Nach WKR-Ball

"Derlei Judenvergleiche gibt es auf vielen Neonazi-Websites"

Interview | 3. Februar 2012, 18:24
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    foto: privat

    "Links und Rechts kann im Einzelfall sogar austauschbar sein", sagt Musolff über Extremisten.

Mit den "Judenvergleichen" habe Strache ungewollt Einblick ins blaue Selbstverständnis gewährt, meint Linguist Andreas Musolff

Andreas Musolffs jüngste Publikation handelt von den deutschen Terrorgruppen der 1970er-Jahre und davon, was sie mit der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit zu tun haben: Der deutsche Linguist und Philologe, der seit 1990 in Großbritannien forscht und unterrichtet, geht dabei von der Sprachanalyse aus.

Musolff versucht, in den Texten der Terrorgruppen die Metaphern - Begriffe, die nicht im ursprünglichen Wortsinn allein verwendet werden, sondern darüber hinaus Bedeutung haben - zu entschlüsseln: ein Vorgehen, das ihm auch angesichts der "Judenvergleiche" von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zweckdienlich erscheint.

***

Standard: Seit Tagen wird in Österreich über Heinz-Christian Straches "Reichskristallnacht"-Äußerung diskutiert. Können Sie erklären, wie er dazu kommt, eine Demonstration gegen den WKR-Ball mit dem historischen, von oben angeordneten Pogrom gegen Juden im Jahr 1938 zu vergleichen?

Musolff: Das hat vor allem mit politischer Polemik zu tun. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist es verbreitet, den politischen Gegner mit den Nazis zu vergleichen - nicht nur in Österreich und Deutschland. Einer der Ersten, der das tat, war der britische Premierminister Winston Churchill, der die Labour-Partei im Wahlkampf 1945 des Gebrauchs von Gestapo-Methoden beschuldigte.

Standard: Im ORF-Interview nach den Äußerungen auf dem Ball hat Strache das Wort "Reichskristallnacht" ohne Distanzierung verwendet, obwohl es die Nazis waren, die diesen Begriff geprägt haben. Dafür wurde er kritisiert - zu Recht?

Musolff: Schon, denn ein solcher Sprachgebrauch ist typisch für Politiker wie Strache, die mit suggestivem, polemischem Vokabular operieren; anschließend berufen sie sich auf die Freiheit des Wortes. International läuft das unter dem Titel "politisch inkorrekt" - und betrifft auch viele andere rassistisch konnotierte Begriffe. So wird versucht, pauschal jede Art Kritik abzuwehren.

Standard: Die da lautet?

Musolff: Dass es sich, im Fall der "Reichskristallnacht", um einen Euphemismus, eine verharmlosende Wortwahl, handelt. Damit wird unterschlagen, dass 1938 in der bewussten Nacht hunderte von Menschen ermordet, tausende verhaftet wurden. Der ehemalige Präsident des deutschen Bundestags, Philipp Jenninger, musste 1988 sogar zurücktreten, weil er in seiner Rede zu den Novemberpogromen das Wort "Reichskristallnacht" distanzlos verwendet hat - und andere vom Gedankengut des Nationalsozialismus wenig emanzipierte Begriffe.

Standard: Jenninger sprach über die Pogrome, Strache sieht sich und die Seinen offenbar als deren Opfer, als die "neue Juden". Was sagen Sie dazu?

Musolff: Strache hat in dieser Situation offenbar so geredet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er steht mit einem solchen Selbstmitleid nicht allein. Es gibt Vorläufer, sogar am entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums: Die terroristische Rote Armee Fraktion und die Bewegung Zweiter Juni haben ebenfalls Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Sie haben sich in ihren Texten immer wieder als Äquivalent der Kämpfer im Warschauer Getto gesehen - und die BRD, den Westen oder auch Israel als direkte Nachfolger der Nazis. Aus dem heraus haben sie eine Art Selbstverteidigungsrecht in Anspruch genommen.

Standard: Eint dieses Selbstmitleid extrem Rechte und Linke?

