Aufruhr in Italien

Die guten Ratschläge des Signore Monti

András Szigetvari , 3. Februar 2012, 17:31

"Eine Arbeit fürs ganze Leben ist monoton": Italiens Premier Mario Monti bringt mit seinem Sager Gewerkschaften auf

"Eine Arbeit fürs ganze Leben ist monoton": Italiens Premier Mario Monti bringt mit seinem Sager Gewerkschaften auf. Dabei hat Monti versprochen, mehr Sicherheit für junge Arbeitssuchende zu schaffen.

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Wien/Rom - Nachdem der italienische Premier Mario Monti seinen jungen Landsleuten eine flexiblere Lebensweise ans Herz gelegt hat, ist die Aufregung perfekt. "Ein Leben lang am selben Arbeitsplatz zu bleiben ist monoton", dozierte Monti in der Talkshow Matrix. Die Linkspartei FDS forderte daraufhin die fristlose Entlassung des Regierungschefs, Gewerkschaften zeigten sich empört, auf Montis Facebook-Seite hagelte es Kritik. Das Statistikinstitut Istat hatte erst Anfang der Woche einen Negativrekord vermeldet, wonach 31 Prozent der unter 24-Jährigen ohne Job dastehen. Angesichts dieser Zahlen warfen Monti viele Zynismus vor.

Dabei hätte der Premier guten Grund, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Monti hatte in den vergangenen Wochen wiederholt erklärt, für mehr Arbeitsplatzsicherheit bei den Jungen sorgen zu wollen. Der Hintergrund ist, dass Italiens Arbeitsmarkt extrem gespalten ist: Wer länger im System ist, insbesondere in der Industrie, genießt hohen Kündigungsschutz und Langzeitverträge. Besonders einzelne Kontrakte lassen sich nur schwer auflösen. Dagegen erhalten neun von zehn jungen Jobsuchenden nur befristete Stellen ohne jeden Schutz.

Für den italienischen Ökonomen Stefano Micossi sind beide Phänomene miteinander verbunden: "Weil die Hürden für die Kündigung fixer Angestellter hoch sind, weichen Unternehmen aus und beschäftigen Junge nur mehr in prekären Arbeitsverhältnissen." In diese kurz gebundenen Kräfte werde kaum investiert, was einer der Hauptgründe für den Produktivitätsrückgang in Italien sei, so Micossi. Die unterschiedliche Lage am Markt zeigt sich deutlich in den Statistiken: Die Arbeitslosigkeit bei Männern über 25 Jahren ist mit 8,4 Prozent vergleichsweise moderat. Bei Jungen, besonders Frauen, war die Misere dagegen bereits vor der Krise akut.

Allerdings warnen Arbeitsmarktforscher davor, Flexibilität als Allheilmittel zu sehen.

Kaum ein Jobmarkt ist so flexibel wie der irische. In den OECD-Statistiken gilt Irland als eines der Länder mit den laxesten Regelungen zu Kündigungsschutz. Trotzdem liegt die Arbeitslosigkeit in Irland bei 14,5 Prozent. Und bei den Jungen sieht es nicht viel besser aus als in Italien: 29 Prozent der unter 25-Jährigen sind arbeitslos. Dabei hat sich die irische Konjunktur im vergangenen Jahr gut entwickelt.

"Flexible Arbeitsmärkte haben einen gefährlichen Aspekt", meint der deutsche Arbeitsmarktforscher Herbert Brückert dazu. Wenn die Wirtschaft einbricht, schlage die Krise in Ländern mit schwach reguliertem Arbeitsmarkt voll durch. "Ist die Krise vorbei, verbessert sich die Lage aber nur langsam", sagt Brückert. Schließlich haben Unternehmen kaum Lust, Menschen einzustellen, die länger ohne Job waren. "Arbeitslose haben oft keine Möglichkeit, sich fortzubilden. Hinzu kommen psychologische Folgen, die viele Unternehmer fürchten."

