"Das Revival des Wahnsinns"

Interview3. Februar 2012, 17:05
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Leichen pflastern Kommissar Eisners Weg Sonntag im "Tatort" - Serbische Killerkommandos erinnern Harald Krassnitzer an Verrohungszustände in Österreich

STANDARD: Mehr als ein Dutzend Todesopfer fordert dieser "Tatort". Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal sahen?

Krassnitzer: Ich hab' mich gefragt, ob das darstellbar ist. Für uns ging es aber weniger um die Anzahl der Toten, als um einen Verrohungszustand, den dieser Exjugoslawienkonflikt aktualisiert hat, den wir bis dahin nur aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kannten und im Europa Ende des 20. Jahrhunderts überwunden glaubten. Dieser Verrohungsgedanke ist wieder mitten unter uns. 

STANDARD: Haben Sie speziell recherchiert?

Krassnitzer: Lukas Sturm recherchierte, aber es ist für uns immer ein Thema gewesen. Der Ex-Jugoslawienkrieg ist ja auf merkwürdige Art an Österreich vorbeigegangen. Bis auf Handke hat es keine intellektuelle Auseinandersetzung gegeben. Mich hat immer gewundert, mit welcher Normalität mitten in Europa das Leben weiter geht, während sich dort das Revival eines Wahnsinns ereignet. 

STANDARD: Ottakring ist der neue Lieblingsdrehort für verruchte Plätze. Das Etablissment im "Tatort" ist tatsächlich stadtbekannt für Polizeieinsätze. Die Drehgenehmigung war kein Problem?

Krassnitzer: Nein. Zumal Ottakring auf eine wunderbare Art dabei ist, eine Kurve zu kriegen von einem Traditionshieb zu einem bunten, fröhlichen und sehr wohnhaften Eck. Am Brunnenmarkt blüht eine unglaubliche, kulinarische Landschaft mit netten Leuten, weit entfernt vom Gout der bösen Vorstadt.

STANDARD: Bobos mögen speziell den Yppenplatz. Ist das tatsächlich gemütliches Nebeneinander oder nicht eher Verdrängung?

Krassnitzer: Ich glaube, das ist leider ein nicht aufzuhaltender Prozess, der in bestimmten Großstädten floriert, wo plötzlich Gegenden zum Event erhoben werden. Ich glaube, das hat viel mit Spekulationsgeschäften zu tun. Das ist zugegebenermaßen zu bedauern, weil subkulturelle Biotope verschluckt und zerstört werden.

STANDARD: Kollegin Bibi Fellner ist im Vergleich zum ersten Auftritt vergleichsweise zahm. Weil sie Eisner nicht die Schau stellen durfte?

Krassnitzer: Nein. Wer genau hinschaut, erkennt, dass sie einen sehr großen Anteil an der Geschichte hat. Für beide gilt in dieser Paarung gleich, dass wir uns mit den persönlichen Geschichten etwas zurücknehmen, um den dramaturgischen Gehalt der Jugoslawien-Geschichte klarzumachen. Wenn wir noch private Angelegenheiten einfließen lassen, hätte das das Gefüge dieser sehr dichten Geschichte überfordert.

STANDARD: Dafür bekommen alle die Grippe. Warum eigentlich?

Krassnitzer: Die Grippe war ein Transportmittel, das mehr oder minder von der Redaktion und vom Autor gewünscht war, um einen leichteren Aspekt aufzubauen. Das geht nicht immer auf, weil es zu vordergründig wird: Alle haben plötzlich die Grippe - und haha. Aber das ist kein Kinofilm, sondern der Tatort, und den schauen nicht nur Standard-Leser, sondern viele andere auch. Ich glaube, das ist so starker Tobak an manchen Stellen, dass du zwischendurch irgendeine Form von Ablenkung haben musst. 

STANDARD: "Tatorte" zeichnen sich durch relativ starke Kinderpräsenz aus. Woher kommt das?

Krassnitzer: Weil man weiß, dass Kinder einen entsprechenden Reflex auslösen. Sobald Kinder im Spiel sind, hat der Zuschauer eine Emotion. Das weiß man, und das benützt man ganz bewusst.

STANDARD: Schauen Sie selbst jeden Sonntag "Tatort"?

Krassnitzer: Jene, die ich sehen will, nehm' ich auf. Ich mag die Münsteraner, obwohl mir deren Humor manchmal zu weit geht. 

STANDARD:  Was ist von Til Schweiger zu erwarten?

Krassnitzer: Ich habe in meinem Leben gelernt, nicht über Leute zu urteilen, von denen ich nicht weiß, ob sie nicht doch eine Überraschung bringen. Er wird einen starken Gestaltungswillen haben.

STANDARD: Die jüngsten ORF-Turbulenzen um Parteieinfluss dürften Sie als politisch engagierten Menschen nicht kaltlassen?

Krassnitzer: Die Diskussion entbehrt manchmal an Sachlichkeit. Die Unabhängigkeit von Medien in Österreich ist flächendeckend sehr bedenklich. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 4./5.2.2012)

Harald Krassnitzer (51) war in Fernsehserien der "Bergdoktor", "Winzerkönig" und wird 2013 "Paul Kemp - Der Mediator". Seit zwölf Jahren ist er "Tatort"-Kommissar. Krassnitzer ist Sozialdemokrat, er setzt sich für sexuell missbrauchte Kinder, Heimkinder in Moldawien und hilft bei einem Entwicklungshilfeprojekt in Kenia.

  • Mit Polizeiausweis kommt "Tatort"-Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in diesem Fall nicht weit. Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) spielt die Ballerqueen: Sonntag, 20.15, ORF 2.
    foto: orf

    Mit Polizeiausweis kommt "Tatort"-Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in diesem Fall nicht weit. Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) spielt die Ballerqueen: Sonntag, 20.15, ORF 2.

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