Weihnachten und Halloween an einem Tag

3. Februar 2012, 17:32
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In Indianapolis steigt die 46. Super Bowl - Das ist auch ein Footballfinale - Aber vor allem das größte Konsumfest der USA und ein vermeintlich weichenstellendes Großereignis

Einen Super-Bowl-Sonntag muss man planen, sonst geht er schief. Stellt sich zunächst die Frage, wo man sich das Match anschauen soll. Zünftig in einem Lokal, so viel steht fest. Aber in welchem? Im Hard Times Cafe kamen sie voriges Jahr auf die seltsame Idee, die Halbzeitpause durch ein Wettessen zu füllen. Also mussten wir keineswegs hungrigen Menschen beim Hotdog-Fressen zuschauen, auch auf den Bildschirmen, wo sie die Halbzeitpausenshow aus dem Stadion kurzerhand ausgeblendet hatten. Dabei ist die Show mit das Beste an der Super Bowl. Zuletzt standen Bruce Springsteen, The Who und die Black Eyed Peas auf der Bühne, diesmal ist Madonna an der Reihe, allemal interessanter als Hotdogs.

Da scheidet das Hard Times Cafe gleich aus, denn dort gedenken sie erneut, den Würstelkönig zu krönen. Dann eher das Cafe Saint-Ex, das sein Biersortiment an den beiden Mannschaften ausrichtet, den New England Patriots und den New York Giants. Dort zapfen sie, angeblich extrabillig, "Samuel Adams" aus Boston und "Brooklyn Lager".

Womit wir beim eigentlichen Phänomen Super Bowl wären. Dabei handelt es sich auch um ein Footballfinale, mehr aber um ein Konsumfest, so gnadenlos vermarktet, als fielen Weihnachten und Halloween auf einen Tag. Supermärkte stellen Prospekte in der Woche zuvor unter ovale Lederbälle und die vermessene Zeile: "Alles, was Sie brauchen - vor, während und nach dem Match!"

Für Super-Bowl-Partys, ob nun zu Hause oder im Lokal, geben US-Amerikaner fast doppelt so viel aus wie für die Masken, Spinnennetze und Kürbisse zu Halloween, nämlich elf Milliarden Dollar. Und irgendwie ist die Super Bowl auch ein Gradmesser für gesellschaftlichen Wandel.

Bier und Karotten

Das fängt an mit dem Essen. Gut, nach alter Tradition gibt es Buffalo Wings, kräftig gewürzte Hühnerflügel, komplettiert durch Würstel in Käse und Brötchen. Immer öfter aber kommt Gesünderes auf den Tisch, etwa Karotten und Vollkornbrezeln. Vielleicht liegt es an Michelle Obama, die mit ihrem symbolischen Gemüsegarten geduldig gegen die Fettleibigkeit ankämpft. Jedenfalls ist die Super Bowl neuerdings "der größte Event für Karotten", wie es Bob Borda, Marketingchef eines Karottenanbieters namens Grimmway Farms, nennt. Die Super Bowl ist aber auch, um in Bob Bordas Duktus zu bleiben, der größte Event für Bier, insbesondere für leichtere Sorten. An keinem anderen Tag läuft so viel "Budweiser Light" durch die Kehlen.

Apropos Superlativen: Bei der Super Bowl 2011 hockten 111 Millionen Amerikaner vor den Fernsehern, dreimal mehr als bei der feierlichen Amtseinführung Barack Obamas. Ein Rekord, der bald fallen dürfte. Nach stichprobenartigen Umfragen interessiert sich jeder Dritte allerdings mehr für die Werbung (dreißig TV-Werbesekunden kosten dreieinhalb Millionen Dollar).

Kein Wunder bei solcher Massenwirkung, dass sich alle möglichen Theorien um das vermeintlich weichenstellende Großereignis ranken. Gewinnen die Patriots, steigen die Aktienkurse. Behalten die Giants die Oberhand, geht es an der Börse bergab. Verlieren die Patriots, gewinnt ein Republikaner die Präsidentschaftswahl, prophezeien die Super-Bowl-Astrologen, ohne triftige Gründe zu nennen.

Eines freilich ist unbestritten: Am Spieltag steigt die Zahl der Herzinfarkte, das hat der Kardiologe Robert Kloner zweifelsfrei nachgewiesen. "Die Fans entwickeln eine tiefe emotionale Verbindung zu ihrem Team", begründet es Kloner. Verliere ihre Truppe, bedeute es enormen emotionalen Stress - und damit ein höheres Infarktrisiko. (DER STANDARD Printausgabe, 4./5.2.2012)

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    Madonna singt in der Pause

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