Wien um 1900: Im Zweifel für die Klarheit

3. Februar 2012, 19:01

Die epochale Bedeutung von Klimt und der "Kunst um 1900" ermisst nur, wer die Vorbedingungen der Gründerzeit zur Kenntnis nimmt

Ein Abriss über jene Situation, in der Wien zum Laboratorium der Moderne wurde.

In den 1980er-Jahren glich der Verweis auf die Segnungen der Wiener Jahrhundertwende-Kultur einer Erlösung. Wien, und mit ihm ganz Österreich, musste nicht länger nur den Kollaps der Donaumonarchie 1918 beklagen, in dessen Gefolge die Weichen für das spurlose Aufgehen Österreichs in Nazi-Deutschland gestellt wurden.

Mit dem ominösen Begriff "Wien um 1900" verbindet sich seither ein besitzerstolzer Blick auf Wien als beispielloses Laboratorium der Moderne. Seit den 1890er-Jahren schossen die Neuentdeckungen auf allen Kunst- und Forschungsgebieten ins Kraut. Gustav Klimt und die "Secessionisten" sagten der zu Dekorationszwecken herabgewürdigten Kunst ade. Karl Kraus nahm es auf sich, in der Fackel gegen den "Feuilletonismus" zu polemisieren. Mahler und Schönberg schickten sich an, der Tonkunst den Schlendrian auszutreiben.

Wohin man blickt, nichts als Neuerungen: Die Kinder des liberalen Wiener Bürgertums, zu Weltschmerz aufgelegt, zur Klarheit verpflichtet, rüttelten an vergoldeten Gitterstäben. Klimts Betonung der Ornamentik würdigt nur, wer die zugrundeliegende Schlamperei bedenkt, die in jenen Jahren vorherrschte. Die Großbürger - als Bauherren der Ringstraßenarchitektur die Gesichtsbildner des heutigen Wien - waren es gewohnt, die öffentliche wie auch die private Lebenssphäre in Prunk zu ersticken.

Viel falscher Marmor

Wien vor 1900, das bedeutete vor allem den Triumph uneigentlicher Verhältnisse. Egon Friedell schilderte die Wohnverhältnisse in den Bürgerpalästen als Schmierentheater, als angewandte Gaukelei: Getünchtes Blech schlüpfte in die Rolle von Marmor, Papiermaché gab sich als Rosenholz aus, Gips als schimmernder Alabaster. Und es war Karl Kraus, der über den beiderseitigen Funktionsnachweis von Nachttopf und Urne schier aus dem Häuschen geriet.

Das Bedürfnis nach Reform um 1900 ermisst man nur, wenn man gleichzeitig nicht vergisst, die politische Krise zu erwähnen. Der Liberalismus, Produkt der gescheiterten Revolution von 1848, litt an Auszehrung. Seine Proponenten entfernten sich mehr und mehr von den Brennpunkten des sozialen Geschehens, das vom Zuzug aus den ländlichen Gebieten in den Kronländern dominiert wurde. Das Bürgertum schmiegte sich dem Adel an, indem es dessen Gepflogenheiten imitierte. Und den Randbezirken des Liberalismus entsprossen, siehe Karl Lueger, Massenbewegungen, deren großdeutsche Ambitionen mit einem widerwärtigen Antisemitismus verkoppelt waren.

Den einigenden Zusammenhang aber stiftete ein Phantom. Die wenig inspirierte Gestalt Franz Josephs musste für die Idee des k. u. k Staatsgebildes einstehen, ohne dass dem Kaiser jemals mehr als ein paar Zusagen zu halbherzigen Reformen entschlüpft wären.

Wien um 1900, das meint vor allem eine durchschlagende Krise der Repräsentation: Weil jede kulturelle Manifestation für etwas anderes einstand als für sich selbst, stets großtat und doch auf etwas anderes verwies, fühlten sich die fortschrittlichsten Geister in einem Gespinst aus Täuschungen und Lügen gefangen. In der Folge schickten sich Klimt, aber auch Loos, Kokoschka, Freud, Kraus, Wittgenstein und Konsorten an, nach Klarheit zu verlangen.