Musolff: Ja, denn solche Gruppen ziehen sich in ihre kleine extremistische Welt zurück. Links und rechts kann im Einzelfall sogar austauschbar sein. Man denke etwa an den Anwalt und RAF-Mann Horst Mahler, der später zur rechtsextremen NPD ging.

Standard: Ist die Vorstellung, Opfer statt Täter zu sein und ein Selbstverteidigungsrecht zu haben, potenziell gewaltträchtig?

Musolff: Auf jeden Fall. Wenn ich mir einbilde, in der Rolle eines verfolgten Juden zu sein, dann bin ich im allgemeinen Verständnis zu jeder Art von Gegenwehr berechtigt. Die Täter-Opfer-Umkehr ist so uralt wie der Fremdenhass, denn sie ermöglicht es, offensichtlich aggressives Verhalten zu legitimieren. Seit 1945 herrscht in Deutschland und Österreich in rechten Gruppen ein geradezu manischer Reflex, sich so darzustellen. Derlei Judenvergleiche gibt es auf vielen Neonazi-Websites.

Standard: Ist Strache also, wenn er sich und seine Leute zu "neuen Juden" zählt, den Neonazis nahe?

Musolff: Was diese Haltung angeht, ja. Das Interessante an diesen Aussagen ist, dass sie Einblick gewähren, wie das interne Diskursuniversum Straches und der Burschenschafter aussieht, die in Österreich ja zum Establishment gehören. Meiner Ansicht nach ist das sehr ernst zu nehmen. (Irene Brickner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.2.2012)

ANDREAS MUSOLFF wurde 1957 in Düsseldorf geboren. Seit Oktober 2010 unterrichtet er an der University of East Anglia in Norwich im Osten Englands.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 154
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Dr.Eisenbart
10
10.3.2012, 21:25
HC ist kein Antisemit

er muss nur (bald) lernen sich von skurilen Wirrköpfen zu distanzieren.
Die jungen Arbeitlosen, die ausgequetschten kleinen Gewerbetreibenden, die Kindergärtnerinnen (die sich alles bieten lassen müssen) das sind deine Wähler HC nicht die paar Nationalromantiker.

FalscherProphet
01
Es ist abzusehen,

dass es noch ein tragisches Ende rund um Strache nimmt.

Seit dieser Dolm bekannt ist, hält er Hetzreden auf einer Veranstaltung -
und bei der scharfen Reaktion darauf weint er in den Medien als das Opfer.

Hetzender Täter - jammerndes Opfer.
Mit wenigen Ausnahmen oftmals in dieser banalen Kombination.

Das eine tragische Ende rund um Strache wäre die Umsetzung einer wehrhaften FPÖ "Opferschutz Gesetzgebung" (scharfes Demonstrationsverbot usw.)

Das andere tragische Ende könnte ein "sich selbst zum Opfer fallen" sein, da eine pathologische Einnahme einer Opferposition nicht ohne Konsequenzen bleibt.

Analog zum "live fast" Alkoraser Haider.

obibiber
00
ich bin alles andere als pro rechts oder pro fpö. das ganze ist aber doch um einiges komplexer, und es ist gefährlich, diese komplexität zu übergehen

der vergleich ist dann unzulässig, wenn damit verharmlost wird, strache tut das, indem er strukturelle verfolgung mit einzelnen akten vergleicht.
wo der vergleich jedoch weniger hinkt ist im punkt ausgrenzung und fehlende anerkennung. im nazi reich wurden auch nicht von beginn an die ärgsten maßnahmen gefahren, das hat sich im lauf der zeit gesteigert, begonnen hat es mit ausgrenzung und strukturellem beschuss auf den wert von einer konstruierten (feind)gruppe, um den wert zu schmälern.
nun wird die fpö strukturell eher von anderen parteien ausgegrenzt, auch lassen viele wertschätzung fehlen. allerdings muss sich gefragt werden, warum. weil strache & co. entwertend mit menschen umgehen.
ausgrenzung ist aber nicht strukturelle verfolgung.

Volkes-Stimme
30
Wer den Bericht über Dresden sah weis wie sich Strach beim Judenssager fühle, aber das darf ich nich sagen,oder?

