Kanadier holt ÖSV-Abfahrer noch von der Spitze und triumphiert in der zweiten Abfahrt von Chamonix - Erik Guay Dritter, Klaus Kröll auf Platz fünf
Chamonix - Ex-Vizeweltmeister Jan Hudec hat am Samstag überraschend die
zweite Weltcup-Abfahrt in Chamonix gewonnen. Der 30-jährige Kanadier setzte sich
auf der 3.215 m langen Kandahar-Piste im Mont-Blanc-Massiv klar mit 0,53
Sekunden Vorsprung auf den 26-jährigen Tiroler Romed Baumann durch.
Abfahrtsweltmeister Erik Guay (0,63) aus Kanada komplettierte als Dritter das
Podest.
Vortagessieger Klaus Kröll (1,08) musste sich unmittelbar hinter dem
kanadischen Sensationsmann Benjamin Thomsen (1,03/Startnummer 50) mit Rang sechs
zufriedengeben, blieb aber erneut vor Abfahrts-Weltcup-Spitzenreiter Didier
Cuche aus der Schweiz, der 3/100 hinter dem Steirer Siebenter wurde und nun noch
36 Punkte Vorsprung auf den "Bullen aus Öblarn" hat. An der Spitze der
Gesamtwertung gab es dagegen keine Veränderung, denn der führende
Titelverteidiger Ivica Kostelic blieb als erneut 48. auch in der zweiten
Chamonix-Abfahrt ohne Zähler und liegt damit weiter 80 Punkte vor dem Salzburger
Technikspezialisten Marcel Hirscher in Front.
Bauman freut sich zu früh
"Ich bin sehr glücklich. Ich war schon gestern super schnell unterwegs, hatte
aber in der letzten Kurve vor dem Ziel ein Problem und wurde deshalb nur
Sechster. Heute habe ich diese Passage perfekt erwischt, und auch meine
Startnummer war besser. Ich danke Gott", betonte Hudec, der am 19. August 1981
in Mähren geboren wurde, auf Deutsch. Als er zehneinhalb Monate alt gewesen war,
waren seine Eltern nämlich mit ihm aus der Tschechoslowakei nach Deutschland
geflüchtet. 1986 ging es dann mit entsprechendem Visum weiter nach Kanada, wo
Hudec seither in der Olympiastadt Calgary lebt.
Nach dem Hundertstelkrimi vom Vortag, als Kröll 1/100 vor US-Star Bode Miller
(diesmal Achter) gesiegt hatte und die ersten fünf innerhalb von 8/100 gelegen
waren, distanzierte Hudec - auch dank perfektem Material - die Konkurrenz
diesmal klar. Es war erst der zweite Weltcup-Sieg für den gebürtigen Tschechen
nach dem Abfahrtserfolg am 24. November 2007 in seinem Heimrennen in Lake
Louise. Im selben Jahr war Hudec zuvor in Aare auch Vizeweltmeister in der
alpinen Königsdisziplin geworden. Das Talent wurde ihm übrigens in die Wiege
gelegt, sein gleichnamiger Vater ist ein ehemaliger tschechischslowakischer
Ski-Staatsmeister.
Baumann hatte nach seiner Fahrt eigentlich schon mit dem Sieg gerechnet. "Ich
habe mich ein bisschen zu früh gefreut, nachdem ich im Ziel mit einer Zehntel
Vorsprung geführt hatte. Denn ich dachte, es wird wieder so knapp wie gestern
hergehen. Aber dass Jan am Ende mit mehr als einer halben Sekunde Vorsprung
gewonnen hat - das ist nicht wenig, der muss brutal gut gefahren sein", betonte
der Tiroler, der bereits in der stark verkürzten Abfahrt in Kitzbühel Zweiter
und am Vortag Vierter geworden war.
"Ich weiß nicht, wie ich Hudec heute hätte schlagen sollen. Oben habe ich im
Gegensatz zu gestern alles gut erwischt, nur unten im Flachen bin ich einmal
kurz aus der Position rausgekommen. Das war aber der einzige Fehler und sicher
keine halbe Sekunde", erklärte Baumann. "Ich freue mich aber jetzt schon auf die
nächste Abfahrt in Sotschi. Ich bin in guter Form und hoffe, dass sich der erste
Abfahrtssieg für mich noch diese Saison ausgeht."
In Chamonix ist es kalt
Auch Kröll erwischte den oberen Teil viel besser als am Freitag. "Aber im
Mittelteil habe ich die Linie nicht so schön getroffen und den entscheidenden
Rückstand aufgerissen", wusste der Steirer, warum er diesmal klar am Podest
vorbeigefahren war. Summa summarum zog er aber ein positives Resümee: "Ein Sieg,
ein sechster Platz und zweimal vor Cuche, da kann man sehr zufrieden sein",
meinte Kröll, der Hudec gratulierte. "Wir haben gewusst, dass er schnell ist,
nachdem er gestern schon bis zur letzten Zwischenzeit geführt hatte. Aber was er
heute abgeliefert hat, das war gewaltig."
Der drittbeste ÖSV-Abfahrer, Joachim Puchner, war nach Platz 14 sauer und
durchgefroren, hatte es doch am Start minus 22 Grad Celsius und im Ziel noch
immer "knackige" minus 16. "Die Kälte hier ist brutal. Wenn man im Ziel
abschwingt, spürt man gar nix mehr, kann den Mund kaum bewegen. Das ist absolut
an der Grenze", gab der Salzburger zu Protokoll.
Sorgenfalten hatte man in Österreichs Skiverband (ÖSV) nach dem Rennen wegen
Benjamin Raich, der zu Sturz kam und mit Verdacht auf eine Handverletzung ins
Spital gebracht wurde. Ob der ÖSV-Star am Sonntag an der Superkombination
teilnehmen konnte, war vorerst ungewiss. Damit ruhen die Hoffnungen auf einen
Podestplatz wohl erneut auf Baumann. "Ich hoffe auf eine gute Abfahrtsleistung
in der Super-Kombi und einen nicht zu schweren Slalom, da kann sich dann ein
Stockerlplatz ausgehen", glaubt der 26-Jährige. (APA)