"Weder noch", habe ich geantwortet und mich gefragt: "Warum fragt man mich das?" - Von Sabine Gruber
Steckte in diesen Fragen ein tieferer Sinn? Eigentlich
dachte ich, dass die Literatur im Zentrum des Gesprächs stehen würde.
"Salami oder Mortadella?"; "Wodka oder Whiskey?" Wir befinden uns nicht
in einem Restaurant oder in einer Bar - diese Fragen stellte mir eine
Journalistin im "Literarischen Verhör" der TV-Sendung ErLesen, die am 3.
Januar dieses Jahres auf ORF 3 ausgestrahlt wurde. Man hatte mich zu
dieser Literatursendung eingeladen, weil mein Roman Stillbach oder Die
Sehnsucht erschienen war. Die Frage nach der präferierten Wurstsorte
habe ich mit "weder noch" beantwortet, die nach den Hartalkoholika mit
"Whiskey", obwohl ich in meinem Leben höchstens drei- oder viermal einen
getrunken habe. Steckte in diesen Fragen gar ein tieferer Sinn? Während
des "Verhörs" hatte ich keine Zeit zum Nachdenken gehabt, doch später,
auf der Fahrt nach Hause, fragte ich mich, ob ich mit meiner
Entscheidung für "Whiskey" indirekt ein Bekenntnis für Amerika und den
Kapitalismus abgelegt hatte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, mich
für den Wodka zu entscheiden.
Ich war davon ausgegangen, dass es in dieser TV-Sendung um meinen Roman
gehen würde, dass ich in dem "Verhör" zu literarischen Vorlieben oder
Vorbildern befragt würde, es sich um eine Vernehmung zur Sache handelte.
Die Kulisse des Fernsehstudios suggerierte mit all den Büchertürmen, die
aufgebaut worden waren, dass die Literatur im Zentrum des Gesprächs
stehen würde.
Ich erzähle nichts Neues, wenn ich sage, dass das Fernsehen darüber
entscheidet, wer eine angesehene - nämlich vom Publikum angeschaute -
Person ist; es geht in diesem Medium wie auch in anderen Medien um
Präsenz, vordergründig immer um das Bild, nicht um das Wort. Dennoch war
ich der naiven Meinung, eine geringfügige Möglichkeit zu haben, in
diesem vorgegebenen Rahmen, mein Buch vorstellen zu können.
Es sei wichtig, im Fernsehen zu sprechen, schreibt Pierre Bourdieu in
seiner Abhandlung Über das Fernsehen, "aber unter bestimmten
Voraussetzungen." Damit meint er eine unbegrenzte Redezeit und kein
aufgezwungenes Thema. Dass die Redezeit in einer Kultursendung kurz sein
würde, damit war zu rechnen, nicht aber mit austauschbaren Fragen zur
Person, welche die Gedankenfreiheit eingrenzen, weil sie die Antworten
bereits mitenthalten.
Das "Verhör" lenkte vom Wesentlichen, nämlich von meinem Buch ab, es
sollte die Aufmerksamkeit für etwas Außerliterarisches wecken, bei dem
poetische Verfahren oder politisch relevante Themen von vornherein
ausgeklammert werden. "Sind Sie ein verträumter Typ?"; "Haben Sie schon
einmal kurze Haare getragen?"; "Was ist das beste Alter eines Mannes?"
Selbst wenn ich Ihnen sage, dass es kein bestes Alter gibt, es nämlich
auf den Mann ankommt, haben Sie noch immer nichts über mein Privatleben
erfahren, Sie können daraus nicht einmal schließen, ob ich Männer oder
Frauen liebe, und Sie erhalten keinerlei Einblicke in meinen Roman, der
mir die Einladung zu diesem "Verhör" und anschließend zu einem Gespräch
eingebracht hatte.
Ich war nur ein Spielball
Die Geschwindigkeit, mit der die "Verhör"-Fragen gestellt worden waren
und die Art der Fragen (es handelte sich überwiegend um
Entscheidungsfragen), lässt Nachdenken nicht mehr zu. Eine allmähliche
Verfertigung der Gedanken beim Reden ist in solchen TV-Formaten nicht
möglich, sie wird unterbunden, vermutlich weil das Sich-Zeit-lassen und
Überlegen, das dem Denken vorausgeht, den Verlust von ungeduldigen, auf
reaktionsschnelle Antworten getrimmten Zuschauern nach sich zöge. Und
der Verlust an Zuschauern wiederum bedeutet einen Verlust an Quote. Ich
war nur ein Spielball im Kampf um Marktanteile gewesen, dachte ich im
Taxi, das mich an jenem Abend vom Drehort am Stadtrand von Wien in die
Leopoldstadt brachte.
Nun ist es an sich ein Widerspruch, dass ich mich als eine an der
Sprache zweifelnde Schriftstellerin ins Fernsehen begebe, in dem
einerseits die Wortgewaltigen das Sagen haben, andererseits unzählige
Serien und Action-Filme ausgestrahlt werden, bei denen man den Ton
abdrehen und dennoch den Plot nacherzählen kann, weil die Sprache längst
durch die Handlung ersetzt worden ist.
