Verlust und verloren gegangene Kindheit: Zum zweihundertsten Geburtstag von Charles Dickens am siebenten Februar
Demütigend
und von erniedrigenden Widrigkeiten begleitet zeigen sich die frühen
Erfahrungen des jungen Charles Dickens auf dem Präsentierteller seiner
Biografen. Die Zahl der Arbeiten, die sich seinem Leben und Werk widmen,
lässt sich kaum abschätzen. Aber die meisten Untersuchungen nehmen
diese Jahre einer zutiefst unglücklichen Jugend ins Visier, um die in
dicken Nebelschwaden verborgene Identität des bedeutendsten britischen
Romanciers aufzuhellen.
Der
Zwölfjährige erlebt, wie sein Vater im Schuldnergefängnis eingesperrt
wird. Zwei Tage später muss der Junge zur Arbeit in eine Fabrik
eintreten, die schwarze Wichse für Schuhe und die gusseisernen
Kaminroste herstellt. Auf dieses Los war er nicht vorbereitet. Der Vater
ist froh, nicht mehr für Charles sorgen zu müssen. Bitter erinnert sich
Dickens später an diese Zeit: "Es ist mir unbegreiflich, wie man mich
in einem solchen Alter so einfach hat fortschicken können ... niemand
hatte hinreichend tiefe Gefühle für mich - ein Kind mit
außergewöhnlichen Gaben: schnell, wissbegierig, feinfühlig und leicht
verletzbar, körperlich wie seelisch ..."
Der Vater im Schuldnergefängnis begegnet uns in Little Dorrit wieder, die Schuhwichsfabrik in David Copperfield.
Die Einsamkeit in seiner neuen Lage war für den jungen Dickens schwerer
zu ertragen als die Armut. Er sah sich vorzeitig zum Erwachsenen
gemacht, und er sehnte sich nach der plötzlich unter traurigsten
Umständen verloren gegangenen Kindheit. Ein Motiv, das in seinen Romanen
- vor allem in Oliver Twist - eine wichtige Rolle spielt.
Nach der
Lohnsklaverei in der Schuhpoliturfabrik arbeitet er als
Kanzleischreiber in einer Anwaltskanzlei bis an den Rand der totalen
Erschöpfung. Er lernt Stenografie, wird Gerichtsreporter, später
arbeitet er als Parlamentsreporter für mehrere Zeitungen. Das Wichtigste
aber: Der 18-Jährige hat sich verliebt, in Marie Beadnell, die jüngste
Tochter eines Bankiers. Doch die Romanze dauert nur drei Jahre. Jetzt
publiziert er unter dem Pseudonym "Boz" im Evening Chronicle Skizzen
von Straßenszenen, die er mit einem humoristischen Stil von
unverwechselbarer Eigenart schildert und die sich beim Publikum großer
Beliebtheit erfreuen.
Der bis
dato völlig unbekannte "Boz" ist in aller Munde. Aber auch in dieser
ersten erfolgreichen Periode seiner Karriere als angehender Autor werden
die Dickens von den Schulden des Vaters bedrängt. Im November 1834
droht John Dickens wieder Gefängnis. Charles muss sich Geld leihen, um
die Sache wieder in Ordnung zu bringen, währenddessen sich der Vater bei
einer Waschfrau in Hampstead versteckt.
Immerhin schafft es Charles Dickens, zu seinem 26. Geburtstag die Sketches by Boz als Buch erscheinen zu lassen. Daraus wurden später die Pickwick Papers.
Die "Pickwickier" sind so lange lustig, bis der ehrenwerte Mr. Pickwick
ins Schuldnergefängnis kommt, weil er sich weigert, die ihm
ungerechtfertigterweise vom Gericht auferlegte Entschädigungssumme für
ein angeblich gebrochenes Eheversprechen gegenüber der unglücklichen
Mrs. Bardell zu bezahlen.
Der
Erfolg dieses großen Werks ist so überwältigend, dass Dickens einen
zweiten Anlauf zur Eheschließung startet. Er verliebt sich in die
20-jährige Kate Hogarth, die älteste Tochter von George Hogarth,
Verleger des Evening Chronicle. Im April heiratet das Paar, im Januar kommt das erste Kind zur Welt, und im Monat darauf erscheint Oliver Twist.
Dem Buch
lag die Idee zugrunde, das Schicksal eines Kindes zu beschreiben, das
verloren geht und schließlich doch sein angestammtes Erbe antritt. Oliver Twist
ist ein moralisches Lehrstück, schildert aber zugleich das Böse in der
Welt mit faszinierendem Furor. Fagin als Teufel, die Jungen seiner Bande
als nachgeordnete Dämonen, Nancy als gefallener Engel und Sikes ein
Ungeheuer - so sieht Dickens seine Figuren.
Gesellschaftskritik
Im Januar 1838 beginnt Dickens mit der Arbeit an Nicholas Nickleby.
In dem Fortsetzungsroman geht es um betrogene Unschuld, verlorene
Kindheit und geschwisterliche Liebe, Themen, die ihn immer wieder
beschäftigen werden. Dickens hat seinen Ton als Satiriker und
Gesellschaftskritiker gefunden. Nicholas Nickleby verkaufte sich bestens.
Der
traurige Zustand der Privatschulen in Yorkshire, in denen arme Kinder
ausgebeutet und gequält wurden, gab den Anlass, um das Erziehungswesen
seiner Zeit zu verhöhnen.
Dickens
in der Blütezeit seiner Erfolge. Von einer längeren Amerikareise kehrt
er 1842 nach London zurück. Obwohl er in Amerika herzlich aufgenommen
wurde, kühlte sich die Begeisterung bald ab. Einmal belastete den Gast
das Gebot, aus Gründen der Höflichkeit das Thema Sklaverei zu vermeiden.