Es wurde reiner Tisch gemacht: In der Tonkunst wurde an der Nachvollziehbarkeit der Intervallik gebastelt. Jemand wie Wittgenstein isolierte die Probleme der Erkenntnis und stellte sie in Bezug zur Frage der Ethik. Die epochalsten Entdeckungen entsprangen einem intellektuellen Hygienebedürfnis: Gut konnte nur sein, was "echt" war, schlicht und von reiner Beschaffenheit.

Fingerzeige von außen

Nun wäre das offizielle Österreich nicht ohne weiteres darauf verfallen, nach den Wurzeln der hiesigen Moderne zu forschen. Es waren Vertreter der angelsächsischen Geisteswelt, die die Laterne des Desillusionierungsgeschäftes heim nach Wien trugen. Carl E. Schorske gilt es hier zu nennen, und auch Allan Janik und Stephen Toulmin, deren vergriffener Klassiker Wittgensteins Wien (Deutsch: 1984) das Problembewusstsein für die Untragbarkeit verlogener Verhältnisse schärfte.

Die Aufmerksamkeit für Gustav Klimt könnte sogar helfen, den Blick auf "Uneigentlichkeiten" des zeitgenössischen Kulturbetriebes neu einzustellen. Immer öfter werden schließlich Errungenschaften der künstlerischen Moderne als bloße Aromastoffe in das Getriebe eingespeist. Der hingebungsvolle Blick auf Schauwerte hilft manchmal sogar mit, sich über den Gehalt der jeweiligen Kunst hinwegtäuschen zu lassen. Oder, wie Karl Kraus schrieb: "Früher waren die Dekorationen von Pappe und die Schauspieler echt. Jetzt sind die Dekorationen über jeden Zweifel erhaben und die Schauspieler von Pappe." (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

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Posting 1 bis 25 von 64
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Zinsenfeger
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nichts davon ist neu

nach der großen Wiederentdeckung von Wien um 1900 in den 1980-er Jahren ...
nach der großen Auseinandersetzung mit der Moderne aus Postmoderner Sicht in den 1990-er Jahren ...
lesen wir hier, was bereits vonr 20-30 Jahren festgestellt wurde. Und es überrascht die UnserInnen hier im Forum noch immer, hat sich wohl nicht viel herumgesprochen, das das Thema mehr als erarbeitet ist ...

Frodo Der Hobbit
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warum nicht ins gesicht sagen?

wir haben HEUTE das problem der weiten unklarheit, und des politischen durcheinanders, und der verwirrend alles passend machenden PR.
drum suchen wir ein echo in der vergangenheit.

unser heutiges problem ist das versagen von 1848; uns fehlt ein "revolutionärer roundtrip" der politischen kultur. einige ex-kolonien haben genau das getan und sind von der krise weniger betroffen!

die ornamentik nimmt vorweg, dass man gegen die kognitive dissonanz, dh gegen deren notorischen, abstumpfenden missbrauch kämpfen muss. zur vermittlung der idee ist durchaus eine geometrische methodik angesagt.
ins nutzbare heute führt aber zb der einbezug von norbert wiener und heinz von foerster!
zb die antwort des konstruktivismus auf die intrigante polarisierung.

==McMurphy==
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klimt, zimt, ein geschmackloser goldstaub auf einer sterbenden kultur - nicht ohne grund hochgepriesen
in unserer zeit.

Meister Sepp
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Es stimmt schon, dass Klimt und die Secessionisten der zu bloßer Dekoration verkommenen Kunst Ade gesagt haben, und zwar eben indem sie die das Ornament in der Kunst selbst wieder eingefüghrt und zum bestimmenden Gestaltungsmittel gemacht haben, anstatt weiterhin die "reine" historistische Figurenmalerei zur Deko von Prunkbauten zu degradieren. Auf dem Weg über das Ornament bereiten sie im Grunde die abstrakte Kunst vor.

