Putin: Versorgung im eigenen Land hat Vorrang - Mitterlehner: Heute um rund ein Drittel weniger in Baumgarten (NÖ) angeliefert
Moskau - Russland hat nach Klagen von europäischen
Energieversorgern erstmals Probleme bei Gaslieferungen an den Westen
eingeräumt. Vorrangige Aufgabe des staatlichen Energieriesen Gazprom
sei es, den wegen der Extremkälte gestiegenen Bedarf in Russland zu
befriedigen. Das sagte Regierungschef Wladimir Putin am Samstag bei
einem Treffen mit der Konzernspitze. Als "kein bedrohliches Szenario"
hat Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) die derzeit
deutlich geringeren Gaslieferungen aus Russland bezeichnet.
"Große Speicherkapizitäten"
Gazprom liefere heute in Oberkappel im Mühlviertel um 25 Prozent
weniger und am Gashub in Baumgarten (NÖ) um rund ein Drittel weniger.
"Es braucht sich kein Österreicher Sorgen machen. Wir haben große
Speicherkapazitäten", betonte der Wirtschaftsminister am Sonntag in
der ORF-"Pressestunde". Die heimischen Gasvorräte würden die Hälfte
des Jahresbedarfs abdecken.
Russland wichtigster Gaslieferant
Gazprom müsse maximale Anstrengungen unternehmen, den Bedarf der
europäischen Partner sicherzustellen, betonte Putin am Samstag. Die
EU hatte zuvor von Lieferkürzungen bei russischem Gas bis zu 30
Prozent bei einzelnen Energieunternehmen berichtet. Die
Energiegroßmacht Russland gilt als wichtigster Gaslieferant für
Europa. Die stellvertretenden Gazprom-Chefs Alexander Medwedew und
Andrej Kruglow sagten bei dem Treffen mit Putin, dass der Westen
deutlich mehr Gas von Russland anfordere, als das Unternehmen derzeit
liefern könne.
Kruglow räumte dabei nach Angaben von Interfax ein, dass der
Konzern in den vergangenen Tagen etwa zehn Prozent weniger Gas in den
Export gepumpt habe als vertraglich mit den Kunden vereinbart. Die
Liefermengen seien allerdings inzwischen wieder auf dem
Vertragsniveau. Über Tage hatte Gazprom Angaben von Kunden über
geringere Lieferungen zurückgewiesen.
Medwedew hatte zuletzt indirekt der Ukraine, dem wichtigsten
Transitland für russische Gaslieferungen in die EU, die Schuld an dem
Engpass gegeben. Die verarmte Ex-Sowjetrepublik wird von Russland
immer wieder verdächtigt, Gas illegal für den Eigenbedarf abzuzapfen.
Beide Länder streiten über Preise und Verträge für Gaslieferungen.
Rekordverbrauch in Russland
In Russland selbst stieg der Verbrauch nach Angaben von Analysten
wegen der hartnäckigen sibirischen Extremkälte auf den Rekordwert von
zwei Milliarden Kubikmetern Gas am Tag. Das sei so viel wie etwa
EU-Mitglied Bulgarien in einem ganzen Jahr verbrauche, hieß es. Von
den russischen Liefereinschränkungen waren unter anderem deutsche,
österreichische und italienische Versorger betroffen.
Allerdings betonten die Energieunternehmen in den Ländern, dass
die Speicher gefüllt seien und keine Notlage bestehe. Erst im
vergangenen Herbst hatten Politik und Wirtschaft nach Inbetriebnahme
des ersten Strangs der Ostseepipeline Nord Stream von mehr
Energiesicherheit gesprochen.
Nach der Fertigstellung der zweiten Nord-Stream-Leitung sollen vom
Herbst dieses Jahres an insgesamt 55 Milliarden Kubikmeter zusätzlich
direkt von Russland nach Deutschland strömen. Damit können rund 26
Millionen Haushalte versorgt werden. Russland gilt mit 637 Milliarden
Kubikmetern pro Jahr als größter Erdgas-Produzent und -Exporteur der
Welt. Das Land will bei Bedarf seinen Gasexport in die EU von derzeit
125 Milliarden Kubikmeter bis 2020 auf 200 Milliarden Kubikmeter
erhöhen können. (APA)