Salami oder Mortadella? Wodka oder Whiskey?

    3. Februar 2012, 20:29
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    "Weder noch", habe ich geantwortet und mich gefragt: "Warum fragt man mich das?" - Von Sabine Gruber

     Steckte in diesen Fragen ein tieferer Sinn? Eigentlich dachte ich, dass die Literatur im Zentrum des Gesprächs stehen würde.

    "Salami oder Mortadella?"; "Wodka oder Whiskey?" Wir befinden uns nicht in einem Restaurant oder in einer Bar - diese Fragen stellte mir eine Journalistin im "Literarischen Verhör" der TV-Sendung ErLesen, die am 3. Januar dieses Jahres auf ORF 3 ausgestrahlt wurde. Man hatte mich zu dieser Literatursendung eingeladen, weil mein Roman Stillbach oder Die Sehnsucht erschienen war. Die Frage nach der präferierten Wurstsorte habe ich mit "weder noch" beantwortet, die nach den Hartalkoholika mit "Whiskey", obwohl ich in meinem Leben höchstens drei- oder viermal einen getrunken habe. Steckte in diesen Fragen gar ein tieferer Sinn? Während des "Verhörs" hatte ich keine Zeit zum Nachdenken gehabt, doch später, auf der Fahrt nach Hause, fragte ich mich, ob ich mit meiner Entscheidung für "Whiskey" indirekt ein Bekenntnis für Amerika und den Kapitalismus abgelegt hatte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, mich für den Wodka zu entscheiden.

    Ich war davon ausgegangen, dass es in dieser TV-Sendung um meinen Roman gehen würde, dass ich in dem "Verhör" zu literarischen Vorlieben oder Vorbildern befragt würde, es sich um eine Vernehmung zur Sache handelte. Die Kulisse des Fernsehstudios suggerierte mit all den Büchertürmen, die aufgebaut worden waren, dass die Literatur im Zentrum des Gesprächs stehen würde.

    Ich erzähle nichts Neues, wenn ich sage, dass das Fernsehen darüber entscheidet, wer eine angesehene - nämlich vom Publikum angeschaute - Person ist; es geht in diesem Medium wie auch in anderen Medien um Präsenz, vordergründig immer um das Bild, nicht um das Wort. Dennoch war ich der naiven Meinung, eine geringfügige Möglichkeit zu haben, in diesem vorgegebenen Rahmen, mein Buch vorstellen zu können.

    Es sei wichtig, im Fernsehen zu sprechen, schreibt Pierre Bourdieu in seiner Abhandlung Über das Fernsehen, "aber unter bestimmten Voraussetzungen." Damit meint er eine unbegrenzte Redezeit und kein aufgezwungenes Thema. Dass die Redezeit in einer Kultursendung kurz sein würde, damit war zu rechnen, nicht aber mit austauschbaren Fragen zur Person, welche die Gedankenfreiheit eingrenzen, weil sie die Antworten bereits mitenthalten.

    Das "Verhör" lenkte vom Wesentlichen, nämlich von meinem Buch ab, es sollte die Aufmerksamkeit für etwas Außerliterarisches wecken, bei dem poetische Verfahren oder politisch relevante Themen von vornherein ausgeklammert werden. "Sind Sie ein verträumter Typ?"; "Haben Sie schon einmal kurze Haare getragen?"; "Was ist das beste Alter eines Mannes?" Selbst wenn ich Ihnen sage, dass es kein bestes Alter gibt, es nämlich auf den Mann ankommt, haben Sie noch immer nichts über mein Privatleben erfahren, Sie können daraus nicht einmal schließen, ob ich Männer oder Frauen liebe, und Sie erhalten keinerlei Einblicke in meinen Roman, der mir die Einladung zu diesem "Verhör" und anschließend zu einem Gespräch eingebracht hatte.

    Ich war nur ein Spielball

    Die Geschwindigkeit, mit der die "Verhör"-Fragen gestellt worden waren und die Art der Fragen (es handelte sich überwiegend um Entscheidungsfragen), lässt Nachdenken nicht mehr zu. Eine allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden ist in solchen TV-Formaten nicht möglich, sie wird unterbunden, vermutlich weil das Sich-Zeit-lassen und Überlegen, das dem Denken vorausgeht, den Verlust von ungeduldigen, auf reaktionsschnelle Antworten getrimmten Zuschauern nach sich zöge. Und der Verlust an Zuschauern wiederum bedeutet einen Verlust an Quote. Ich war nur ein Spielball im Kampf um Marktanteile gewesen, dachte ich im Taxi, das mich an jenem Abend vom Drehort am Stadtrand von Wien in die Leopoldstadt brachte.

    Nun ist es an sich ein Widerspruch, dass ich mich als eine an der Sprache zweifelnde Schriftstellerin ins Fernsehen begebe, in dem einerseits die Wortgewaltigen das Sagen haben, andererseits unzählige Serien und Action-Filme ausgestrahlt werden, bei denen man den Ton abdrehen und dennoch den Plot nacherzählen kann, weil die Sprache längst durch die Handlung ersetzt worden ist.

