Sechs aus vier und ein Ei

6. Februar 2012, 15:56
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Kaum ist die WM halbwegs ver­daut, treiben die Six Nations den Puls der Rugby-Freunde erneut in die Höhe. Vorschau und Resümee des ersten Spieltags

Edinburgh/Paris/Dublin - Vier Jahre, vier verschiedene Sieger - die inoffizielle Rugby-Europameisterschaft, genannt Six Nations, wehrt sich mit aller Kraft gegen Vorhersagen. "Ich schaue mir die Wettquoten nicht regelmäßig an", sagte Irlands Teamchef Declan Kidney vor dem ersten Spieltag am Wochenende. Dem Mann kann geholfen werden. Ladbrokes führte Frankreich (6:4), Wales (3:1), Irland (4:1) und Titelverteidiger England (4:1) Kopf an Kopf. Sicher scheint nur, dass Schottland (25:1) und Italien (150:1) eher keinen Auftrag haben werden. Doch so klug ist auch der gemeine Beobachter. Kidney jedenfalls rechnet mit einer knappen Sache: "Das Turnier könnte durch die Punktedifferenz entschieden werden. Jedes einzelne Match ist wie ein Endspiel."

Frankreich, eines von drei Teams (mit England und Italien) unter einem neuen Betreuerstab, hat nach Ansicht der meisten Experten die besten Karten. Les Bleus hatten 2011 einen Level von Flatterhaftigkeit erreicht, der selbst nach ihren eigenen Standards das Gewohnte spektakulär in den Schatten stellte. Nach einer Niederlage gegen Italien, der ersten in der Geschichte der Six Nations, und einer katastrophalen Vorstellung bei der WM-Vorrunde in Neuseeland zauberte Coach Marc Lievremont sein Team im vergangenen Herbst in miraculixhafter Manier noch zur Vizeweltmeisterschaft. Viel hatte nicht gefehlt, und man hätte gar im Endspiel den für unschlagbar gehaltenen Gastgebern den Schock ihres Lebens verabreicht.

Doch Lievremont ist Geschichte, und sein Nachfolger Philippe Saint-André ("Ich habe das Gefühl, als wäre da bei den Spielern eine gewisse Begierde nach Revanche") hat das Streben nach höherer Konsistenz ganz oben auf seine To-Do-Liste gesetzt. Das Turnierformat beschenkt Frankreich heuer mit drei Heimspielen (gegen Italien, Irland und England), ein Finale um Platz eins am letzten Spieltag in Cardiff scheint kein unrealistisches Szenario zu sein. Es ist folgerichtig, dass aus der Kaderwahl Saint-Andrés Kontinuität spricht, zwöf Mann aus dem WM-Finale sind mit dabei.

Wales, das in Neuseeland mit jugendlichem Angriffsgeist begeisterte, sich durch Kick-Schwächen und Undiszipliniertheiten selbst um einen noch größeren Erfolg als den vierten Platz brachte, musste am ersten Spieltag den schweren Gang nach Dublin antreten. Coach Warren Gatland ließ sich auch durch eine besondes hohe verletzungsbedingte Ausfallsquote nicht die Petersilie verhageln. "Wir haben Qualität. Ich glaube, das ist eine spezielle Gruppe talentierter junger Spieler. Die nächsten paar Jahre können für das walisische Rugby sehr aufregend werden." Wie schon in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft schlug Gatland mit seiner Auswahl ein einwöchiges Trainingslager in Polen auf. Eine Maßnahme, die erneut viel Anklang fand. "Ich habe es genossen", sagte Kapitän Sam Warburton. Und meinte es offensichtlich ernst. "Ich liebe Training. Wäre ich kein Profi, würde ich das trotzdem jeden Tag machen. In Polen gab es keine Ablenkung. Du isst, trainierst und schläfst. Isst, trainierst und schläfst." Der Mann ist ein Heiliger.

Nicht ganz in diese Kategorie fällt Delon Armitage. Dessen England-Karriere dürfte endgültig vorbei sein, nachdem er - bereits zum wiederholten Mal auffällig geworden - diesmal vor einem Nachtklub verhaftet worden war. Für Interimstrainer Stuart Lancaster ist das allerdings beileibe nicht die Hauptbaustelle. Nach dem Desaster - sportlich und disziplinär - in Neuseeland muss beim Titelverteidiger wieder einmal ein Neuaufbau her. Lancaster, der sich für den vom Verband ausgeschriebenen Teamchefposten bewerben will, reiste mit dem unerfahrensten Team seit vielen Jahren zu den alten Freunden nach Edinburgh. Drei Debütanten standen in Murrayfield in der englischen Startformation, weitere fünf nahmen auf der Ersatzbank Platz. "Es geht sowohl um eine Mannschaft für die Gegenwart als auch für die Zukunft, wir wollen beidem gerecht werden", sagte Lancaster. Und er hatte auch die ganz weite Zukunftsperspektive im Blick: "Wir haben 40 Matches bis zur WM 2015. Wir müssen dieser Gruppe Erfahrung verschaffen, sodass sie wachsen kann. Murrayfield ist Teil dieser Reise."

