rheingold" an der Bayerischen Staatsoper: Regisseur Andreas Kriegenburg setzt auf präzise Personenführung, solide Erzählformen und vertraut auf lebende Bühnenbilder
2013 droht also das Richard-Wagner-Jahr, der 200. Geburtstag des
Musikdramatikers wird begangen; und überall wird fleißig geplant, geübt,
gelitten und also nach geeigneten Regieköpfen für die Auslegung des
Unbescheidenen gesucht. Wer als Opernhaus etwas auf sich hält, muss
natürlich auch danach trachten, gleich einen Ring zu schmieden. Und wen
die Wagner-Pflicht plagt, wie die Bayreuther Festspiele, der braucht
sowieso einen. Doch lässt sich aus dem monströsen Weltentwurf Wagners,
aus der Tetralogie, in der die Regeln aufstellende Gottheit selbst
Regeln bricht, noch etwas Originelles herausquetschen?
Schwierig. Seinerzeit, als Wolfgang Wagner auf dem Grünen Hügel noch das
Sagen hatte, gab es schon die liebe Engagementnot. Filmer Lars von Trier
sagte ab, Tankred Dorst ließ den Ring dann immerhin doch noch
stattfinden. Und nun, für 2013, hat Katharina Wagner - die sich bemüht,
Bayreuths Aufführungen nun auch in Kinos unterzubringen - schon von
Filmemacher Wim Wenders einen Korb bekommen. Wobei: Auch Thomas
Ostermeier wurde gefragt und selbst Filmer Tom Tykwer, der aber gleich
vier Regisseure an die Arbeit lassen wollte. So wurde es Frank Castorf.
Alles sehr mühsam offenbar.
Ob Regisseur Andreas Kriegenburg für die Bayerische Staatsoper die erste
Wahl war, ist schwer zu sagen. So man jemanden gesucht hat, der die
Geschichte solide, aber nicht banal buchstabierend erzählt, war
Kriegenburg nicht der Falsche. Wobei hier durchaus auch Ideen sichtbar
wurden. Sie kommen einem schon vor Beginn der klingenden, einleitenden
Rhein-Fluten als mit Statisten und Sängern gefüllte Bühne entgegen, auf
der noch ein Häppchen und ein Schlückchen im Liegen und Sitzen genommen
wird.
Das menschliche Wasser
Diese üppige Ansammlung von Menschen wird in ihrer Bedeutung bald
erhellt: Es entkleiden sich die Massen bis zur hautfarbenen Unterwäsche,
beschmieren einander mit blauer Farbe und gruppieren sich dann zu jenen
Pärchen, die schließlich in malerischen und zärtlichen Bewegungen jene
Wasserformen darstellen, welche die Rheintöchter umgarnen (ausgezeichnet
alle drei, also Eri Nakamura, Angela Brower, Okko von der Damerau).
Kriegenburg hat hier also auf ein lebendes Bühnenbild gesetzt. Auf einer
zwar sehr mobilen, trichterartigen, aber leeren Bühne, die durch
Verengung nur noch Platz an der Rampe lässt oder sich so formiert, dass
hinten nur ein kleiner Schlitz offenbleibt, wird dieser Ansatz auch
später beibehalten. Dann gruppieren sich die Statisten langsam zur
Andeutung jener von den Riesen (glänzend: Thorsten Grümbel als Fasolt
und Phillip Ens als Fafner) erbauten Burg. Das hat natürlich etwas von
desillusionierendem Werkstattcharakter, etwas von einer Backstage-Oper,
in der man nicht nur das Regieergebnis, vielmehr auch dessen
vorbereitende Rituale vermittelt bekommt. Allein, es ist da mehr;
bezüglich Personalführung sind durchaus eindringliche Momente zu
erleben.
Wie die Riesen um den Ring in einem im Inneren aus Goldbarren bestehen
Safe-artigen Raum kämpfen und wie Fafner mit einem von Loge (markant,
aber etwas grell in der Ausstrahlung: Stefan Margita) an ihn gereichten
Dolch den Bruder ersticht - das hat immerhin Theaterleben.
Tolle Ensembleleistung
Und: Es wirkt Wotan (intensiv: Johan Reuter) immerhin einmal nicht als
starr umherwankende Figur, eher wie ein reichlich zerrütteter Mann mit
Zukunftsängsten und gröberen Problemen, den man stützen muss, damit er
am Ende auch das für ihn errichtete Domizil überhaupt erreicht.
Überragend bleibt insgesamt indes allein die vokale Leistung des
Ensembles. Besonders Johannes Martin Kränzle (als Alberich) besticht mit
ungeheuerer Klarheit und Intensität; aber auch Sophie Koch (als Fricka),
Levente Molnar (als Donner), Thomas Blondelle (als Froh), Aga Mikolaj
(als Freia), Catherine Wyn-Rogers (als Erda) und Ulrich Reß (als Mime)
müssen erwähnt werden. So eine Besetzung wünscht man Bayreuth.
Dass sie gut hörbar blieb, ist Dirigent Kent Nagano zu danken. Er ist
der fein an den Strukturen feilende Analytiker, der allerdings nur an
wenigen Stellen seine Einsichten als dynamisch-gleißende Musikenergie
entfesseln kann. Das war dann doch bisweilen Subtilität, die an
Unscheinbarkeit grenzt. Nun, es ist noch Zeit für Regie- und
Orchesterarbeit. Bis 30. Juni will man in München ja den ganzen Ring
stemmen. Von Publikumsseite her gab es fürs Rheingold vorerst jedenfalls
überwiegend aufmunterndes Lob. (Ljubisa Tosic aus München / DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)
Weitere Aufführungen: 8. und 12. 2.; Karten: 0049/89/21 85 19 20 und tickets@st-oper.bayern.de