Doch Brückert weißt auf einen anderen zentralen Punkt hin: die interne Flexibilität von Unternehmen. In einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarktforschung hat Brückert festgestellt, dass 60 Prozent der deutschen Unternehmen über Arbeitszeitkonten verfügen. Das heißt, Überstunden werden nicht ausbezahlt, sondern gutgeschrieben. In Zeiten schwacher Konjunktur nutzen die Arbeitnehmer dann den Zeitausgleich. "Gemeinsam mit den Möglichkeiten zur Kurzarbeit ist das einer der Gründe gewesen, warum der deutsche Arbeitsmarkt die Krise relativ stabil überstanden hat", so Brückert. In Italien dagegen nützen nur wenige Unternehmen flexible Arbeitszeitmodelle, sagt sein italienischer Kollege Micossi. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.2.2012)

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R.A
01
guter Artikel

@András Szigetvari
Danke für den guten Artikel.

Mir gefällt, dass Sie das Ereignis des (wohl eher flapsigen denn programmatischen) Ausspruchs von Hr. Monti in den Kontext der Beschäftigungssituation in Italien setzen. Die Übersicht über positive und negative Effekte eines hohen Kündigungsschutzes, der exemplarische Blick nach Irland und Deutschland, das regt dazu an, _eigene_ Überlegungen zur Thematik anzustellen. Dafür mein Dank.

Waran
01
Anstatt Montis Lebensweisheiten

zu verinnerlichen und dem Land zu ungeahnter Prosperität zu verhelfen, regen sich diese undankbaren Leute auf. :-)

Poldi Fesch
11
wer mag schon

einen Tritt in den Arsch, auch wenn er gerechtfertigt ist

Waran
01
Einen Tritt in den Arsch,

ja da würden mir viele Personen/Gruppen einfallen, die sich einen solchen besonders heftigen, verdient hätten.
Arbeitslose junge Menschen rangieren da bei mir auf dieser Skala eher weiter hinten.

Poldi Fesch
20
dann wirst sie

erhalten muessen, die armen

Waran
00
In der EU

sind zur Zeit ca. 24 Millionen Menschen ohne Arbeit. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind hier noch gar nicht mitgezählt.
Mir ist schon klar, dass bei solchen Krisen eine Entsolidarisierungswelle einsetzt, aber glauben sie jetzt wirklich, ein "Tritt in den Arsch" würde außer einem gewissen physikalischen Moment etwas bewirken?
Klaus Schwab: "Der Kapitalismus in seiner heutigen Form ist nicht das System, dass die globalen Probleme der Wirtschaft lösen kann"
Ich zitierte aus der Erinnerung und Klaus Schwab ist kein Kommunist, das ist der Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos.
Vielleicht sollten Sie und noch einige andere ihre Einstellung überdenken - wäre nicht schlecht!

Poldi Fesch
11
ist ja alles sehr

lieb, aber solange tausende Soziologie- Philosophie- o. Kunstgeschichteabsolventen glauben, sie verdienen einen Job, wirds ohne diesen Tritt nicht gehen.
Aus einem Leserbrief " ...habe eine laurea breve (= ca. Bachelor) in Kinderpsychologie fuer durch Naturkatastrophen traumatisierte Kinder, bin 34 u. finde keinen angemessenen Job"
no na

baroli
05

Warum sollten die keinen Job "verdienen"?
Die Welt braucht nicht nur Techniker, Juristen und Handwerker.
Der Job eines Menschen, der gelernt hat, wie er traumatisierten Kindern helfen kann, ist in meinen Augen jedenfalls um einiges wichtiger, als der eines Börsenheinis oder Immobilienhais.

aditec
01

Ich stimme mit dir vollkommen überein. Die Krux ist nur, dass soziale Dienste zwar gesellschaftlich wertvoll, aber keinen unmittelbaren Profit bringen. Das "goldene Kalb" ist halt die Gewinnmaximierung oder einfach ausgedrückt: die Gier.