witherabbitt
 
01
Die Überlegung, daß die Wiederentdeckung des Ornaments eine Wegbereitung der abstrakten Kunst gewesen sei, kann ich einiges abgewinnen,

doch Sie übersehen die historischen Umstände in bildungssoziologischer Hinsicht: Im 19. Jhdt. ging es in Österreich um die Auseinandersetzung zwischen idealistischer Gehaltsästhetik und herbartianischer Formalästhetik. Insofern ist auch Klimt in diese Entwicklung zu sehen, die eben nicht nur zwischen gegenüber der Entwertung des Ornaments durch dessen industriellen Erzeugbarkeit zum historischen Dekor als Eigenwert wiederentdecktem Ornament stattgefunden hat, sondern zwischen Idealismus und Formalästhetik. Die Stelle der idealistischen Gefühls- (Gehalts)-Ästhetik wird gegenläufig zum Idealismus tiefenpsychologisch angelegt (Klimt,Schiele)

Frodo Der Hobbit
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vielleicht etwas weniger geschwollen,
ob ich aus eigenem motiv und ideal was sagen kann, und diesem eine ansprechende form investiere, oder ob ich formen erschaffe, die nur dem weitertragen des herrschaftssystems dienen, mit allen seinen regeln und tabus.

witherabbitt
 
00

Man kann etwas auch bis zur Falschheit vereinfachen. Die Unterscheidung der idealistischen Gehalts- bzw. Gefühlsästhetik von der herbartianischen Formalästhetik (in Ö. insbesondere Robert Zimmermann) trifft den v on Ihnnen angezogenen Unterschied keineeswegs. Vielmehr ist die Formalästhetik diejenige Entwicklung, welche die Vorstellung, daß Kunst gesamtgesellschaftliche Werte und Weltanschauungen ausdrücken muß, eine Grenze zieht. — Die von Ihnen angesprochene Bruchlinie verläuft also anders, als von Ihnen gedacht.

witherabbitt
 
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»welcher Vorstellung ... eine Grenze zieht«

sorry!

David-Lauritz
00
Versuch einer bemühten Parodoxie

ARO5
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Zahnproblem?

Steinbrecher Karl
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Ich finde, dass Klimt den Wunsch der Menschen nach bunten und "schönen" Bildern perfekt befriedet hat. Deshalb lassen sich diese Sachen bis heute so gut auf Touristentaschen und Kugelschreibern vermarkten. Im oben gezeigten Bildauschnitt kann ich alles, nur nicht "Klarheit im Denken" erkennen. Um sinngemäß mit Philip Johnson zu sprechen: Klimt ist ein großer Maler des 19. Jahrhunderts.

arte
00

das sehe ich aus so: für Klimt passt das 19.Jahrhundert, er war ein genialer Schlusspunkt, aber nicht für Schiele. Er war mit Kokoschka, ein Vorläufer des gegenständlichen Expressionismus. Schade,dass er schon 1918, jung, gestorben ist.

David-Lauritz
20
Frustration der heutigen Kulturschaffenden

Sie zerbrechen an den Meistern der Vergangenheit (Klimt, Fischer von Erlach, Hildebrandt, Mozart, ...). Da sie sich dies nicht eingestehen können, müssen sie diese abwerten. Kleinkariert und wenig souverän.

Tipp: Kopieren sie diese Meister!

witherabbitt
 
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Watum das klassische Kunstideal fraglich geworden ist, zeigt sich in der Romantik an der industriellen Reproduzierbarkeit des Ornaments bereits vor 1848, welche die Aura des Kunstwerks zum ersten Mal in Frage gestellt hat. Ihre Kunstauffassung ist unabhängig von der Entwicklung der Gesellschaft, und wird schon deshalb immer irrelevamter. Sie können nicht erwarten, daß das Lebensgefühl zwischen Bach und Mozart mit dem zwischen Holokaust und Konsumerismus bis zur Verblödung das gleiche ist. Kunst sucht gerade im Zeitalter der Reproduzierbarkeit schon aus formalen Gründen die Grenze zum Nicht-Reproduzierbaren. So kann aus zwei Gründen Ihr Kunstideal nicht ungebrochen bleibem.