Was die Obrigkeiten anrichten ist eerschreckend und bleibt ungesssühnt. Warum wird ein Konkurrenzpolitiker gnadenlos verflolgt? Ist das die Futtertrogsgier?

obibiber
00

zum einen war gerade mein punkt, dass er nicht gnadenlos verfolgt wird und das ist ebenso ein maßgeblicher unterschied zur judenverfolgung.
zum anderen war mein punkt, dass straches darstellung der kritik ihm gegenüber falsch ist.
person A bedroht person B, person B bedroht daraufhin person A, person A sagt dann: ich bin verfolgt, weil person B mich bedroht hat. ausgespart wird, dass person A ebenso oder ärger gedroht hat, also falsche darstellung von person A, die dann das unschuldslamm mimt.
dass bedrohung nicht auf bedrohung folgen muss, sollte allen klar sein, allerdings wurde leider noch kein anderer weg gefunden, mit solchen leuten und gesinnungen der bedrohung umzugehen.

N3rdb3rg
11
An den Linguisten

Der Hr. Linguist könnte sich vielleicht auch einmal die einseitige und parteiische Berichterstattung des ORF ansehen.

In einem Beitrag des ORF über die Vorfälle bei der Hofburg war auffällig, dass der ORF konsequent versucht hat, durch Verwendung von symmetrischen Formulierungen Gewalttäter und die von Gewalttätern angegegriffenen Bürger und Polizisten auf eine Ebene zu stellen.
Einige Zitate: "Demonstranten gegen Ballbesucher, dazwischen die Polizei", "Zusammenstöße", "Leichtverletzte auf beiden Seiten", "Die Polizei hat versucht, die Gruppen zu trennen".

Das wäre sicher eine interessante Aufgabe für Linguisten. Leider keine lohnende, denn darüber wird es sicher keinen Artikel im Standard geben.

maus 14
01

=haus-und bauchverstand

Oddo Wolf
03

Seine Gedanken müsst man lesen können. Dann wär er dran.

Rot/Grün Farbsehschwächling
02
wozu Gedankenlesen, wenn Strache doch eh alles ausspricht.

Der Typ soll zurücktreten!!!

Quintus Beckloeffel
74
Wer einen heutigen österreichischen Politiker in die Nähe des NS rückt, der rückt im selben Maße die heute unter dessen Politik Leidenden in die Nähe der Opfer des NS.

Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Das eine geht genausowenig ohne das andere wie "A hat zwar B grausam misshandelt, aber B ist nicht von A grausam misshandelt worden".

Je mehr also der Politiker X als Nazi stilisiert wird, umso mehr stilisiert man diejenigen, die durch dessen Politik benachteiligt sind zu den "Juden von heute"

Der ganz überwiegende Teil der heutzutage in Österreich anzutreffenden NS-Verharmlosungen gehen also auf das Konto der inflationär geschwungenen Nazikeule. Durch dieses leichtfertige an die Wand malen des NS wird ebenso leichtfertig behauptet, dass die NS-Opfer von damals ungefähr ("eh nur") das zu erleiden hatten, was bestimmte Bevölkerungsgruppen von heute Unter der Politik von X zu leiden haben.

Der Klose
01
Mathematiker?

So gesehen ist jeder sein eigenes Opfer. Die Regel hat dauerhaften Schwindel zur Folge.

Andy Vanek
12
Die Türe nach rechts hat die ÖVP aufgemacht...

...und zwar im Waldheim-Wahlkampf, als Michael Graff (ÖVP Generalsekretär) ungesühnt sagen durfte: Wenn er (Waldheim) nicht eigenhändig 5 Juden erwürgt habe, sei er kein Kriegsverbrecher!

Daraus hat ein kleiner Kärntner gelernt, dass man in Ö mit rechten Sagern gut Politik machen kann.
Bin nach wie vor der Ansicht, J.H. war selbst kein Rechter, sondern hat "nur" rechte Sager für seinen pers. Machtrausch genützt.
Seine "Buberln" - und Strache ist ja einer davon - haben das aber alles todernst genommen, und SIND mittlerweilen so......

drwestbahn
15
Ungesühnt.