Allerdings kein besonders einladender. Seit 2004 konnte England in Schottlands Nationalstadion nicht mehr gewinnen. Andy Robinson hatte seine XV im Vergleich zum knapp verlorenen Treffen mit den Engländern in der WM-Vorrunde an acht Postitionen verändert. Trotzdem fehlte es nicht an Routine, sechs Spieler aus der Startformation konnten jeweils über 50 Teameinsätze vorweisen. Im Allgemeinen könnte die Bilanz der Schotten dringend Aufhellung gebrauchen, nur einmal in den letzten acht Jahren beendete man das Turnier nicht als Letzter oder Vorletzter. Dafür allerdings müsste endlich jener eklatante Mangel überwunden werden, der das schottische Rugby seit langem heimsucht: die Unfähigkeit, Spielzüge zu einem Ende zu bringen - also Versuche zu legen.

Irland geht mit viel Rückenwind an den Start. Eine über die Maßen gelungene Vorrunde bei der Weltmeisterschaft, einen glorreichen Sieg über Australien inklusive, sowie die beeindruckenden Leistungen der irischen Klubs im Europapokal sind unmissverständliche Zeichen eines Booms. Teamchef Kidney kann aus einem Pool kampferfahrener Spieler wählen, die sich die Fähigkeit anerzogen haben, Matches auch dann für sich zu entscheiden, wenn der beste Tag einmal auf sich warten lassen sollte. Darunter ist mit Ronan O'Gara der fleißigste Punktesammler (551) des Turniers, keiner ist auf dieser Bühne so oft aufgetreten wie er (56 Partien bisher).

Überhaupt ist Irland in der zwölfjährigen Geschichte der Six Nations die nach Punkten zweiterfolgreichste Nation. Mit 84 (von 120 möglichen) akkumulierten Zählern liegen die Herren in Grün nur knapp hinter Frankreich (88/120), aber noch vor England (79). Wales (58), Schottland (34) und Italien (17) folgen in dieser Statistik mit deutlichem Abstand auf den Plätzen. Einen großen Wermutstropfen gibt es aber doch: Kapitän und Galionsfigur Brian O'Driscoll kann diesmal wegen einer Schulterverletzung nicht mit von der Partie sein.

Italien war zwar im letzten Jahr mit dem 22:21 über Frankreich für den Schock des Turniers verantwortlich, am Ende sah die Tabelle aber doch wieder so aus wie  in den drei Jahren davor: mit den Azzurri ganz unten. Als Nachfolger des Südafrikaners Nick Mallett ist es nun am Franzosen Jacques Brunel (langjähriger Assistent des ehemaligen französichen Teamchefs Bernard Laporte, Meister mit Perpignan), den gebetsmühlenartig attestierten Fortschritten der Mannschaft auch Fleisch an die Knochen zu setzen. Kardinales Manko bleibt die im Vergleich zur respektablen Qualität der Stürmer mangelhafte Ausstattung mit Kreativpotenzial im Aufbau. Sergio Parisse, Kapitän und bester Mann der Italiener: "Wir müssen unsere Stärken konservieren, dabei aber gefährlicher werden. Es geht um eine größere Balance zwischen Backs und Stürmern."

Zwei große Namen werden den Six Nations in Zukunft fehlen: Jonny Wilkinson, Englands Flyhalf, und der walisische Flügelmann Shane Williams haben ihre Karrieren beendet.

DER ERSTE SPIELTAG

Die emotional aufgeladenste Begegnung des Wochenendes war wohl jene der Disteln mit den Rosen. Die hatten sich 1871 schon das erste Ländermatch der Rugby-Geschichte gegeben, was die Nord-Süd-Verwerfung auf der großen britischen Insel gleichzeitig auch zum ältesten internationalen Wettstreit im Sport überhaupt macht. Man liest, dass sich damals 40 schnauzbärtige Gentlemen einer 100 Minuten dauernden Rudelbildung hingegeben haben, an deren Ende die Schotten als 1:0-Sieger die Stätte des Kampfes verließen. Etwaige Zuschauer hätten mit der Vorführung nicht wirklich Freude gehabt. Es waren eine andere Epoche und andere Regeln: Noch hatten sich die Cousins Rugby und Soccer nicht vollständig auseinanderentwickelt.

Edinburgh

In einer Hinsicht jedoch zeigte sich eine ungebrochene Traditionslinie mit der Ausgabe des Jahres 2012. Die über 67.000 Zeugen in Murrayfield, einem Ort, der mit seiner düsteren Dachkonstruktion an ein riesenhaftes Sauriergerippe erinnert, mussten mit einer drögen Vorstellung vorliebnehmen. Schottland begann jenseitig, konnt dann aber immerhin einen Rückstand in eine 6:3-Pausenführung verwandeln. Wie üblich wurden mehrfach erfolgversprechende Eröffnungen durch Eigenfehler durchkreuzt, die Schotten waren mindestens so sehr mit sich selbst beschäftigt wie mit dem eigentlichen Gegner.

