Restitutionen heizten die posthume Marktentwicklung Gustav Klimts an wie bei keinem anderen Künstler je zuvor. Seit 1998 setzten seine Werke Benchmarks, auch für zeitgenössische Künstler
Ende der 1970er-Jahre soll es in einem Antiquariat in der Wiener
Innenstadt eine Schachtel gegeben haben, prall gefüllt mit Zeichnungen
von Gustav Klimt. Eine Art Wühlkiste, wie man sie vom Schlussverkauf
kennt. 9.000 Schilling waren je Blatt veranschlagt, der Absatz soll
dennoch schleppend gewesen sein. Eine Anekdote, die man hierzulande
nicht müde wird zu erzählen und die stets mit einem Seufzer endet. Ja,
damals hätte man zugreifen sollen, denn der Wert solcher Arbeiten stieg
seither gewaltig.
Auch international war das Preisgefüge ehemals deutlich niedriger. Jane
Kallir, deren Großvater Otto Kallir 1938 vor den Nazis nach New York
flüchtete, hat authentisches Zahlenmaterial parat, denn in der Galerie
St. Etienne fand 1959 die allererste Klimt-Verkaufsausstellung in den
USA statt. Noch 1957 hatte das Museum of Modern Art "nur" 4.000 Dollar
für Der Park (1910) bezahlt. Bereits für das Doppelte konnte Kallir
Schloss Kammer am Attersee (1909) zwei Jahre später verkaufen, jenes
Bild übrigens, für das Christie's 1997 mit 23,49 Millionen Dollar einen
Auktionsrekord notieren sollte. 1960 ließ das Carnegie Institute
(Pittsburgh) wiederum 13.000 Dollar für den Obstgarten (1905) springen.
Innerhalb von nur drei Jahren und lange vor den ersten musealen
Großausstellungen (Guggenheim NY, 1965) hatte sich der Handelswert von
Klimt-Landschaften quasi Verdreifacht.
"Mona Lisa" der Moderne
Die größte Zäsur der posthumen Preisentwicklung bescherte aber das seit
1998 wirksame Bundeskunstrückgabegesetz. Über Restitutionen rückte
Museales als begehrte Handelsware nach. Der mit Abstand relevanteste
Posten umfasste die seitens des Belvedere 2006 an die Erben nach
Bloch-Bauer zurückerstatteten fünf Gemälde. Sie alle kamen auf den
Markt, in einem strategisch perfekt getakteten Modus Operandi. Zuerst
das Porträt Adele Bloch-Bauer I ("Goldene Adele"), vom Rechtsvertreter
der Erben sukzessive zur Mona Lisa der Moderne ikonisiert. Fraglos ein
Prestigeobjekt, dessen Kaufpreis Signalwirkung haben musste und einen
würdigen neuen Besitzer dazu.
Den Richtwert hatte Sotheby's-Starauktionator Tobias Meyer vorgegeben,
als er im Mai 2004 die Gebote für Pablo Picassos Garçon à la Pipe über
die magische Grenze bis auf 104,16 Millionen Dollar dirigierte. 135
Millionen Dollar lautete dann der adäquate und im Juni 2006 offiziell
verlautbarte Adele-Kaufpreis, den Ronald Lauder über Christie's
finanzierte. Eine neue Benchmark für Meyer, die es im Zuge eines von ihm
eingefädelten Private Sale von Jackson Pollocks No. 5 (1948) zu
übertreffen galt. Bei 140 Millionen ging dieser Deal kein halbes Jahr
später über die Bühne. So weit die Rolle Klimts beim bisher teuersten
offiziellen Kunstkauf in der Geschichte des Kunstmarktes.
Dass das verbleibende Bloch-Bauer-Konvolut im November 2006 bei
Christie's ein Mehrfaches der Erwartungen bringen würde, lag auf der
Hand. 192,7 Millionen Dollar für vier Gemälde wurden es insgesamt. Die
"bunte Adele", das andere Porträt der Industriellengattin, ist mit knapp
88 Millionen Dollar seither eisern an der Spitze der zehn höchsten
weltweit in Auktionen erzielten Klimt-Zuschläge. Mit acht Platzierungen
dominieren seit 2003 an Erbengemeinschaften restituierte Werke dieses
Ranking, etwa auch das vom Museum der Moderne Salzburg vergangenes Jahr
retournierte Gemälde Litzlberg am Attersee (40,4 Mio. Dollar).
Restitutionen waren und sind damit ein wichtiger Faktor in der
Preisentwicklung Klimts, wie auch der direkte Vergleich mit Claude Monet
dokumentiert. Die in diesem Liniendiagramm erkennbaren Schwankungen
ergeben sich über die weltweit in Auktionssälen erzielten Umsätze; die
jeweiligen Spitzenwerte stehen für Jahre, in denen viele Werke
versteigert oder Höchstpreise bewilligt wurden. Gelangen jedoch keine
Ölbilder auf den Markt, sondern nur weniger teure Zeichnungen oder
Grafiken, sinkt der Umsatz und damit automatisch der Index - nicht aber
der Wert eines Kunstwerks.
Gustav Klimt gilt international als mit Abstand teuerster Künstler
österreichischer Provenienz. Wenn sich also am 8. Februar bei Sotheby's
in London mehrere Interessenten um sein 1901 ausgeführtes und auf knapp
zehn Millionen Euro geschätztes Seeufer mit Birken ins Bietgefecht
stürzen, dann liegt das an der Wertschätzung für die Qualität seiner
Kunst. Der bevorstehende Ausstellungsreigen anlässlich des
Jubiläumsjahres liefert dem Kunstmarkt und potenziellen neuen Rekorden
allenfalls die Begleitmusik. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)