Jonathan Soriano, der die Handynummer von Iniesta besitzt, hat von seinen ehemaligen Kollegen Demut gelernt
Standard: Sind Ihnen Mattersburg, Kapfenberg und Wiener Neustadt ein
Begriff?
Soriano: Nein, noch nie gehört. Was ist das?
Standard: Das sind Städte in Österreich mit Fußballmannschaften. Sie
werden dort hinfahren und gegen diese Teams spielen.
Soriano: Interessant, ich freue mich darauf. Ich kenne vom Namen her nur
Rapid, Austria und Sturm Graz. Aber man darf niemals einen Gegner
unterschätzen.
Standard: Hätte Ihnen vor einem Jahr jemand gesagt, Sie würden bald in
Österreich kicken, was hätten Sie geantwortet?
Soriano: Vermutlich nichts. Aber man soll im Leben nichts ausschließen.
Vor sechs Monaten gab es den ersten Kontakt mit Red Bull Salzburg. Das
Projekt, die Strukturen haben mich fasziniert. Mir gefällt, dass man
etwas aufbauen und an die Spitze kommen will. Ich möchte Titel gewinnen.
In Österreich und in Europa.
Standard: Besteht die Gefahr, dass Sie zu gut für die österreichische
Bundesliga sind?
Soriano: Nein. Dieses Denken ist mir völlig fremd, ich halte überhaupt
nichts von Arroganz. Die anderen Spieler sind mindestens genauso
wichtig, ich bin nur Teil einer guten Mannschaft, die erfolgreich sein
möchte.
Standard: Wie würden Sie sich charakterisieren?
Soriano: Ich bin ruhig. Auf dem Platz und abseits davon. Ich verbringe
die Freizeit am liebsten mit meinen beiden kleinen Töchtern. Ich bin ein
Familienmensch, kein Partytiger.
Standard: Schaut man in die Biografie, fällt auf, dass Sie in Ihrer
Jugend sehr viel Tore geschossen haben. Im spanischen U17-Team trafen
Sie in 15 Partien 18-mal. Der Sprung in die Erste Liga hat sowohl bei
Espanyol als auch beim FC Barcelona nicht geklappt. Weshalb?
Soriano: Bei Espanyol war ich noch sehr jung. Mein Konkurrent um den
Stammplatz war Tamudo, der war damals einer der besten Fußballer
Spaniens. An dem wären auch andere nicht vorbeigekommen. Aber in
Barcelona hatte ich drei gute Jahre.
Standard: Trotzdem. Bin ich bei Barcelona B, möchte ich doch zu
Barcelona A, zur weltbesten Mannschaft. Der Traum, mit Messi, Iniesta
und Xavi zu spielen, ist geplatzt.
Soriano: Sie waren nahe, aber doch weit weg. Hin und wieder durfte ich
mit ihnen spielen. Das war einerseits ein Traum, andererseits war es
völlig normal. Ich hatte ja täglich Kontakt.
Standard: Mussten Sie demnach binnen kürzester Zeit akzeptieren, dass es
Bessere gibt?
Soriano: Ja, das trägt zur Erdung und Normalität bei. Aber es ist kein
Grund, zu resignieren. Es ist keine Schande, schlechter als Messi zu
sein.
Standard: Was kann man von Größen wie Messi, Xavi oder Iniesta lernen?
Soriano: Sie sind völlig normal, freundlich, charakterfest, überhaupt
nicht abgehoben. Man schaut ihnen zu und versucht, fußballerisch zu
profitieren, die Dinge nachzumachen.
Standard: Was ist das Faszinierende am FC Barcelona?
Soriano: Es herrscht gegenseitiger Respekt, schon die Neunjährigen
werden gleich behandelt. Es ist egal, ob du Messi oder ein Kind,
Verteidiger oder Stürmer bist. Bei jeder Handlung ist viel Herz dabei.
Und die Trainer sind hervorragend ausgebildet, der Klub hat eine Linie
und soziale Kompetenz.
Standard: Haben Sie die Handynummern von Messi, Xavi und Iniesta?
Soriano: Nur die von Iniesta. Aber Iniesta hat die Telefonnummern von
Messi und Xavi. Tut mir leid, ich kann sie nicht weitergeben.
Standard: Ist Messi der perfekte Fußballer?
Soriano: Messi ist dreimal hintereinander Weltfußballer geworden, also
muss er perfekt sein. Er ist ein guter Bursche, hat Herz, ist leise. Er
lässt, wenn er dribbelt, den Ball sprechen. Ich rede auch wenig, gute
Fußballer kommunizieren ohne Worte. Blicke genügen. Du musst nur richtig
schauen, das spart blablabla.
Standard: Wie schaut es mit Ihren Deutschkenntnissen aus?
Soriano: Guten Morgen. Guten Abend. Gute Nacht. Grüß Gott. Mahlzeit.
Tempo. Hallo. Tor. Wie bitte.
Standard: Mittlerweile spielen acht Spanier in Österreich. Hat das
möglicherweise auch wirtschaftliche Hintergründe? Es wird pünktlich
gezahlt.
Soriano: Das weiß ich nicht. Salzburg glaubt an mich, ich habe das für
mich genau analysiert, darum bin ich da. Ich will neue Erfahrungen
machen. Vielleicht werde ich mit meinen Landsleuten Kontakt aufnehmen,
aber erst muss ich mich hier voll integrieren.
Standard: Dass Red Bull Salzburg niemals Barcelona werden kann, ist
Ihnen aber schon klar?
Soriano: Natürlich weiß ich das. Aber man muss Visionen haben.
Standard: Sie sind 26 Jahre alt und haben bis Juni 2015 unterschrieben.
Ist Salzburg Zwischen- oder schon Endstation?
Soriano: Das lasse ich alles offen. Es kommt darauf an, wie sich die
Dinge entwickeln.
Standard: Was waren Ihre ersten Eindrücke von Salzburg?
Soriano: Sehr schön, sehr kalt.
Standard: Wovon träumen Sie?
Soriano: Ich möchte später einmal Modedesigner werden.
Standard: Sagt Ihnen der Name Hans Krankl etwas?
Soriano: Nein. Wer ist das?
Standard: Ein Österreicher, der 1978 von Rapid zu Barcelona ging und
Schützenkönig wurde.
Soriano: Wirklich? Toll. Aber damals war ich leider noch nicht auf der
Welt.
Standard: Am 11. Februar geht die Meisterschaft los. Was erwarten Sie
vom Spiel bei Wacker Innsbruck?
Soriano: Drei Punkte.
(DER STANDARD Printausgabe, 4./5.2.2012)
Jonathan Soriano (26), geboren in El Pont de Vilomara bei Barcelona,
stürmte ab 2000 für Espanyol. 2009 wechselte er zur B-Mannschaft des
Stadtrivalen FC Barcelona. In der Vorsaison wurde er mit 32 Toren in 36
Spielen Schützenkönig der spanischen Segunda Division. Im Jänner 2012
unterschrieb er einen Vertrag bei Red Bull Salzburg bis Sommer 2015