Wenn man sich darüber freut, dass Herbert Föttinger Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" ohne besonderen intellektuellen Aufwand inszeniert hat, ist man im Josefstadt-Theater goldrichtig
Wien - Der Dramatiker Ödön von Horváth war ein begabter Metaphysiker.
Seinem Volksstück Geschichten aus dem Wiener Wald (1931) stellte er ein
Motto voran, dem zufolge nichts so sehr das Gefühl der Unendlichkeit
vermittle "als wie die Dummheit". In dem "als wie" steckt zugleich die
empörende Essenz von Horváths Unendlichkeitsbegriff. "Als wie" meint
die ganze Unausgegorenheit des kleinbürgerlichen Bewusstseins, das seine
höchst unklar gefühlten Bedürfnisse hinter Kalenderweisheiten verbirgt.
"Mein Gott, wie Sie das alles aus einem herausziehen", sagt etwa die
Spielwarenhändlerstochter Marianne (Alma Hasun) im Wiener
Josefstadt-Theater zu der "Rennplatzkapazität" Alfred (Florian
Teichtmeister). "Im Gegenteil", wird ihr von dem biegsamen Filou flugs
versichert, und man kann nun gerade nicht sagen, dass Alfred im
wortwörtlichen Sinne irgendeinen Zweifel an seinen wahren Absichten
ließe.
Keinen Zweifel lässt auch Direktor Herbert Föttinger an seinen
Inszenierungswünschen. In die Breite kann der Wiener Wald aufgrund
platzlicher Einschränkungen schwer wachsen. Also hat Ausstatter Rolf
Langenfass einen kahlen Stangenwald ersonnen, dessen gezählte 27 Stämme
hoch in den Schnürboden hinaufragen. Die Dummheit hat genügend
Handlungsspielraum nach oben. Zauberkönigs Puppenklinik, die
Fleischerei, überhaupt die "stille Gasse" im achten Bezirk, sie alle
sind im Wald verdampft, und mit ihnen doch leider auch einige
unverzichtbare Aromastoffe.
Die Großmutter-Bestie (Erni Mangold) in der schönen Wachau hätte den
Grundton vorgegeben: Wie ein böser Papagei lenkt Mangold ihren Rollstuhl
an die Rampe. Vorher hat ein Männerchor den deutschen Wald besungen, und
man wähnte sich, die rostüberzogenen Stangen vor Augen, in der Hölle.
Wie schön wäre doch eine Horváth-Inszenierung gewesen, die von den
üblichen Wien-Klischees absieht! Doch schon Alfreds erste Sätze zur
Trafikantin (Sandra Cervik) duften verführerisch nach Leopoldstadt und
Bassena. Fortan gewahrt man - trotz aller löblichen
Entschlackungstendenzen - einen Hang zur Beliebigkeit: Eine jede, ein
jeder redet, wie ihr oder ihm der Schnabel gewachsen ist. Und diese
Form der babylonischen Spracherweiterung reicht tief hinab, bis in die
Anlage jeder einzelnen Figur.
Der Zauberkönig (Erwin Steinhauer) drangsaliert sein Täubchen Marianne
(Hasun) recht ungeniert, indem er sie dem Fleischhauer Oskar (Thomas
Mraz) zuführen will. Steinhauer glänzt als anthrazitener
Gemeinheitsbrocken, während in dem Bräutigam in der Schlachterschürze
die verzückte Einfalt des Pfarrgemeindeschwätzers waltet.
Hasun hingegen rüstet die Mariann' zur Heiligen Jungfrau der
Puppenkliniken auf. Sie duscht nackt in der Wachau und sieht sich nach
ihrem ersten Tête-à-Tête mit dem Schlingel Alfred der Allgemeinheit
schnöde preisgegeben. Die Drehbühne rotiert, über den Kleinbürgerkindern
brauen sich allerlei Unbilden zusammen.
Marianne wird von ihrem Alfred verlassen werden, ihr gemeinsames Kind
wird an der guten Luft in der Wachau zugrunde gehen. Föttinger wird
nichts vergessen haben - bloß hingegeben seiner Gemahlin zugesehen
haben, die als Valerie im engen Kostüm die "Tragödie des Weibes" allzu
beherzt abbildet. Nur von der Unendlichkeit hat man, im Guten wie im
Bedenklichen, rein gar nichts verspürt. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)