    Die Literatur, in der es in erster Linie um Sprache geht, lässt sich wohl auch deshalb im Fernsehen schwer vermitteln und vermarkten, weil die Handlung in einem literarischen Text sekundär ist. Wenn es nicht mit exorbitanten Kostenaufwänden verbunden wäre, hätten Fernsehmacher bestimmt bereits passende Buchausschnitte in Actiontrailer verwandelt und die Literaturvermittlung den Filmschaffenden überlassen.

    Immer seltener findet sich in TV-Formaten vergleichendes und analytisches Denken, weil die Zuschauer möglichst schnell alles mitbekommen sollen, ohne etwas nachvollziehen oder dazulernen zu müssen. Man setzt auf Gefühle und Wiedererkennung.

    Das Identifikationspotenzial der Zuschauer ist bei der Frage "Salami oder Mortadella?" wesentlich größer als bei der Frage nach der Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit in Italien oder nach dem formalen Konzept meines Romans, der einen Roman im Roman enthält. Kurzfragen sind nicht nur einfach zu rezipieren, sie sind auch zeit- und damit geldsparend. Dass Rapidität Dummheit erzeugt, ist nicht von Relevanz, vielmehr scheint es mehr und mehr ein erklärtes Ziel zu sein, Sendungen zu produzieren, bei denen man das Denken einstellen kann, die Ereignisse anekdotisiert und intellektuelle Ansätze simplifiziert werden.

    Wir Kunstschaffenden, dachte ich im Taxi, werden zu intellektuellen Dumpingpreisen in den Medien verschleudert. Sprachgeiz ist geil. Kollektive Demenz unauffällig. Warum hatte man mich überhaupt eingeladen? Vermutlich versprach die vorangegangene erhöhte mediale Aufmerksamkeit für mein Buch auch höhere Einschaltquoten. Die meisten Rezensionen waren mit Bildern von meiner Person versehen gewesen - Wiedererkennung war möglich.

    Die Literatur wird im Fernsehen ebenso personalisiert wie die Politik. Der Kameramann zeigte - wie ich schließlich Wochen später bei der Ausstrahlung sah - die Gesichter in Nahaufnahme, als wolle er die fehlende Text-nähe durch herangezoomte Stirnfalten und Sommersprossen wiedergutmachen. Die Wahrnehmungsschulung, der wir uns durch die Lektüre und Analyse eines Textes unterziehen könnten, wurde zur Poren- und Nasenlöcherinspektion.

    Ich kam auch in dem Gespräch mit dem Moderator, das dem "Literarischen Verhör" folgte, nicht dazu, über meinen Roman zu sprechen; er fragte nach meiner Identität und meiner Kindheit in den 60er-Jahren in Südtirol, danach, wie ich schreibe und was ich gerade schreibe, doch nicht nach dem Buch, das ich zuletzt geschrieben hatte.

    Die literaturfernen Serviceleistungen, die wir Schriftsteller und Schriftstellerinnen für unsere Bücher erbringen sollen, werden immer mehr. Sie sind der Preis für einen kommerziellen Erfolg, so gering er auch sein mag.

    Anspruchsvolle Kunst ist auf die Vermittlung in den Massenmedien angewiesen; es kann nicht sein, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten im Wettbewerb mit den privaten Anbietern ihren Bildungsauftrag immer mehr aus den Augen verlieren und als Verdummungsstrategen nur noch geistigen Leerlauf erzeugen.

    Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten - somit auch von ORF 3 - ist es unter anderem, den Kunstschaffenden eine breitere Öffentlichkeit zu bieten und die Auseinandersetzung des Publikums mit künstlerischen Positionen und Ausdrucksweisen, welche sich nicht auf Anhieb erschließen, in Form von kunstorientierten Gesprächen und Werkanalysen zu garantieren. Es ist nämlich - wie bestimmte Kultur- und Literatursendungen auf Arte, 3sat und auch Servus TV zeigen - durchaus möglich, die Zuschauer und Zuhörer einzubeziehen, sie zu Verbündeten zu machen, die Unterhaltungserwartungen des Durchschnittszuschauers und -zuhörers zu unterlaufen, seine sinnlichen, emotionalen, sprachlichen, intellektuellen und sozialen Fähigkeiten zu stimulieren.

    Trivialkunst und -literatur hingegen bedürfen keiner Vermittlung, sie erklären sich selbst. Ebenso wenig sollte sich die Präsentation anspruchsvoller Kunst in der Trivialisierung der Kunstschaffenden erschöpfen, das kann man getrost den privaten Boulevardmedien überlassen.  (Sabine Gruber  / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

    Sabine Gruber hielt diese Rede zum "Radiopreis der Erwachsenenbildung für Hörfunksendungen des Jahres 2011".

    • Sabine Gruber wurde 1963 in Meran  geboren. Studium der Germanistik,  
Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 2000 lebt 
Gruber als Schriftstellerin in Wien. Zuletzt erschien von ihr der Roman 
"Stillbach oder die Sehnsucht"  bei H. C. Beck (2011).
      foto: standard / corn

      Sabine Gruber wurde 1963 in Meran geboren. Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 2000 lebt Gruber als Schriftstellerin in Wien. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Stillbach oder die Sehnsucht" bei H. C. Beck (2011).

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