Hunderte Tote nach Gedenken an Massaker von 1982 -Demonstranten stürmten syrische Botschaften
Die Botschaftsangestellten, die normalerweise Visaanträge bearbeiten, konnten nur noch den Totalschaden feststellen: Wütende Demonstranten waren am Wochenende in die syrische Vertretung in Kairo eingedrungen und hatten die Räume verwüstet. Das ganze Erdgeschoß ist ausgebrannt, die Einrichtung zerstört oder gestohlen.
Die syrische Botschaft war erst vor wenigen Wochen von einem Wohnquartier ins Botschaftsviertel umgezogen, weil man glaubte, dort sicherer zu sein. Jene in Kairo war nur eine von mehreren syrischen Botschaften, die am Wochenende von gewalttätigen Demonstranten beschädigt wurden. Diese Attacken waren ein Ausdruck der Hilflosigkeit angesichts der nicht zu stoppenden Gewalt, vor allem in Homs im Westen Syriens.
Die Opposition ist überzeugt, dass der Angriff der syrischen Armee mit Panzer- und Mörsefeuer auf mehrere Wohnviertel in Homs am Samstag geschehen konnte, weil Präsident Bashar al-Assad sich der russischen Haltung in der Uno sicher war. 220 Tote, davon 186 in Homs, zählten die lokalen Koordinationskomitees am Samstag. Andere Quellen sprachen von über 400 Toten und mehr als 1000 Verletzten. Tausende hatten in Homs der zigtausenden Toten gedacht, die 1982 bei einem Massaker ums Leben gekommen waren, befohlen vom Vater Assads. Anschließend soll es zu einem Angriff syrischer Deserteure auf Militärstützpunkte gekommen sein.
Der Samstag war der bisher blutigste Tag seit Beginn des Aufstandes im März. Augenzeugen berichteten gegenüber arabischen TV-Sendern von überlasteten Spitälern und einem Mangel an Blutkonserven, Sauerstoff und Verbandsmaterial und klagten die Regierung an, den Roten Halbmond in der Arbeit zu behindern. Das Bombardement ging auch am Sonntag weiter. Die Opposition rief zu zivilem Ungehorsam auf.
Viele Regierungen reagierten mit scharfen Worten auf den neuesten Gewaltexzess des syrischen Regimes. Der saudische König sagte ein beliebtes Festival mit lokalem Brauchtum, das ein Millionpublikum anzieht, ab. Tunesien wies den syrischen Botschafter aus. Eine Unterorganisation der Arabischen Liga empfahl allen arabischen Staaten, dem tunesischen Beispiel zu folgen. Die syrischen Muslimbrüder verlangten von der Staatengemeinschaft, dass die Schuldigen dieses Massakers gesucht und bestraft würden. Die ägyptischen Muslimbrüder fordern Wirtschaftssanktionen gegen Russland und China.
Assad-Anhänger brachten vor den Botschaften Moskaus und Pekings in Damaskus unverholen ihre Freude zum Ausdruck. Am Dienstag will der russische Außenminister Sergej Lawrow zu Gesprächen nach Damaskus reisen. Moskau hat angeboten, einen Dialog zu vermitteln. Nach 6000 Toten ist aber in der Opposition kaum mehr jemand zu finden, der noch auf einen Dialog mit dem Regime setzt. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)