"Ich alte Emanze hab ein Herrenzimmer"

5. Februar 2012, 10:43
85 Postings

Ruhe und Rückzug bedeutet für Renée Schroeder ihre 200-m²-Wohnung am Rudolfsplatz, die oft aber auch als Partylocation dient

Die Molekularbiologin Renée Schroeder wohnt im Dachbodenausbau eines Wiener Innenstadthauses. Michael Hausenblas erzählte sie vom Kommen und Gehen.

***

"Ich wohne jetzt so gut wie allein im Dachboden eines alten Hauses am Wiener Rudolfsplatz. Meine beiden Söhne, Fabian und Constantin, sind vor kurzem ausgezogen. Das Haus, über dessen Geschichte ich leider nicht viel weiß, wurde in der Zeit um 1900 gebaut. Die Wohnung, die mir gehört, misst über 200 Quadratmeter und hat zwei Terrassen. Ja, das ist groß. Aus diesem Grund hab ich auch einen Studenten zur Untermiete. Langsam überlege ich mir schon auszuziehen. Aber irgendwie fällt es mir schwer. Dann gibt es da auch noch unseren Bauernhof in Salzburg, auf den ich mich nach meiner Pensionierung zurückziehen möchte.

Dass die Kinder nicht mehr hier wohnen, heißt übrigens nicht, dass ich hier vereinsame. Meine Söhne sind fast täglich hier. Vor allem früher war es mir wichtig zu wissen, dass die Kinder mit ihren Freunden bei uns zu Hause sind. Das brachte zwar eine gewisse Unordnung mit sich, es war mir aber lieber als die ganzen Bedenken, sie würden weiß Gott wo sein. Sie mussten mich auch nie fragen, ob jemand mitkommen darf. Überhaupt herrscht hier nach wie vor ein Kommen und Gehen. Ich empfange sehr gerne Gäste. 20 bis 30 Leute sind keine Seltenheit, denn dieser Ort ist eine ideale Party-Location. Nicht wenige Leute haben sogar einen eigenen Schlüssel für die Wohnung. Ansonsten bedeutet mir das alles hier vor allem Ruhe und Rückzug. Dabei bin ich eigentlich fast nie zu Hause. Termine und Vorlesungen beschäftigen mich gut zwölf Stunden pro Tag. Außerdem absolviere ich gerade die Bauernschule - wegen des besagten Bauernhofs.

Die Wohnung, in der ich nun seit sechs Jahren lebe, wurde von der vorigen Bewohnerin 1986 umgebaut. Ich habe, was die Raumeinteilung betrifft, nichts verändert. Nur die Elektrik musste erneuert werden. Es ist eigentlich alles so, wie ich es haben wollte. An Plätzen, an denen ich früher gelebt habe, war es meistens 'schnell, schnell irgendwie' eingerichtet.

Die Wohnung ist eigentlich sehr untypisch für dieses Haus, da sie ein umgebauter Dachboden ist. Die anderen Hausbewohner leben bestimmt in ganz typischen, schicken Altbauwohnungen mit einer Mords-Raumhöhe. Doch dafür ist hier alles sehr offen. Küche, Flure, Wohnzimmer bieten einen geräumigen Schlauch. Ich mag das. Ansonsten gibt es drei Schlafzimmer, ein Gästezimmer und drei Bäder. Und dann das Herrenzimmer! Das muss man sich vorstellen: Ich alte Emanze hab ein Herrenzimmer. Das haben die Kinder so hergerichtet. Irgendwann hieß es dann Herrenzimmer. Wahrscheinlich wegen der Bar und der schweren Ledermöbel. Hier spiele ich Saxofon. Ein Fitnessgerät und einen Beamer für Filmabende gibt es auch. Der Raum war einst der Abschluss eines zweiten Treppenhauses. Die Decke besteht aus einem schönen, großen, rosettenartigen Oberlicht, umrahmt von Stuck-Ornamenten. Die Wohnung verfügt über einen ziemlich rustikalen, südländischen Charakter. Die Terrakottaböden und dunklen Holzmöbel tragen sicher dazu bei. Das ist kein Prestige-, sondern ein Nutzobjekt.

Licht ist mir übrigens auch sehr wichtig. Darum gedeihen auch all meine Pflanzen so prächtig. Man könnte fast von einem Urwald sprechen. Ferner gibt es bei mir viele Bilder und Keramiken weiblicher Künstler - und eine Menge solider Möbel, auf die man nicht so aufpassen muss. All das Lackierte, all das Moderne ist nicht meins. Wichtig ist mir auch Musik: Jazz, Klassik, Brasilianisches. Einen Fernseher hingegen brauch ich nicht. Nur die Kinder haben derzeit einen in Verwendung - wegen der vielen Skirennen. Ich fühle mich schon sehr wohl hier. Deshalb fahre ich im Sommer auch nie auf Urlaub. Wohin denn auch? Es ist in Wien so schön." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.2.2012)

RENEE SCHROEDER wurde 1953 in João Monlevade in Brasilien geboren. Sie ist Professorin am Department für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories. 2003 erhielt sie den Wittgensteinpreis des FWF, im gleichen Jahr wurde sie als eine der ersten Frauen Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Von 2005 bis 2010 war sie Vizepräsidentin des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, seit September 2010 ist sie außerdem Mitglied des Rates für Forschung und Technologieentwicklung.

Buchtipp

Renée Schroeder: Die Henne und das Ei

  • Die Wissenschafterin Renée Schroeder in ihrem sogenannten Herrenzimmer, das als Partyzone, Heimkino und Lesezimmer genutzt wird.
    foto: lisi specht

    Die Wissenschafterin Renée Schroeder in ihrem sogenannten Herrenzimmer, das als Partyzone, Heimkino und Lesezimmer genutzt wird.

Share if you care.