Zudem erwischte Spielmacher Dan Parks einen rabenschwarzen Tag. Der 34-Jährige ist für gelegentliche Aussetzer bekannt, wenn nicht berüchtigt. Diesmal lieferte er ein Prachtexemplar eines solchen, als er mit einem missglückten Befreiungskick Charlie Hodgson den einzigen Try der Partie auf dem Silbertablett servierte. 29 Sekunden waren zu diesem Zeitpunkt in der zweiten Halbzeit gespielt und Schottland war in den verbleibenden 39 Minuten und 31 Sekunden zu keinem einzigen Punkt mehr imstande. Trainer Robinson, der seiner Mannschaft wie einer kranken Kuh jedes Mal wieder zuredet, doch endlich die Basics hinzukriegen, muss ob der erneuten Schludrigkeiten der Verzweiflung nah sein.

Es scheint, als funktioniere Schottland, wenn überhaupt, nur in einer Rolle als Außenseiter. Insofern hätte den Sympathisanten der Bravehearts spätestens dann angst und bang werden müssen, als sämtliche sechs von der "Daily Mail" befragten Experten (von Jonathan Davies bis Scott Hastings) ihre Mannschaft diesmal vorne sahen. Jung-England musste nicht wirklich gut sein, ein kühler Kopf reichte, um mit 13:6 die Oberhand zu behalten.

Paris

Eröffnet wurde das Turnier am Samstagnachmittag von Frankreich und Italien. Im eisigen Paris entwickelte sich das Match zu einer irgendwie unterkühlt wirkenden Angelegenheit. Es schien, als warte der Vizeweltmeister einfach auf die irgendwann zu erwartenden technischen Fehler der wie immer wackeren Italiener. Diese bemühten sich um ein aufwendiges Angriffsspiel und hatten in den ersten 40 Minuten sogar die Statistik auf ihrer Seite: mehr Ballbesitz, öfter in des Gegners Spielhälfte. Das reichte jedoch nie, um eine disziplinierte französische Verteidigung ernsthaft in Verlegenheit zu bringen. Zum geeigneten Zeitpunkt zapften die Gallier dann ihren Vorrat an Inspiration an, mit Julien Malzieus Try als dessen vielleicht schönster Manifestation. Drei weitere folgten gegen einen Gegner, der sich zunehmend müde gelaufen hatte, sich für das 12:30 aber nicht zu genieren brauchte.

Dublin

Der Höhepunkt des Spieltages sparte sich, wie es sein soll, bis zum Schluss auf. Irland und Wales lieferten sich in Dublin einen sonntäglichen Klassiker: mehrfach wechselnde Führung, nervenzerfetzend spannendes Finish, Entscheidung in letzter Sekunde - alles da. Hinreißend!
Nach einem Try von Tommy Bowe schien den Iren der Sieg schon sicher, noch dazu als die Waliser einen Mann an die Sünderbank abzustellen hatten. Denkste. Erst brachte George North Wales wieder auf einen Punkt heran, dann wurde der Ire Ferris nach einem dumm-gefährlichen Tackle ebenfalls ausgeschlossen. In der letzten Aktion des Spiels sandte schließlich Leigh Halfpenny, zuvor mit einer Conversion noch gescheitert, das Ei mittels Penaltykick zwischen die Malstangen. Wales hatte 23:21 gewonnen, Irland war die Revanche für die WM-Viertelfinalniederlage aus den Fingern geflutscht.

"Das war der schwerste Tritt meines Lebens", seufzte ein glücklicher Halfpenny nach dem Drama. Am nächsten Wochenende geht es weiter. (Michael Robausch - derStandard.at 6.2. 2012)

ERGEBNISSE:

Schottland - England 6:13 (6:3) 

Schottland: Penalties: Dan Parks (2)

England: Try: Charlie Hodgson; Conversion: Owen Farrell; Penalties: Farrell (2)

Frankreich - Italien 30:12 (15:6)

Frankreich: Tries: Aurelien Rougerie, Julien Malzieu, Vincent Clerc, Wesley Fofana; Penalties: Dimitri Yachvili (2); Conversions: Yachvili (2)

Italien: Penalties: Kristopher Burton (2), Tobias Botes; Drop Goal: Burton

Gelbe Karte: Quintin Geldenhuys

Irland - Wales 21:23 (10:5)

Irland: Tries: Rory Best, Tommy Bowe; Penalties: Jonathan Sexton (3); Conversion: Sexton

Gelbe Karte: Stephen Ferris

Wales: Tries: Jonathan Davies (2), George North; Penalties: Leigh Halfpenny (2); Conversion: Halfpenny

Gelbe Karte: Bradley Davies

  • Schottland vs England, Highlights

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     Mouritz Botha greift ins Leere, England war den Schotten in Murrayfield trotzdem über.

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    Schottlands Erster Minister Alex Salmond, ein Proponent der Unabhängigkeit des Landes, hatte daher Kapitän Chris Robshaw den Calcutta Cup auszuhändigen.

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