Wladimir Putins Kampf um die Straße

5. Februar 2012, 18:02
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Am Wochenende sind in Moskau Zehntausende auf die Straße gegangen - für und gegen Premier Wladimir Putin

Der Kampf um die Straße wird dabei zum Krieg der Zahlen: Der Kreml mobilisiert alle Reserven.

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Moskau - "Wer, wenn nicht Putin?" und "Wir sind für Putin!" steht auf ihren Plakaten. Unter einem Meer von russischen Flaggen stehen offiziellen Angaben zufolge über 130.000 Menschen, um dem amtierenden Regierungschef ihre Unterstützung zu bekunden. Am Poklonnaja Gora (Berg der Verbeugung) machen sie Putin ihre Aufwartung.

Einer von ihnen ist Alexander. Der Moskauer arbeitet bei der russischen Post: "Wir wurden am Morgen eingesammelt" , sagt er zu seiner Motivation. Schon im Vorfeld des Kreml-Meetings beklagten viele staatliche Angestellte und Beamte, dass auf sie Druck ausgeübt werde, um an der Veranstaltung teilzunehmen. Andere wurden für 500 Rubel (12,50 Euro) von den Veranstaltern "eingekauft" . Busweise wurden sie zur Kundgebung gekarrt.

Putin - zu der Zeit im Ural weilend - gab sich nach der Demo freudig überrascht: Immer wenn eine Veranstaltung von der Obrigkeit organisiert werde, heiße es, dass administrative Ressourcen eingesetzt würden. "Ich schließe nicht aus, dass es einzelne Elemente dieser Ressourcen gab, aber 134.000 oder 190.000 Menschen zu versammeln, dafür reichen administrative Ressourcen nicht aus" , sagte er. Die Unterstützung freue ihn sehr, fügte er hinzu.

Wer aus eigenen Antrieb gekommen ist und wer auf Anweisung im Frost ausharrt, ist schwer auszumachen. Viele Teilnehmer haben tatsächlich etwas zu verlieren, wenn Putin gehen muss; so auch der Fernsehjournalist Michail Leontjew.

Seit gut einem Jahrzehnt spielt er den Wadlbeißer für den Kreml, und auch jetzt schießt er scharf gegen die Opposition, die anderswo in Moskau für faire Wahlen demonstriert: "Das ist eine ganz kleine, satte, ambitionierte, gehirn- und gedächtnislose Minderheit" , sagte er. Co-Organisator und Stalin-Verehrer Sergej Kurginjan nannte Putins Gegner eine "orange Pest" , die es auszurotten gelte.

Friedliche Oppositionsdemo

"Putin raus!" , tönt es unterdessen beim Marsch der Opposition im Moskauer Zentrum. Allen Unkenrufen der Obrigkeit vor einer drohenden Revolution zum Trotz bleibt es auch diesmal friedlich. "Wir fordern politische Reformen und wollen einen Dialog" , sagt Iwan, knapp 30 Jahre alt und Manager in Moskau. An Putins Rücktritt glaubt er nicht, aber er hofft auf Veränderungen durch den Druck der Straße.

Nach Aussagen der Veranstalter sind rund 120.000 gekommen - die russischen Staatsmedien berichten anschließend wenig überraschend von 35.000 Teilnehmern, schließlich ist es ein Krieg um die Zahlen. Putin habe mehr Anhänger auf die Straße gebracht als seine Gegner - und somit auch dort die Meinungshoheit, so die Botschaft des Fernsehens. Es ist praktisch wie bei den Wahlen: "Es ist nicht wichtig, wer wählt, sondern, wer zählt", sagen die Russen. (André Ballin/DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)

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    Nicht jeder will Putin wieder zum Präsidenten.

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