Überlebensstrategien in Zeiten von Sparprogrammen und wachsender Armut: Das am Sonntag zu Ende gegangene 41. Internationale Film-Festival Rotterdam zeigte auf vielen Ebenen einen kreativen Umgang mit der Krise
In Zeiten von Sparprogrammen bei Staat und Sponsoren gehen
Kultureinrichtungen auf der Suche nach Geldern kreative Wege: Beim
internationalen Filmfestival Rotterdam etwa wirbt man im Zeichen des
Festival-Wappentiers um "Tigerfreunde" und um direkte finanzielle
Zuwendungen vom Bürger. Per Telefonfundraising wurden so schon rund 32.
000 Euro lukriert, die Kinosäle waren allerdings in diesem Jahr etwas
weniger prall gefüllt, als man es von Rotterdam sonst gewohnt ist.
Am Programmangebot, das auf anhaltend hohem Niveau auch heuer filmische
Neu- und Wiederentdeckungen abseits von Industriekino und
Arthouse-Mainstream bot, kann das nicht liegen. Es könnte aber mit dem
auf elf Euro angehobenen Kartenpreis zu tun haben. Alle müssen eben
sparen - und wie der Staat setzt auch der Bürger Prioritäten.
Von verwandten Erfahrungen erzählten nicht wenige Filme dieses 41.
Festivaljahrgangs. Im Auto zu schlafen, weil man sich keine Wohnung
(mehr) leisten kann: Das praktiziert die verzweifelte, aber
überlebensschlaue Titelheldin von Louise Wimmer ebenso wie der
störrische Pilzexperte in der stimmigen US-Beziehungs- und Milieustudie
Now, Forager: A Film about Love and Fungi oder der "Driver" aus der
griechischen Gegenwartsskizze L - bis er seinen Volvo mit Vorsatz
schrottreif fährt, um ein Biker zu werden.
Die maulfaulen Helden des schön spröden polnischen Wettbewerbsbeitrags Z
daleka widok jest piekny / It looks pretty from a distance schlachten
dann aus, was nicht mehr fahrtüchtig ist, und leben vom Verkauf des
Schrotts. Und wenn ein Dorfbewohner seinen ärmlichen Besitz zu lang
allein lässt, dann fallen die Nachbarn nachts bei ihm ein und sorgen
dafür, dass am Ende nichts mehr da ist als kahle Mauern und ein Häufchen
Asche.
Eine labile Lebenssituation anderer Art beschreibt der Brasilianer
Kleber Mendoça Filho: In seiner elliptischen Erzählung O som ao redor /
Neighbouring Sounds begegnet man einer Handvoll Figuren, die zunächst
nichts mehr miteinander zu verbinden scheint als die Tatsache, dass sie
in der gleichen, mittelständischen Wohngegend in Recife wohnen.
Eine Hausfrau leidet dort unter dem anhaltenden Gebell des Wachhunds am
Nachbargrundstück. Ein Junggeselle, der nach Jahren in Europa ins
Viertel zurückgekehrt ist und dort eine Wohnanlage für seinen Opa
managt, lässt sich durch dieses Leben und eine neue Beziehung treiben.
Eine private Sicherheitsfirma trägt den Bewohnern ihre Dienste an.
Zwischendurch ereignen sich Dinge, die möglicherweise gar nicht real
sind, die aber von einer latenten Irritation zeugen.
O som ao redor, der mit dem Preis der internationalen Filmkritik
(Fipresci) ausgezeichnet wurde, stellt diese brüchige Atmosphäre nicht
zuletzt über den Ton her. Gebell und Haushaltslärm, ein stetig
wiederkehrendes Dröhnen und andere Sounds geben den Bildern einen
eigenen Drall. Passenderweise endet dieser dichte originelle Film auch
nicht mit Worten, sondern mit einem ohrenbetäubenden Knall zu einer
eingefrorenen Momentaufnahme.
Dreimal Tigerinnenpreise
Die Tiger Awards, die Hauptpreise des Festivals, wurden drei jungen
Filmemacherinnen zuerkannt: der Chinesin Huang Ji für ihr intensives
Mädchendrama Jidan he shitou / Egg and Stone, der Chilenin Dominga
Sotomayor für ihre behutsam ausgebreitete Trennungsstudie De jueves a
domingo / Thursday till Sunday und schließlich der Serbin Maja Milos für
ihr Zeitgeistdrama Klip.
Dieser Film begleitet ein Teenager-Mädchen, das sich gefährlich über ein
pornografisiertes Frauenbild, über Sexyness und Willfährigkeit
definiert. Die grobe, fahrige Ästhetik der Handycam, vor der Jasna
Selbstdarstellung und Blowjobs performt, macht sich der Film aber leider
ebenso zu eigen wie den Voyeursblick auf die Mädchenkörper. Der Realität
zerrütteter Eltern-Kind-Beziehungen als Spätfolge der Zerfallskriege ist
so nur bedingt beizukommen. (Isabella Reicher aus Rotterdam / DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)