Zum andern las er den Amerikanern bei jeder Gelegenheit die Leviten,
weil sie das Urheberrecht auf seine Werke ignorierten und ihm dadurch
erhebliche Einnahmen verloren gingen. Erst mit der Vollendung seines
sechsten Romans - Martin Chuzzlewit -, den er als eine Satire auf
die Selbstsucht verstand, ist er zunächst aller Verpflichtungen ledig.
Die Jahre 1844/45 stehen im Zeichen seiner italienischen Reise, in deren
Verlauf sich allerdings die Stimmung in der Familie verdüstert.
Kate
fühlt sich vernachlässigt, weil sich ihr Charles offenkundig mehr für
die emotionalen Probleme anderer Damen interessiert. Nach der Rückkehr
aus Italien wird Dickens Herausgeber der neu gegründeten Daily News. Er stellt gleich mehrere Verwandte ein, auch seinen Vater, der bis zu seinem Tod in dem Unternehmen beschäftigt bleibt.
Inzwischen
haben die Dickens schon sechs Kinder zu versorgen, und der ruhelose
Autor hat schon wieder einen neuen Roman fertig - Dombey und Sohn.
Sein Thema ist das Gefühl von Verlassenheit und Lieblosigkeit im
Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. In diesem Jahr 1848 stirbt seine
Schwester Fanny an der Schwindsucht. Möglicherweise weckt der Tod der
Schwester Kindheitserinnerungen, die Dickens dazu veranlassen, das
nächste Romanprojekt autobiografisch anzugehen: David Copperfield.
Da
schreibt er sich seit langem verdrängte Gefühle von der Seele. Das Buch,
das heute von den meisten Dickens-Lesern als sein bestes geschätzt
wird, verkaufte sich zunächst schleppend, wurde dann aber doch zu einem
Riesenerfolg, und Dickens gönnte sich wieder eine Italienreise, musste
allerdings bei seiner Rückkehr nach London feststellen, dass es um seine
Finanzen nicht zum Besten stand. Also musste ein neues Romanprojekt
her. 1853 meldet er sich von seinem Feriendomizil in der Nähe von
Boulogne: "Ich habe gerade mein Buch (sehr hübsch, hoffe ich)
abgeschlossen und fühle mich so schläfrig-matt, wie es danach
verständlich ist." Bleak House liefert eine mehrschichtige
Handlung im Umfeld eines Kammergerichts. Fast schon ein Detektivroman
mit einem echten Detektiv, der die Hintergründe eines düsteren
Erbschaftsprozesses aufzudecken versucht.
Auch in
diesem Roman geht Dickens gegen die verkrusteten politischen und
sozialen Verhältnisse seiner Zeit an. Jeder in diesem System, so schien
es ihm, sei auf irgendeine Weise ein Gefangener. Dickens kehrt in Harte Zeiten zu
dem Thema der schuldlosen Gefangenschaft zurück. Die Erzählung vom
hoffnungslos verschuldeten William Doritt und seiner Tochter ist die
Geschichte seiner Familie, die wegen ihrer Schulden im Marshalsea
eingesperrt wurde. Die Angst vor öffentlicher Schande und vor dem
Eingeschlossenwerden prägt die Atmosphäre der Handlung. Absolut düster
gerät ihm Eine Geschichte zweier Städte von 1859, ein Buch, das in der Zeit der französischen Revolution spielt, die für Dickens fast noch Gegenwart war.
Der
Roman über das Schicksal von Dr. Manette und seiner Tochter Lucy in den
beiden Städten London und Paris lebt aus den dramatischen Verknüpfungen
der Geschehnisse in beiden Metropolen. Die Handlung ist von Motiven der
Schuld, des Leidens, des Todes und der Erlösung geprägt. Ihr Autor wird
bei der Niederschrift des Romans noch durch den Kummer belastet, den die
Trennung von seiner Frau auslöst. Bis es zu dieser Scheidung kam,
lieferten sich beide Seiten einen zermürbenden, über mehrere Jahre
gehenden Kleinkrieg, der Dickens auch gesundheitlich schwächte. Er
betäubt sich mit der Arbeit an einem neuen Projekt.
Große Erwartungen
Den Roman - Große Erwartungen - verfasst
Dickens zwischen 1860 und 1861. Dieser Lebensbericht des kleinen Philip
"Pip" Pirrips, der als Vollwaise im öden, nebligen Marschland von
seiner älteren Schwester und ihrem Mann aufgezogen wird, gilt als
reifstes Werk Dickens. In diesem letzten Jahrzehnt seines Lebens lässt
Dickens' Kreativität deutlich nach. Er reist mehrfach nach Paris, hält
triumphale Lesungen, schreibt seinen letzten Roman, Unser gemeinsamer Freund,
die Geschichte eines Mannes, der aus dem Ausland nach London
zurückkehrt, um sein Erbe anzutreten. Sein Vater hat testamentarisch
verfügt, dass der Sohn nur dann das Erbe erhält, wenn er eine ihm
völlig fremde Frau heiratet.
Zwischen
1867 und 1868 unternimmt Dickens eine strapaziöse Lesetour, die ihn ein
zweites Mal nach Amerika führt. Nach seiner Rückkehr stürzt er sich in
die Arbeit. Aber seine gesundheitlichen Probleme halten an. Gegen den
Rat der Ärzte absolviert er 1870 in London und Umgebung eine
anstrengende Lesetournee. Anfang März empfängt ihn Königin Victoria im
Buckingham-Palast. Dickens' Gesundheitszustand verschlechtert sich in
den nächsten Wochen. Am Abend des 8. Juni erleidet er einen Schlaganfall
und stirbt am nächsten Morgen. (Wolf Scheller / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)