Ein Kuss für den Hundepopo

  • Klimt-Hundemäntelchen aus dem Belvedere
    vergrößern 600x400
    foto: belvedere

    Klimt-Hundemäntelchen aus dem Belvedere

  • Adele aus der "Barbie Museum Collection" (2011).
    foto: mattel

    Adele aus der "Barbie Museum Collection" (2011).

Das Klimt-Merchandising treibt skurrile Blüten, ist aber ein lukratives Geschäft

Knapp zwei Kilogramm wiegt der Kirchendachziegel, den Gustav Klimts Porträt Adele Bloch-Bauer II ziert. "Ein unverwechselbares Original" an dem "der große Meister bestimmt seine Freude gehabt" hätte, wie der Produzent behauptet. Spätestens der Blick auf Lackkommoden oder andere "Ordnungswunder" mit Kuss-Dekor, die ein deutscher Großhändler über heimische Versandhäuser vertreibt, liefert Gewissheit: Das Geschäft mit Gustav Klimt mag merkwürdige Blüten treiben, bedient aber einen Markt. Und zwar nicht erst im Umfeld des aktuellen Jubeljahres, in dem auch die "Münze Österreich" ihr Scherflein beiträgt: An fünf Hauptwerken orientierte Goldmünzen (Nennwert 50 Euro, Kaufpreis 505 Euro) werden nun im Jahresrhythmus aufgelegt.

Zum Start schickt man die 1907 gemalte "goldene" Version der Industriellengattin ins Rennen, sie gilt als das mit Abstand beliebteste Motiv: Seit Juni 2011 gibt es Adele als Barbie, außerdem grient sie von Seidentüchern, Untersetzern, Straußeneiern, Espressotassen und Porzellanvasen. Eventuell ein Fall für die Geschmackspolizei, für Juristen jedenfalls nicht. Eine kontinuierlich sprudelnde Einnahmenquelle wären Tantiemen aus der Vermarktung allemal. Nur, Besitzer von Originalen profitieren davon nicht: Eigentum inkludiert nicht automatisch das Recht an der Vervielfältigung. Nur Klimts Nachfahren naschten bis 1988 (70 Jahre nach seinem Tod) am Kuchen der Verwertungsrechte. Zu gängigen Produkten gehören in Möbelhäusern angebotene Kunstdrucke, auch hier gilt Adele als Bestseller. Im Internet kann man zwischen Varianten auf Büttenpapier (ca 160 Euro, 100 x 100 cm) und auf "echter Malerleinwand mit Firnis veredelt" (210 Euro) wählen, lieferbar in ein bis drei Tagen. Ein Monat müssen Interessierte für eine "handgemalte" Version von www.kunstkopie.de absitzen, um sich Adele in Originalgröße von 140 mal 140 cm für rund 710 Euro an die Wand zu montieren.

Dass dieser Anbieter den Standort des Originals noch mit Belvedere benennt, dürfte Ronald Lauder vermutlich ein müdes Lächeln kosten. 2006 hatte er das nach jahrelangem Rechtsstreit vom Belvedere restituierte Gemälde für kolportierte 135 Millionen Dollar von Maria Altmann für die Neue Galerie (New York) erworben. Auch dort bringt zugehöriges Merchandising die Kassen des Museumsshops zum klingeln: Übers Internet kann man einen hochwertigen Kunstdruck (500 Dollar), auf Wunsch mit 18 Karat Blattgold verziertem Rahmen nach dem Original von Josef Hoffmann (4.800 Dollar) ordern, alternativ vielleicht auch eines der von Adele inspirierten Geschmeide eines indischen Juwelen-Designers (bis zu 14.000 Dollar).

Motivisch hat sich der nach New York abgewanderten Adele hierzulande längst Der Kuss an die Fersen geheftet: Sei es in einem aktuellen Werbespot, in dem die Geküsste nächtens aus dem Gemälde steigt, um gemeinsam mit Johann Gottfried Auerbachs Prinz Eugen Früchte aus einem Glas zu naschen, vor allem aber im Museumshop des Belvedere selbst.

Den Anteil dieses so genannten Non-Book-Segments beziffert Shop-Managerin Katharina Schoeller mit stattlichen 80 Prozent. Vor allem das Kuss-Sortiment wird hier in Zusammenarbeit mit Designern ständig erweitert, auch abseits der üblichen Kugelschreiber-Topflappen-Häferl-an-Teddybären-Menagerie. Zu den Novitäten gehört etwa ein Hundemäntelchen. Ob Ophelia und Harry, die beiden Zwergschnauzer der Hausherrin, dieser Tage entsprechend der sibirischen Kälte in fescher Kuss-Justierung zum Praxistest ausrücken, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.  (Olga Kronsteiner  / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

Share if you care