Mit Tigerfreunden gewappnet für die Zukunft

5. Februar 2012, 17:01
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Überlebensstrategien in Zeiten von Sparprogrammen und wachsender Armut: Das am Sonntag zu Ende gegangene 41. Internationale Film-Festival Rotterdam zeigte auf vielen Ebenen einen kreativen Umgang mit der Krise

In Zeiten von Sparprogrammen bei Staat und Sponsoren gehen Kultureinrichtungen auf der Suche nach Geldern kreative Wege: Beim internationalen Filmfestival Rotterdam etwa wirbt man im Zeichen des Festival-Wappentiers um "Tigerfreunde" und um direkte finanzielle Zuwendungen vom Bürger. Per Telefonfundraising wurden so schon rund 32. 000 Euro lukriert, die Kinosäle waren allerdings in diesem Jahr etwas weniger prall gefüllt, als man es von Rotterdam sonst gewohnt ist.

Am Programmangebot, das auf anhaltend hohem Niveau auch heuer filmische Neu- und Wiederentdeckungen abseits von Industriekino und Arthouse-Mainstream bot, kann das nicht liegen. Es könnte aber mit dem auf elf Euro angehobenen Kartenpreis zu tun haben. Alle müssen eben sparen - und wie der Staat setzt auch der Bürger Prioritäten.

Von verwandten Erfahrungen erzählten nicht wenige Filme dieses 41. Festivaljahrgangs. Im Auto zu schlafen, weil man sich keine Wohnung (mehr) leisten kann: Das praktiziert die verzweifelte, aber überlebensschlaue Titelheldin von Louise Wimmer ebenso wie der störrische Pilzexperte in der stimmigen US-Beziehungs- und Milieustudie Now, Forager: A Film about Love and Fungi oder der "Driver" aus der griechischen Gegenwartsskizze L - bis er seinen Volvo mit Vorsatz schrottreif fährt, um ein Biker zu werden.

Die maulfaulen Helden des schön spröden polnischen Wettbewerbsbeitrags Z daleka widok jest piekny / It looks pretty from a distance schlachten dann aus, was nicht mehr fahrtüchtig ist, und leben vom Verkauf des Schrotts. Und wenn ein Dorfbewohner seinen ärmlichen Besitz zu lang allein lässt, dann fallen die Nachbarn nachts bei ihm ein und sorgen dafür, dass am Ende nichts mehr da ist als kahle Mauern und ein Häufchen Asche.

Eine labile Lebenssituation anderer Art beschreibt der Brasilianer Kleber Mendoça Filho: In seiner elliptischen Erzählung O som ao redor / Neighbouring Sounds begegnet man einer Handvoll Figuren, die zunächst nichts mehr miteinander zu verbinden scheint als die Tatsache, dass sie in der gleichen, mittelständischen Wohngegend in Recife wohnen.

Eine Hausfrau leidet dort unter dem anhaltenden Gebell des Wachhunds am Nachbargrundstück. Ein Junggeselle, der nach Jahren in Europa ins Viertel zurückgekehrt ist und dort eine Wohnanlage für seinen Opa managt, lässt sich durch dieses Leben und eine neue Beziehung treiben. Eine private Sicherheitsfirma trägt den Bewohnern ihre Dienste an. Zwischendurch ereignen sich Dinge, die möglicherweise gar nicht real sind, die aber von einer latenten Irritation zeugen.

O som ao redor, der mit dem Preis der internationalen Filmkritik (Fipresci) ausgezeichnet wurde, stellt diese brüchige Atmosphäre nicht zuletzt über den Ton her. Gebell und Haushaltslärm, ein stetig wiederkehrendes Dröhnen und andere Sounds geben den Bildern einen eigenen Drall. Passenderweise endet dieser dichte originelle Film auch nicht mit Worten, sondern mit einem ohrenbetäubenden Knall zu einer eingefrorenen Momentaufnahme.

Dreimal Tigerinnenpreise

Die Tiger Awards, die Hauptpreise des Festivals, wurden drei jungen Filmemacherinnen zuerkannt: der Chinesin Huang Ji für ihr intensives Mädchendrama Jidan he shitou / Egg and Stone, der Chilenin Dominga Sotomayor für ihre behutsam ausgebreitete Trennungsstudie De jueves a domingo / Thursday till Sunday und schließlich der Serbin Maja Milos für ihr Zeitgeistdrama Klip.

Dieser Film begleitet ein Teenager-Mädchen, das sich gefährlich über ein pornografisiertes Frauenbild, über Sexyness und Willfährigkeit definiert. Die grobe, fahrige Ästhetik der Handycam, vor der Jasna Selbstdarstellung und Blowjobs performt, macht sich der Film aber leider ebenso zu eigen wie den Voyeursblick auf die Mädchenkörper. Der Realität zerrütteter Eltern-Kind-Beziehungen als Spätfolge der Zerfallskriege ist so nur bedingt beizukommen. (Isabella Reicher aus Rotterdam / DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)

  • Heimgekehrt in den Schoß der wohlhabenden Sippe bleibt João von deren Vergangenheit nicht unberührt: Gustavo Jahn in "O som ao redor / Neighbouring Sounds".
    foto: international film festival rotterdam

    Heimgekehrt in den Schoß der wohlhabenden Sippe bleibt João von deren Vergangenheit nicht unberührt: Gustavo Jahn in "O som ao redor / Neighbouring Sounds".

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