Das Auto, das Kind und der Himmel voller Wind

5. Februar 2012, 17:16
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Souveränes Schauspiel, ausgereiftes Handwerk: Roland Schimmelpfennig bringt sein Stück "Das fliegende Kind" am Wiener Akademietheater zur Uraufführung

Wien - Ein Vater fährt mit seinem großen schwarzen Wagen sein eigenes Kind tot. Aus mehreren Richtungen steuert das Theaterstück von Roland Schimmelpfennig auf diesen katastrophalen Moment zu. Der Bub verliert nach der Kirche beim Laternenumzug sein Matchboxauto, läuft deshalb noch einmal zurück und wird vom lichtlosen Pkw erfasst. Der Vater hatte vergessen, die Scheinwerfer aufzudrehen.

Es ist eine Kette von Lapalien, die zu dieser Katastrophe führen: Die Musik im Auto ist zu laut, das Handy rutscht dem Fahrer unter den Beifahrersitz. Das Kind sieht in der Finsternis das schwarze, unbeleuchtete Auto nicht.

Fußen große Dramen meist auf schwerwiegenden, sich argumentativ zuspitzenden Konflikten, so klafft in Das fliegende Kind die große nichtige Banalität: Nichts als ein blöder Zufall führt zu diesem Unfalltod. Selbst die Unaufmerksamkeit durch die angedeuteten Affären der Eltern ist letztlich nicht der Auslöser, sie fungieren nur als hintergründiges Detail in einem Netzwerk aus kleinen Teilchen: Die Frau erspäht in der Kirche ihren Lover; der Mann denkt an eine Regenwaldforscherin, zu deren Vortrag er alsbald ans andere Ende der Stadt fahren will.

Die Katastrophe schlägt also wahllos zu, "und so entsteht ein schwarzes Loch". Dieses schwarze Loch hat Bühnenbildner Johannes Schütz wörtlich genommen und für die Uraufführung einen hoch aufragenden, rabenschwarzen Schacht in das Akademietheater gewuchtet. Drei knapp über dem Boden hängende Kirchenglocken und ihr traurig-weissagender Klang läuten dieses Requiem ein.

Es sind kleine musikalische und geräuschhafte Manöver, mit denen Roland Schimmelpfennig als sein eigener Regisseur diese (in manchem auch überkonstruiert wirkende) Episode in Schwingung versetzt. So entsteht ein Cluster aus feinen sowie frappierenden Sounds, in deren Zusammenwirken Arges hörbar wird; die Natur als nicht ganz stummer Zeuge: in der Ferne quietschend durchfahrende Züge, ein scharf blasender Wind und die Kinder, die entschlossen Ich geh mit meiner Laterne ... singen.

Die Besonderheit dieses filigranen Abends liegt darin, dass die Schauspieler all diesen Sound selbst erzeugen. Sie imitieren aufbrausende Windböen genauso wie die jähen Schreie der Regenwaldtiere aus dem Vortrag "Untergang und Zukunft" (!) der Forscherin. Zudem sind es surreale (übersinnliche) Beobachter wie drei Tunnelarbeiter, die unter der Erde das sich anbahnende Unglück anhand der Geräusche (Schritte des Mannes usw.) wahrnehmen, oder ein Kirchturmwächter, zu dem sich das Kind hernach fliegend erhebt.

Schimmelpfennig bedient sich filmischer Mittel, friert Momente für kurz ein - z. B. das Gesicht eines weinenden Kindes - und entgeht mit dieser Form der Spannung und Dynamik jedem falschen Pathos, während zugleich die Tragik vollkommen zuschlägt.

Dieses den mehr oder weniger immer gleichen Prinzipien folgende Theatermodell Schimmelpfennigs (siehe auch Der goldene Drache) ist vielleicht die zeitgenössischste Form heutiger Dramatik: handlich, sinnlich, inhaltlich engagiert. Es basiert auf einer Handvoll souveräner Schauspieler (Barbara Petritsch, Christiane von Poelnitz, Regina Fritsch, Johann Adam Oest, Falk Rockstroh und Peter Knaack) sowie ausgereiftem Handwerk. (Margarete Affenzeller  / DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)

Interview zur Nachlese
"Ich bin der 'Raging Bull' des Burgtheaters"
Christiane von Poelnitz spielt in Schimmelpfennigs "Das fliegende Kind" eine Frau, deren Mann das Kind totfährt

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    Barbara Petritsch als "Das fliegende Kind".

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