Eine Antwort auf die vielen Kritiker des von Deutschland angeordneten Sparkurses für die Eurozone - Von Daniel Gros
Die Nachfrage schwächt sich nur kurzfristig ab,
aber die positive Wirkung eines kleineren Defizits ist nachhaltig.
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Europa scheint vom Sparen besessen. Ein Land nach dem anderen wird entweder
von den Finanzmärkten oder der EU gezwungen, mit der Reduzierung seines
öffentlichen Defizits zu beginnen. Und als wäre das nicht genug, haben sich
gerade 25 der 27 EU-Mitgliedsstaaten auf einen neuen Vertrag (als "Fiskalpakt"
bezeichnet) geeinigt, der sie zwingen würde, niemals ein zyklisch bereinigtes
Haushaltsdefizit von mehr als 0, 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
aufzuweisen. (Zum Vergleich: Das Haushaltsdefizit der USA lag 2011 bei fast acht
Prozent des BIPs).
Allerdings fragen sich viele Beobachter angesichts der Tatsache, dass die
europäische Volkswirtschaft in die Rezession zu rutschen droht, ob eine
derartige "Sparpolitik" nicht selbstzerstörerisch sein könnte. Könnte eine
Reduzierung der Staatsausgaben (oder eine Erhöhung der Steuern) zu einem derart
steilen Rückgang bei der Wirtschaftsaktivität führen, dass die Staatseinnahmen
fallen und sich die Haushaltslage tatsächlich weiter verschlechtert?
Dies ist angesichts der Funktionsweise unserer Volkswirtschaften höchst
unwahrscheinlich. Mehr noch: Wenn es so wäre, würde daraus folgen, dass
Steuersenkungen zur Verringerung der Haushaltsdefizite führen, weil das größere
Wirtschaftswachstum selbst angesichts niedrigerer Steuersätze für höhere
Staatseinnahmen sorgt. Diese Annahme wurde in den USA schon mehrmals getestet,
und immer folgten auf diese Steuersenkungen höhere Defizite.
In Europa gilt die Sorge stattdessen der Schuldenquote. Die Befürchtung ist
hier, dass der durch die Sparpolitik bedingte Rückgang beim BIP tatsächlich so
groß sein könnte, dass sich die Schuldenquote erhöht. Dies ist von Belang, weil
die Anleger die Schuldenquote häufig als Indikator für die Finanzstabilität
nutzen. Insofern könnte ein niedrigeres Defizit die Spannungen an den
Finanzmärkten tatsächlich verschärfen.
Allerdings führt ein niedrigeres Defizit im Laufe der Zeit zwangsläufig zu
einer niedrigeren Schuldenquote, selbst wenn sich die Quote kurzfristig
verschlechtert. Schließlich gehen die meisten zur Bewertung der wirtschaftlichen
Auswirkungen der Fiskalpolitik genutzten Modelle davon aus, dass eine Senkung
der Ausgaben etwa die Nachfrage zwar kurzfristig verringert, sich die
Volkswirtschaft jedoch nach einer Weile erholt und wieder ihr früheres Niveau
erreicht. Die Fiskalpolitik hat also keine bleibenden Auswirkungen auf die
Produktionsleistung (oder nur sehr geringe). Hieraus folgt, dass alle
eventuellen kurzfristigen negativen Auswirkungen der niedrigeren Nachfrage auf
die Schuldenquote später (mittel- bis langfristig) durch die folgende
Nachfrageerholung, die die Volkswirtschaft wieder auf ihr früheres
Produktionsniveau zurückbringt, ausgeglichen werden.
Zudem bleibt die Verringerung des BIPs - selbst wenn man davon ausgeht, dass
die Auswirkungen einer dauerhaften Absenkung der Staatsausgaben auf die
Nachfrage und Produktionsleistung ebenfalls von Dauer sind - ein einmaliges
Phänomen, während das niedrigere Defizit Jahr für Jahr eine anhaltende positive
Wirkung auf das Verschuldungsniveau hat.
Man beachte, dass diese Schlussfolgerung keinen Rückgriff auf die von Paul
Krugman und anderen verspottete "Confidence Fairy" ("Vertrauensfee") umfasst. In
den USA mag es in der Tat unbegründet sein, zu erwarten, dass ein niedrigeres
Defizit einen geringeren Risikoaufschlag zur Folge hat - aus dem einfachen
Grund, dass die US-Regierung schon jetzt ultraniedrige Zinssätze zahlt.
Doch selbst ohne irgendwelche Vertrauenseffekte ist das überparteiliche
Congressional Budget Office zu dem Schluss gekommen, dass eine Reduzierung des
US-Defizits zwar die Nachfrage senkt, aber trotzdem zuverlässig zu einer
geringeren Schuldenquote führt. Dies sollte für Euroländer wie Italien oder
Spanien, die Risikoaufschläge von mehr als drei oder vier Prozent bezahlen, noch
stärker gelten. Für diese Länder hat sich die Vertrauensfee zum Monster
entwickelt.
Kurzfristig oder langfristig?
Die entscheidende Frage ist dann: Was ist wichtiger - die kurzfristigen
Auswirkungen der Defizitreduzierung auf die Schuldenquote oder die
langfristigen?
Potenzielle Käufer zehnjähriger italienischer Anleihen sollten sich die
längerfristigen Auswirkungen einer Defizitreduzierung auf das Schuldenniveau
ansehen, die mit ziemlicher Sicherheit positiv sein dürften. Natürlich kann es
passieren, dass einige Marktteilnehmer in irrationaler Weise nach einer
kurzfristigen Verschlechterung der Schuldenquote einen höheren Risikoaufschlag
verlangen. Aber wer sich auf das Kurzfristige konzentriert, läuft Gefahr, Geld
zu verlieren, weil der Risikoaufschlag letztlich fallen wird, wenn sich die
Schuldenquote wieder verbessert.
Die Sparpolitik aus der Angst heraus aufzugeben, dass die Finanzmärkte
kurzsichtig agieren, würde den Tag der Abrechnung nur hinausschieben, weil die
Schuldenquoten langfristig steigen würden. Zudem ist es höchst unwahrscheinlich,
dass etwa Italien bei höherem Defizit einen niedrigeren Risikoaufschlag zahlen
würde.
Es wäre für die hoch verschuldeten Länder der Eurozone gefährlich, jetzt die
Sparpolitik aufzugeben. Jedes Land, das stark verschuldet in eine Phase erhöhter
Risikoaversion eintritt, hat nur die Wahl zwischen schlechten Entscheidungen.
Die Umsetzung glaubwürdiger Sparpläne stellt das geringere Übel dar, selbst wenn
sie die zyklische Abschwächung kurzfristig verschärft. (Daniel Gros, DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)
© Project Syndicate 2012. Aus dem Englischen von Jan Doolan
DANIEL GROS ist Direktor des Zentrums für europapolitische Studien in
Brüssel.