Frauenkarrieren führen in Zeiten wie diesen oft über eine Einrichtung namens "Dschungel-Camp"
Frauenkarrieren führen in Zeiten wie diesen oft über eine Einrichtung
namens Dschungel-Camp. Aktuelle Beispiele für Absolventinnen dieses
dritten Bildungsweges sind zwei Damen in ihren Vierzigern namens
Brigitte Nielsen und Dolly Buster. Ihr Aufstieg zu höchstem Ruhm, den
sich ein Star hierzulande erträumen kann, ist verbunden mit so
glanzvollen Namen wie Richard Lugner und Kathrin Zechner, und wird -
unter anderem - gefördert von Qualitätsmedien wie "Österreich", "Kronen
Zeitung" und "News". Allerdings unterschiedlich.
So hieß es von Frau Nielsen beim Adabei: Von den Kakerlaken und den
Ratten des australischen Dschungels zum "Raubtier" von
Rudolfsheim-Fünfhaus, Richard Lugner, 79. Ob sie es sich dabei
verbessern kann, bleibt zweifelhaft, denn dass diese Frau nicht nur
einen starken Magen hat, sondern auch viel einstecken kann, ist auf
einem Opernball mit Richard Lugner fast ein Muss.
Wolfgang Fellner ließ den unappetitlichen Aspekt in den Fakten
überschießend und gesellschaftlich deutlicher herausarbeiten. Maden und
Truthahnhoden hatte sie zu schlucken, um bei RTL Dschungelkönigin zu
werden, hieß es Donnerstag auf Seite 9. Und daneben auf Seite 8:
Känguru-Hoden essen, Kakerlaken in den Haaren ertragen, neben Ramona
Leiß im Urwald einschlagen - die richtige Ekelprüfung steht für
Reality-TV-Queen Brigitte Nielsen aber noch aus. Sie kommt auf den
Wiener Opernball. Dagegen war "News" geradezu staatstragend hodenfrei:
Von der Ekel- zur Edelshow.
Die vermeintliche Strahlefrau Brigitte Nielsen korrigiert in ihrer eben
erschienenen Biografie "Im Leben wird dir nichts geschenkt" ihr eigenes
Bild ins Düstere und schockiert mit detaillierten Beschreibungen ihres
Selbstmordversuches. Darüber ist sie zum Glück für Lugner inzwischen
hinweg. "Sie hat Spaß am Leben, das ist ansteckend. Sie tanzt sicher mit
Richard und wird den Ball genießen", freut sich auch
Lugner-Schwiegersohn Helmut Werner. Ganz zu schweigen, von anderen
Freuden, wie "Österreich" am Dienstag verriet. Dschungel-Königin
Brigitte Nielsen (48) hatte, nachdem sie den australischen Regenwald
verlassen hatte, eine lange Wunschliste: "Ich will noch ein Baby!"
Ähnlich seriös Baumeister Lugner: Alle Stars, also wenn sie Frauen sind,
entblößen sich einmal und zeigen ihren Busen ... Nielsen ist ja kein
Pornostar wie Dolly Buster. Die hat am Operball nix verloren! Ich bin
mit Nielsen sehr zufrieden. Gestern um 12 Uhr zu Mittag wusste ich ja
noch gar nicht, dass ich heute eine Pressekonferenz mache.
Der Angriff auf Frau Buster war umso ungerechter, als auch sie schon
einmal als Star aus der RTL-Show rausgeholt wurde. Doch Rettung nahte.
Dass die professionelle Erotikerin zur siebten "Dancing Star"-Staffel
antritt, erregt viele. Hilft aber nix. Vor "News" vollzog das neue
ORF-Betthupferl den privaten Seelen-Strip. Nicht nur das. Kathrin
Zechner, die ORF-Super-Direktorin steht dazu, dass Ex-Pornoqueen Dolly
Buster bei "Dancing Stars" tanzt. Plus: So will Zechner den ORF
reformieren. Und Niko Pelinka nicht mehr dabei!
Da kann Niki Lauda noch so sehr einer Meinung mit Richard Lugner sein -
"News" steht hinter Zechner und schickt dafür einen Kolumnisten aus.
Frauen die Perücken tragen, irritieren mich. Und dass Dolly Buster gern
faked, davon war ich überzeugt. Dieses und noch andere Vorurteile
poppten in mir auf, als ich in das ruhrpotthässliche Wesel fuhr, wo Frau
Busters Lusthaus steht. Und was geschieht, wie er so aufgepoppt von
seinen Vorurteilen im Lusthaus steht? Dolly erschien pünktlichst. Eine
Professionelle, dachte ich, und gerade als mir der Mund mit
doppeldeutigen Fragen übergehen wollte, erkundigte sie sich nach der
politischen Situation in Österreich. Da blieb seinem Mund die Spucke
weg. Meine Lust auf Erotik-Talk erschlaffte in der Sekunde.
Erst in der Redaktion wich die Erschlaffung. Dann aber umso
aufgepoppter. Dolly ist eine geile Oide. Eine, mit der ich die Nacht
verbringen möchte. Nicht im Bett, sondern an der Bar. Mit multiplen
Gesprächen, aber nur nicht wieder über die politische Situation in
Österreich. Dass Kathi Zechner die Idee hatte, Buster für den ORF zu
verpflichten - ein Geniestreich. Und übrigens, Dolly Busters
Glatthaarfrisur ist keine Perücke. Alles Eigenhaar. So schamlos echt,
dass einem vor Erregung das Kapperl rot werden könnte.
Noch so ein Geniestreich von Kathi Zechner, mit dem sie den ORF
reformieren will, und in der "News"-Redaktion poppt man sich vor
Erregung grün und blau. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 4./5.2.2012)