Kalenderzettel für den kahlen Wald

3. Februar 2012, 17:15
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Wenn man sich darüber freut, dass Herbert Föttinger Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" ohne besonderen intellektuellen Aufwand inszeniert hat, ist man im Josefstadt-Theater goldrichtig

Wien - Der Dramatiker Ödön von Horváth war ein begabter Metaphysiker. Seinem Volksstück Geschichten aus dem Wiener Wald (1931) stellte er ein Motto voran, dem zufolge nichts so sehr das Gefühl der Unendlichkeit vermittle "als wie die Dummheit". In dem "als wie" steckt zugleich die empörende Essenz von Horváths Unendlichkeitsbegriff. "Als wie" meint die ganze Unausgegorenheit des kleinbürgerlichen Bewusstseins, das seine höchst unklar gefühlten Bedürfnisse hinter Kalenderweisheiten verbirgt.

"Mein Gott, wie Sie das alles aus einem herausziehen", sagt etwa die Spielwarenhändlerstochter Marianne (Alma Hasun) im Wiener Josefstadt-Theater zu der "Rennplatzkapazität" Alfred (Florian Teichtmeister). "Im Gegenteil", wird ihr von dem biegsamen Filou flugs versichert, und man kann nun gerade nicht sagen, dass Alfred im wortwörtlichen Sinne irgendeinen Zweifel an seinen wahren Absichten ließe.

Keinen Zweifel lässt auch Direktor Herbert Föttinger an seinen Inszenierungswünschen. In die Breite kann der Wiener Wald aufgrund platzlicher Einschränkungen schwer wachsen. Also hat Ausstatter Rolf Langenfass einen kahlen Stangenwald ersonnen, dessen gezählte 27 Stämme hoch in den Schnürboden hinaufragen. Die Dummheit hat genügend Handlungsspielraum nach oben. Zauberkönigs Puppenklinik, die Fleischerei, überhaupt die "stille Gasse" im achten Bezirk, sie alle sind im Wald verdampft, und mit ihnen doch leider auch einige unverzichtbare Aromastoffe.

Die Großmutter-Bestie (Erni Mangold) in der schönen Wachau hätte den Grundton vorgegeben: Wie ein böser Papagei lenkt Mangold ihren Rollstuhl an die Rampe. Vorher hat ein Männerchor den deutschen Wald besungen, und man wähnte sich, die rostüberzogenen Stangen vor Augen, in der Hölle. Wie schön wäre doch eine Horváth-Inszenierung gewesen, die von den üblichen Wien-Klischees absieht! Doch schon Alfreds erste Sätze zur Trafikantin (Sandra Cervik) duften verführerisch nach Leopoldstadt und Bassena. Fortan gewahrt man - trotz aller löblichen Entschlackungstendenzen - einen Hang zur Beliebigkeit: Eine jede, ein jeder redet, wie ihr oder ihm der Schnabel gewachsen ist. Und diese Form der babylonischen Spracherweiterung reicht tief hinab, bis in die Anlage jeder einzelnen Figur.

Der Zauberkönig (Erwin Steinhauer) drangsaliert sein Täubchen Marianne (Hasun) recht ungeniert, indem er sie dem Fleischhauer Oskar (Thomas Mraz) zuführen will. Steinhauer glänzt als anthrazitener Gemeinheitsbrocken, während in dem Bräutigam in der Schlachterschürze die verzückte Einfalt des Pfarrgemeindeschwätzers waltet.

Hasun hingegen rüstet die Mariann' zur Heiligen Jungfrau der Puppenkliniken auf. Sie duscht nackt in der Wachau und sieht sich nach ihrem ersten Tête-à-Tête mit dem Schlingel Alfred der Allgemeinheit schnöde preisgegeben. Die Drehbühne rotiert, über den Kleinbürgerkindern brauen sich allerlei Unbilden zusammen.

Marianne wird von ihrem Alfred verlassen werden, ihr gemeinsames Kind wird an der guten Luft in der Wachau zugrunde gehen. Föttinger wird nichts vergessen haben - bloß hingegeben seiner Gemahlin zugesehen haben, die als Valerie im engen Kostüm die "Tragödie des Weibes" allzu beherzt abbildet. Nur von der Unendlichkeit hat man, im Guten wie im Bedenklichen, rein gar nichts verspürt.  (Ronald Pohl  / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

5., 8., 9., 11. 2.

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    Zimmer, Küche, Wald: Marianne (Alma Hasun) und Alfred (Florian Teichtmeister) im Horváth'schen Beziehungsalltag.

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