In Indianapolis steigt die 46. Super Bowl - Das ist auch ein Footballfinale - Aber vor allem das größte Konsumfest der USA und ein vermeintlich weichenstellendes Großereignis
Einen Super-Bowl-Sonntag muss man planen, sonst geht er schief. Stellt
sich zunächst die Frage, wo man sich das Match anschauen soll. Zünftig
in einem Lokal, so viel steht fest. Aber in welchem? Im Hard Times Cafe
kamen sie voriges Jahr auf die seltsame Idee, die Halbzeitpause durch
ein Wettessen zu füllen. Also mussten wir keineswegs hungrigen Menschen
beim Hotdog-Fressen zuschauen, auch auf den Bildschirmen, wo sie die
Halbzeitpausenshow aus dem Stadion kurzerhand ausgeblendet hatten. Dabei
ist die Show mit das Beste an der Super Bowl. Zuletzt standen Bruce
Springsteen, The Who und die Black Eyed Peas auf der Bühne, diesmal ist
Madonna an der Reihe, allemal interessanter als Hotdogs.
Da scheidet das Hard Times Cafe gleich aus, denn dort gedenken sie
erneut, den Würstelkönig zu krönen. Dann eher das Cafe Saint-Ex, das
sein Biersortiment an den beiden Mannschaften ausrichtet, den New
England Patriots und den New York Giants. Dort zapfen sie, angeblich
extrabillig, "Samuel Adams" aus Boston und "Brooklyn Lager".
Womit wir beim eigentlichen Phänomen Super Bowl wären. Dabei handelt es
sich auch um ein Footballfinale, mehr aber um ein Konsumfest, so
gnadenlos vermarktet, als fielen Weihnachten und Halloween auf einen
Tag. Supermärkte stellen Prospekte in der Woche zuvor unter ovale
Lederbälle und die vermessene Zeile: "Alles, was Sie brauchen - vor,
während und nach dem Match!"
Für Super-Bowl-Partys, ob nun zu Hause oder im Lokal, geben
US-Amerikaner fast doppelt so viel aus wie für die Masken, Spinnennetze
und Kürbisse zu Halloween, nämlich elf Milliarden Dollar. Und irgendwie
ist die Super Bowl auch ein Gradmesser für gesellschaftlichen Wandel.
Bier und Karotten
Das fängt an mit dem Essen. Gut, nach alter Tradition gibt es Buffalo
Wings, kräftig gewürzte Hühnerflügel, komplettiert durch Würstel in Käse
und Brötchen. Immer öfter aber kommt Gesünderes auf den Tisch, etwa
Karotten und Vollkornbrezeln. Vielleicht liegt es an Michelle Obama, die
mit ihrem symbolischen Gemüsegarten geduldig gegen die Fettleibigkeit
ankämpft. Jedenfalls ist die Super Bowl neuerdings "der größte Event für
Karotten", wie es Bob Borda, Marketingchef eines Karottenanbieters
namens Grimmway Farms, nennt. Die Super Bowl ist aber auch, um in Bob
Bordas Duktus zu bleiben, der größte Event für Bier, insbesondere für
leichtere Sorten. An keinem anderen Tag läuft so viel "Budweiser Light"
durch die Kehlen.
Apropos Superlativen: Bei der Super Bowl 2011 hockten 111 Millionen
Amerikaner vor den Fernsehern, dreimal mehr als bei der feierlichen
Amtseinführung Barack Obamas. Ein Rekord, der bald fallen dürfte. Nach
stichprobenartigen Umfragen interessiert sich jeder Dritte allerdings
mehr für die Werbung (dreißig TV-Werbesekunden kosten dreieinhalb
Millionen Dollar).
Kein Wunder bei solcher Massenwirkung, dass sich alle möglichen Theorien
um das vermeintlich weichenstellende Großereignis ranken. Gewinnen die
Patriots, steigen die Aktienkurse. Behalten die Giants die Oberhand,
geht es an der Börse bergab. Verlieren die Patriots, gewinnt ein
Republikaner die Präsidentschaftswahl, prophezeien die
Super-Bowl-Astrologen, ohne triftige Gründe zu nennen.
Eines freilich ist unbestritten: Am Spieltag steigt die Zahl der
Herzinfarkte, das hat der Kardiologe Robert Kloner zweifelsfrei
nachgewiesen. "Die Fans entwickeln eine tiefe emotionale Verbindung zu
ihrem Team", begründet es Kloner. Verliere ihre Truppe, bedeute es
enormen emotionalen Stress - und damit ein höheres Infarktrisiko. (DER STANDARD Printausgabe, 4./5.2.2012)