Graff (ÖVP) ist damals wegen diesem Sager zurückgetreten und hat sich dafür entschuldigt. Soviel zum Thema ungesühnt.

Den heutigen Politikern müsste man erst Nachhilfestunden zum Thema Anstand geben und dann noch erklären, was ein Rücktritt ist. Selbst dann vermute ich, dass es am österreichischen Sesselklebertum nichts ändern würde.

Andy Vanek
02
„So lange nicht bewiesen ist, daß er [= Waldheim] eigenhändig sechs Juden erwürgt hat, gibt es kein Problem.“

Nach einem Bericht im Hörfunk-Abendjournal am Montag Abend und dem Artikel in der Arbeiter-Zeitung in ihrer Dienstag-Ausgabe, 17. November, wurden nach dem Ministerrat am Vormittag Kanzler Franz Vranitzky und Außenminister Alois Mock zu Graffs Äußerungen befragt, wobei Mock keinen Grund für einen Rücktritt sah.
Graff entschuldigte sich zwar am Dienstagabend in einem TV-Interview der Zeit im Bild für seine Äußerungen, sah jedoch bis dahin keinen Grund für einen Rücktritt. Mock stellte sich hinter seinen Generalsekretär und wollte ihn bis zuletzt halten. Da jedoch der innenpolitische Druck von allen Parteien und von mehreren Seiten zunahm, trat Graff am 18. November vormittags als Generalsekretär doch zurück.
Damals gab es noch polit. Druck

Sigrun1
01

Strache ist zwar nicht einer der Klügsten, hat aber sicher seine Worte sehr bewusst gewählt, da dies bei seiner braunblauorangen Gefolgschaft und den simpelhirnigen Mitbürgern gut ankommt

strolch25
00
sicherlich nicht

...nicht der Klügste ja, aber für so blöd, solche Aussagen bewußt gewählt zu haben, halte ich ihn nicht.

Azdak111
00

nicht nicht der klügste?

Pierre d´Aubusson
40

Noch dazu in einem so kleinen Kreis, daß es unwahrscheinlich ist, daß, wenn er es selbst nicht gewußt haben sollte, sofort die Rede von der Tätigkeit des "Zeugen" beim Standrad gewesen sein müßte.
Is also höchstens a gezielte Provokation. Und die Zeitung macht scho wieder Werbung für ihn. Gratis noch dazu.
Strache freut sich und die Rubrik "Rechtsextremismus" braucht auch nicht eingestellt zu werden. Die klassische win-win-Situation.

Peter Hammer 06
00
Er hat es im "kleinen Kreis" HUNDERTMAL gehört ....

...und dies auch in diversen Medien immer wieder betont.

Pierre d´Aubusson
10

Und wieder ein Psot mehr, das die Berechtigung der Höhe der Werbetarife des Standrads rechtfertigt.

Peter Hammer 06
01
Fra Pierre'scher Unsinn , die 366. Auflage!

1116er
11
mit der ordentlichen beschäftigungspolitik fängt es an,

reichskristallnacht folgt.
what is next?
der fp-infrastrukturminister lässt autobahnen bauen?

und nach wie vor bin ich händeringend auf der suche nach leuten, die sich dazu bekennen, einen haider gewählt zu haben. diese arschtypen haben es begonnen und sind zu feig, sich zu ihrer einstellung oder zu ihrer existenz ohne hirn zu bekennen!

wer so einen kennt, kann eine wichtige erzieherische maßnahme setzen: abwatschen bis die sonne untergeht!

Oddo Wolf
01

Die Vorstellung, Opfer statt Täter zu sein und ein Selbstverteidigungsrecht zu haben, ist potenziell gewaltträchtig.

Dagmar Rehak Wien
 
104

Da muss man aber auch anerkennen, dass jemand, der solche Vergleiche macht, nicht die Verbrechen der NS-Zeit leugnet.

Violynne
00

Warum sollte ich etwas anerkennen, das selbstverständlich sein sollte? Er hat vermutlich auch einigermaßen gute Tischmanieren. Soll ich ihn loben, wenn er sein Messer nicht abschleckt? Jö, a braver ist der Hatzi, ja, a ganz braver, gell?

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