Steinbrecher Karl
02
Ringelspiel

Die Frustration der heutigen Kulturschaffenden wird vermutlich durch "Kunstliebhaber" wie Sie verursacht. Der "Kunstliebhaber" Ihrer Fasson liebt grundsätzlich das Alte und haßt das Neue. Aber ich sage Ihnen, es wird die Zeit kommen, da Ihre Ur-Urenkel in alter Familientradition unsere Kunst lieben werden. Sie können dann gar nichts dagegen tun, als sich in Ihrem neogotischen Sarg vor Wut um die eigene Achse zu drehen.

David-Lauritz
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Billiges Argument, um sich vor jeder Kritik zu schützen. Zieht nicht.

GTV916
 
01
Gegen Pauschalurteile ...

... zieht prinzipiell einmal alles, was detaillierter ist ;-)

witherabbitt
 
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Zwar unvollständiges Argument, aber Sie projizieren nur Ihre Immunisierunsgstrategie auf andere. Ziemlich durchsichtig!

Steinbrecher Karl
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Sie drehen sich ja schon!

Es ist, wie Sie geschrieben haben: Verdrehte Tatsachen!

witherabbitt
 
01

Sie sollten zumindest die frühe Periode als Ringstrassenmaler (gemeinsam mit Matsch), die noch in der Tradition des 19. Jhdts. gesdtanden hat, vom Klimt der neuen Ornamentik und und der (Wieder-)entdeckung des Tiefenpsychologischen in der Maelerei unterscheiden können, bevor Sie solche apodiktischen Urteile einem offenbar informierten Poster entgegenhalten.

Steinbrecher Karl
11
Der Artikel macht deutlich, dass

2012 ein Klimt Jahr ist. Anders ist es nicht zu verstehen, dass gerade Gustav Klimt und die "Secessionisten" der zu Dekorationszwecken herabgewürdigten Kunst ade gesagt haben solllen. In der bildenden Kunst denke ich da wohl eher an Otto Wagner und vor allem Adolf Loos. Loos hat tatsächlich eine neue Denkweise angeregt hat, diese wurde auch international wahrgenommen. Klimts Zusammenarbeit mit Josef Hoffmann, einem weiten begnadeten Architekten und Ornametiker, bestätigt meine Zweifel. Und nicht vergessen: während Klimt seine güldenen Kleider gezeichnet hat, wurde in Paris der Kubismus entwickelt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Es ist halt Klimt Jahr, was soll´s...

arte
01

Sehr gut kommentiert. Aus der anfänglichen Reformstimmung, die nur sehr kurze Zeit international bedeutend war, nämlich in den Anfängen der Wiener Werkstätte, ist eine verspielte Dekorationsbewegung für eine prunksüchtige Oberschicht entstanden, ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo der Jugendstil in das Bauhaus gemündet ist.

arte
00

Ein Besuch im Belvedere /Klimtausstellung lohnt. Das Elitäre der Kunst um 1900 wird augenblicklich nirgend besser dokumentiert. Auch Loos war elitär. Sein Werk zeigt erst sehr spät soziale Tendenzen, eigentlich zu spät. Wenn man die soziale Lage von Wien um 1900 betrachtet (dazu fand im Museum Wien eine sehr gute Ausstellung statt) wundert man sich über die Weltfremdheit der sog.Kunst um 1900. Abgehoben und wirkllichkeitsfremd würden wir heute dazu sagen.

GTV916
 
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Nichtsdestoweniger ...

... faszinierend in ihren Ausprägungen ;-)

Also ich denke, dass "Kunst" weder unbedingt einen sozialen Bezug haben muss - noch diesen auf keinen Fall haben darf - ein Spiegel der Zeit bleibt sie ja trotzdem, umso interessanter wenn sich (scheinbare) Widersprüche auftun ...

witherabbitt
 
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Der Ansatzpunkt Ihrer Kritik ist zweifellos zu aktzeptieren, nur glaube ich nicht, daß Kunst (eher noch Architektur) allein nach einem Nützlichkeitskalkül bewertet werden kann; selbst dann nicht, wenn es um eine unmittelbare gesamtspziale Nützlichkeit geht.

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