Souveränes Schauspiel, ausgereiftes Handwerk: Roland Schimmelpfennig bringt sein Stück "Das fliegende Kind" am Wiener Akademietheater zur Uraufführung
Wien - Ein Vater fährt mit seinem großen schwarzen Wagen sein eigenes
Kind tot. Aus mehreren Richtungen steuert das Theaterstück von Roland
Schimmelpfennig auf diesen katastrophalen Moment zu. Der Bub verliert
nach der Kirche beim Laternenumzug sein Matchboxauto, läuft deshalb noch
einmal zurück und wird vom lichtlosen Pkw erfasst. Der Vater hatte
vergessen, die Scheinwerfer aufzudrehen.
Es ist eine Kette von Lapalien, die zu dieser Katastrophe führen: Die
Musik im Auto ist zu laut, das Handy rutscht dem Fahrer unter den
Beifahrersitz. Das Kind sieht in der Finsternis das schwarze,
unbeleuchtete Auto nicht.
Fußen große Dramen meist auf schwerwiegenden, sich argumentativ
zuspitzenden Konflikten, so klafft in Das fliegende Kind die große
nichtige Banalität: Nichts als ein blöder Zufall führt zu diesem
Unfalltod. Selbst die Unaufmerksamkeit durch die angedeuteten Affären
der Eltern ist letztlich nicht der Auslöser, sie fungieren nur als
hintergründiges Detail in einem Netzwerk aus kleinen Teilchen: Die Frau
erspäht in der Kirche ihren Lover; der Mann denkt an eine
Regenwaldforscherin, zu deren Vortrag er alsbald ans andere Ende der
Stadt fahren will.
Die Katastrophe schlägt also wahllos zu, "und so entsteht ein schwarzes
Loch". Dieses schwarze Loch hat Bühnenbildner Johannes Schütz wörtlich
genommen und für die Uraufführung einen hoch aufragenden, rabenschwarzen
Schacht in das Akademietheater gewuchtet. Drei knapp über dem Boden
hängende Kirchenglocken und ihr traurig-weissagender Klang läuten dieses
Requiem ein.
Es sind kleine musikalische und geräuschhafte Manöver, mit denen Roland
Schimmelpfennig als sein eigener Regisseur diese (in manchem auch
überkonstruiert wirkende) Episode in Schwingung versetzt. So entsteht
ein Cluster aus feinen sowie frappierenden Sounds, in deren
Zusammenwirken Arges hörbar wird; die Natur als nicht ganz stummer
Zeuge: in der Ferne quietschend durchfahrende Züge, ein scharf blasender
Wind und die Kinder, die entschlossen Ich geh mit meiner Laterne ...
singen.
Die Besonderheit dieses filigranen Abends liegt darin, dass die
Schauspieler all diesen Sound selbst erzeugen. Sie imitieren
aufbrausende Windböen genauso wie die jähen Schreie der Regenwaldtiere
aus dem Vortrag "Untergang und Zukunft" (!) der Forscherin. Zudem sind
es surreale (übersinnliche) Beobachter wie drei Tunnelarbeiter, die
unter der Erde das sich anbahnende Unglück anhand der Geräusche
(Schritte des Mannes usw.) wahrnehmen, oder ein Kirchturmwächter, zu dem
sich das Kind hernach fliegend erhebt.
Schimmelpfennig bedient sich filmischer Mittel, friert Momente für kurz
ein - z. B. das Gesicht eines weinenden Kindes - und entgeht mit dieser
Form der Spannung und Dynamik jedem falschen Pathos, während zugleich
die Tragik vollkommen zuschlägt.
Dieses den mehr oder weniger immer gleichen Prinzipien folgende
Theatermodell Schimmelpfennigs (siehe auch Der goldene Drache) ist
vielleicht die zeitgenössischste Form heutiger Dramatik: handlich,
sinnlich, inhaltlich engagiert. Es basiert auf einer Handvoll souveräner
Schauspieler (Barbara Petritsch, Christiane von Poelnitz, Regina
Fritsch, Johann Adam Oest, Falk Rockstroh und Peter Knaack) sowie
ausgereiftem Handwerk. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)