Poldi Fesch
00
was auch immer es

ist, es finden sich zuwenige, die bereit sind, dafuer ausreichend zu bezahlen

baroli
01

Mir geht es gar nicht einmal nur um Soziales.
Der Wert, den eine Ausbildung oder ein Studium für einen Menschen lebenslang darstellt, muß anders zu beurteilen sein, als nur in barer Münze.
Ich möchte nicht in eienr Welt leben, in der Menschen nur das studieren, was Ihnen ein Maximum an Kohle einbringt.

Poldi Fesch
01
aber das muszt du

dir leisten koennen. Urspruenglich wollte ich einmal Archaeologie studiren, so in der dritten/vierten. So mit 16 hab ich dann kurz nachgerechnet, wie es mit meinem Erbe aussieht, und die Idee verworfen

Hui Buh
01
Herr Poldi,

die bisserl Studiengebühren (ich meine DANN "bisserl", wenn man eh einen Brotberuf hat), kann man sich meist schon leisten, oder eben, wie Baroli es sagt, Stipendium. Außerdem gabs ja auch immer wieder Zeiten, die studiengebührenfrei war. Aus einem sehr konkreten Grund habe ich seinerzeit nicht Ernährungswissenschaft studiert, weil die ersten drei Semester fast nur aus Chemie bestehen und ich in der Schule bereits sauschlecht darin war. ;o(( *gg*

Hui Buh
01
Ein Freund von mir,

Unternehmer, verheiratet, 3 Kinder, begann vor einigen Jahren mit dem Archäologiestudium. Da er berufstätig ist und damit zusammenhängend viel reist, wird er nicht in der vorgeschriebenen Zeit mit dem Studium fertig werden, das ist ihm egal, er benötigt den Abschluß nicht um Geld zu verdienen, sondern um sich einen Jugendtraum zu erfüllen.

Poldi Fesch
01
ja, sag ich

ja. Das muszt dir leisten koennen wie andere Hobbys auch

Hui Buh
00
Falls die unausgesprochene Frage

heißen sollte, weshalb ich MEIN Studium erwähnte - nun, lieber Herr Poldi, weil auch ICH mein Herzensstudium nicht machen konnte, aus anderen angeführten Gründen als Sie.

Poldi Fesch
00
die Matrikelnummer

bleibt ein Leben kang erhalten

Hui Buh
00
Der Link?

Kannitverstan ;o)

baroli
01

Das kann sich jeder leisten, zumindest in Österreich.
Wenn er das nicht kann, gibt es Stipendien und Studentenjobs.
Ist ja bei allen Studienrichtungen so.
Ich finde es traurig, daß Sie Ihre Träume nicht gelebt haben, sondern mit 16 schon dermaßen desillusioniert und materialistisch eingestellt waren.
Vielleicht haben Sie was Schönes verpaßt.

Poldi Fesch
01
das Studium per se

waer schon leistbar gewesen, das Leben damit nicht. Auch Schliemann wurde erst reich u. begann DANN Troja zu suchen

Hui Buh
00
Was habe ich

von einer lebenslangen Matrikelnummer, wenn sich die grauen Zellen der Chemie nicht wohlwollend und empfangsbereit öffnen mögen? ;o)

Poldi Fesch
00
vielleicht

tun sie es ja, jetzt, ein paar Tage spaeter

Hui Buh
00
Finde ich echt lieb

von Ihnen, mich motivieren zu wollen. ;o)
Danke schön!!
Doch fürchte ich, Chemie wird sich mir bis an mein Lebensende nicht erschließen, ebensowenig, wie Mathematik. Schauen Sie, lieber Herr Poldi, ich habe sooo viele Vorzüge, Qualitäten und Talente, daß ich auch zu meinen Mängeln offen stehen kann. ;o)

baroli
01

Darf ich wieder einmal solidarisch das Händchen schütteln?
Es ist ja schier unglaublich.;-)

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