Die Literatur, in der es in erster Linie um Sprache geht, lässt sich
wohl auch deshalb im Fernsehen schwer vermitteln und vermarkten, weil
die Handlung in einem literarischen Text sekundär ist. Wenn es nicht mit
exorbitanten Kostenaufwänden verbunden wäre, hätten Fernsehmacher
bestimmt bereits passende Buchausschnitte in Actiontrailer verwandelt
und die Literaturvermittlung den Filmschaffenden überlassen.
Immer seltener findet sich in TV-Formaten vergleichendes und
analytisches Denken, weil die Zuschauer möglichst schnell alles
mitbekommen sollen, ohne etwas nachvollziehen oder dazulernen zu müssen.
Man setzt auf Gefühle und Wiedererkennung.
Das Identifikationspotenzial der Zuschauer ist bei der Frage "Salami
oder Mortadella?" wesentlich größer als bei der Frage nach der
Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit in Italien oder nach dem
formalen Konzept meines Romans, der einen Roman im Roman enthält.
Kurzfragen sind nicht nur einfach zu rezipieren, sie sind auch zeit- und
damit geldsparend. Dass Rapidität Dummheit erzeugt, ist nicht von
Relevanz, vielmehr scheint es mehr und mehr ein erklärtes Ziel zu sein,
Sendungen zu produzieren, bei denen man das Denken einstellen kann, die
Ereignisse anekdotisiert und intellektuelle Ansätze simplifiziert
werden.
Wir Kunstschaffenden, dachte ich im Taxi, werden zu intellektuellen
Dumpingpreisen in den Medien verschleudert. Sprachgeiz ist geil.
Kollektive Demenz unauffällig. Warum hatte man mich überhaupt
eingeladen? Vermutlich versprach die vorangegangene erhöhte mediale
Aufmerksamkeit für mein Buch auch höhere Einschaltquoten. Die meisten
Rezensionen waren mit Bildern von meiner Person versehen gewesen -
Wiedererkennung war möglich.
Die Literatur wird im Fernsehen ebenso personalisiert wie die Politik.
Der Kameramann zeigte - wie ich schließlich Wochen später bei der
Ausstrahlung sah - die Gesichter in Nahaufnahme, als wolle er die
fehlende Text-nähe durch herangezoomte Stirnfalten und Sommersprossen
wiedergutmachen. Die Wahrnehmungsschulung, der wir uns durch die Lektüre
und Analyse eines Textes unterziehen könnten, wurde zur Poren- und
Nasenlöcherinspektion.
Ich kam auch in dem Gespräch mit dem Moderator, das dem "Literarischen
Verhör" folgte, nicht dazu, über meinen Roman zu sprechen; er fragte
nach meiner Identität und meiner Kindheit in den 60er-Jahren in
Südtirol, danach, wie ich schreibe und was ich gerade schreibe, doch
nicht nach dem Buch, das ich zuletzt geschrieben hatte.
Die literaturfernen Serviceleistungen, die wir Schriftsteller und
Schriftstellerinnen für unsere Bücher erbringen sollen, werden immer
mehr. Sie sind der Preis für einen kommerziellen Erfolg, so gering er
auch sein mag.
Anspruchsvolle Kunst ist auf die Vermittlung in den Massenmedien
angewiesen; es kann nicht sein, dass die öffentlich-rechtlichen
Rundfunk- und Fernsehanstalten im Wettbewerb mit den privaten Anbietern
ihren Bildungsauftrag immer mehr aus den Augen verlieren und als
Verdummungsstrategen nur noch geistigen Leerlauf erzeugen.
Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten -
somit auch von ORF 3 - ist es unter anderem, den Kunstschaffenden eine
breitere Öffentlichkeit zu bieten und die Auseinandersetzung des
Publikums mit künstlerischen Positionen und Ausdrucksweisen, welche sich
nicht auf Anhieb erschließen, in Form von kunstorientierten Gesprächen
und Werkanalysen zu garantieren. Es ist nämlich - wie bestimmte Kultur-
und Literatursendungen auf Arte, 3sat und auch Servus TV zeigen -
durchaus möglich, die Zuschauer und Zuhörer einzubeziehen, sie zu
Verbündeten zu machen, die Unterhaltungserwartungen des
Durchschnittszuschauers und -zuhörers zu unterlaufen, seine sinnlichen,
emotionalen, sprachlichen, intellektuellen und sozialen Fähigkeiten zu
stimulieren.
Trivialkunst und -literatur hingegen bedürfen keiner Vermittlung, sie
erklären sich selbst. Ebenso wenig sollte sich die Präsentation
anspruchsvoller Kunst in der Trivialisierung der Kunstschaffenden
erschöpfen, das kann man getrost den privaten Boulevardmedien
überlassen. (Sabine Gruber / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)
Sabine Gruber hielt diese Rede zum "Radiopreis der Erwachsenenbildung
für Hörfunksendungen des Jahres 2011".