Das Klimt-Merchandising treibt skurrile Blüten, ist aber ein lukratives Geschäft
Knapp zwei Kilogramm wiegt der Kirchendachziegel, den Gustav Klimts
Porträt Adele Bloch-Bauer II ziert. "Ein unverwechselbares Original" an
dem "der große Meister bestimmt seine Freude gehabt" hätte, wie der
Produzent behauptet. Spätestens der Blick auf Lackkommoden oder andere
"Ordnungswunder" mit Kuss-Dekor, die ein deutscher Großhändler über
heimische Versandhäuser vertreibt, liefert Gewissheit: Das Geschäft mit
Gustav Klimt mag merkwürdige Blüten treiben, bedient aber einen Markt.
Und zwar nicht erst im Umfeld des aktuellen Jubeljahres, in dem auch die
"Münze Österreich" ihr Scherflein beiträgt: An fünf Hauptwerken
orientierte Goldmünzen (Nennwert 50 Euro, Kaufpreis 505 Euro) werden nun
im Jahresrhythmus aufgelegt.
Zum Start schickt man die 1907 gemalte "goldene" Version der
Industriellengattin ins Rennen, sie gilt als das mit Abstand beliebteste
Motiv: Seit Juni 2011 gibt es Adele als Barbie, außerdem grient sie von
Seidentüchern, Untersetzern, Straußeneiern, Espressotassen und
Porzellanvasen. Eventuell ein Fall für die Geschmackspolizei, für
Juristen jedenfalls nicht. Eine kontinuierlich sprudelnde
Einnahmenquelle wären Tantiemen aus der Vermarktung allemal. Nur,
Besitzer von Originalen profitieren davon nicht: Eigentum inkludiert
nicht automatisch das Recht an der Vervielfältigung. Nur Klimts
Nachfahren naschten bis 1988 (70 Jahre nach seinem Tod) am Kuchen der
Verwertungsrechte. Zu gängigen Produkten gehören in Möbelhäusern
angebotene Kunstdrucke, auch hier gilt Adele als Bestseller. Im Internet
kann man zwischen Varianten auf Büttenpapier (ca 160 Euro, 100 x 100 cm)
und auf "echter Malerleinwand mit Firnis veredelt" (210 Euro) wählen,
lieferbar in ein bis drei Tagen. Ein Monat müssen Interessierte für eine
"handgemalte" Version von www.kunstkopie.de absitzen, um sich Adele in
Originalgröße von 140 mal 140 cm für rund 710 Euro an die Wand zu
montieren.
Dass dieser Anbieter den Standort des Originals noch mit Belvedere
benennt, dürfte Ronald Lauder vermutlich ein müdes Lächeln kosten. 2006
hatte er das nach jahrelangem Rechtsstreit vom Belvedere restituierte
Gemälde für kolportierte 135 Millionen Dollar von Maria Altmann für die
Neue Galerie (New York) erworben. Auch dort bringt zugehöriges
Merchandising die Kassen des Museumsshops zum klingeln: Übers Internet
kann man einen hochwertigen Kunstdruck (500 Dollar), auf Wunsch mit 18
Karat Blattgold verziertem Rahmen nach dem Original von Josef Hoffmann
(4.800 Dollar) ordern, alternativ vielleicht auch eines der von Adele
inspirierten Geschmeide eines indischen Juwelen-Designers (bis zu 14.000
Dollar).
Motivisch hat sich der nach New York abgewanderten Adele hierzulande
längst Der Kuss an die Fersen geheftet: Sei es in einem aktuellen
Werbespot, in dem die Geküsste nächtens aus dem Gemälde steigt, um
gemeinsam mit Johann Gottfried Auerbachs Prinz Eugen Früchte aus einem
Glas zu naschen, vor allem aber im Museumshop des Belvedere selbst.
Den Anteil dieses so genannten Non-Book-Segments beziffert
Shop-Managerin Katharina Schoeller mit stattlichen 80 Prozent. Vor allem
das Kuss-Sortiment wird hier in Zusammenarbeit mit Designern ständig
erweitert, auch abseits der üblichen
Kugelschreiber-Topflappen-Häferl-an-Teddybären-Menagerie. Zu den
Novitäten gehört etwa ein Hundemäntelchen. Ob Ophelia und Harry, die
beiden Zwergschnauzer der Hausherrin, dieser Tage entsprechend der
sibirischen Kälte in fescher Kuss-Justierung zum Praxistest ausrücken,
konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)