Eine Schulklasse, viele Sprachen

Reportage3. Februar 2012, 17:27
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In einer bilingualen Klasse haben mehr als zwei Sprachen Platz. Für die betreffenden Schüler sind zweisprachiger Unterricht und die Mehrsprachigkeit in der Klassengemeinschaft eine gelebte Selbstverständlichkeit

An einem der kältesten Tage im Jahr herrscht in der Volksschulklasse 4B in der „Sir Karl Popper-Schule" im 15. Wiener Gemeindebezirk gute Stimmung. Die Wintersonne taucht das Klassenzimmer in ein warmes Licht, die dunkelblauen Vorhänge sorgen für einen bläulichen Stich. Behaglich haben es sich hier die Kinder und die Lehrer eingerichtet. An den Wänden hängen zahlreiche Plakate und Kinderzeichnungen. Was auffällt, ist, dass die meisten Schautafeln in zwei Sprachen Wissen vermitteln, auf Deutsch und auf Kroatisch.

„Woher kommst du?"

Ein zufälliger Besucher könnte auf den ersten Blick meinen, hier würden österreichische und kroatische Kinder gemeinsam unterrichtet - das trifft nur zum Teil zu. Auf die Frage „Woher kommst du?" geben die Kinder unterschiedliche Antworten: in erster Linie aus Bosnien und Serbien, wobei zwei Kinder zu Hause neben Serbisch auch Walachisch sprechen. „Das ist so ähnlich wie Rumänisch", erklärt ein Bub. Ein Mädchen kommt aus der Türkei; sie führt stolz vor, dass sie auf Kroatisch bis dreiundzwanzig zählen kann. Ein weiteres Mädchen spricht ebenfalls Türkisch, allerdings stammt sie aus der türkischen Minderheit in Bulgarien. Ein Bub ist aus Albanien. Schräg hinter ihm sitzt ein chinesischer Bub, auch er kann auf Kroatisch zählen.
Neben Deutsch ist Kroatisch die Unterrichtssprache, und zwar jenes Kroatisch, wie es in Kroatien gesprochen wird. Der Gebrauch abweichender oder verwandter Sprachvarianten, die Kinder von Haus aus mitbringen, wie etwa das bosnische Kroatisch oder auch das Serbische, wird jedoch nicht sanktioniert; die Kinder entwickeln so ein Bewusstsein für die Vielfalt innerhalb einer Sprache bzw. einer Sprachgruppe.

Zweisprachige Unterrichtsmaterialien

Das Herz ist Thema des heutigen Unterrichts, auf Kroatisch heißt das „srce". Ein Kind liest laut auf Kroatisch vor: „Wir können unser Herz nicht sehen, aber wir können es fühlen." Die Unterrichtsmaterialien über Herz, Lunge und Magen liegen aber auch auf Deutsch vor. Das bedeutet also, die Kinder erschließen sich den Lehrstoff mit Hilfe von zwei Sprachen, parallel und ergänzend. Damit wird für die Kinder nicht nur Deutsch, sondern auch Kroatisch eine „akademische Sprache", erklärt Manfred Pinterits, Bezirksschulinspektor und Initiator des kroatischen Integrationsprojekts HIP, Hrvatski integrativni projekt.

Autochthone und Zugewanderte

Ursprünglich hatte er etwas anderes im Sinn gehabt, nämlich ein Angebot für die burgenländisch-kroatische Community: „Eigentlich hatte ich vor zehn Jahren die Idee, Burgenländisch-Kroatisch als Unterrichtssprache einzuführen. In Wien haben wir ja keine Minderheitenschulgesetzgebung, im Unterschied zu Burgenland und Kärnten, obwohl wir auch in Wien eine große Anzahl an autochthonen Sprechern haben", erklärt Pinterits, der selbst väterlicherseits burgenländischer Kroate ist. „Ich habe also ein Konzept erstellt, wie so etwas aussehen könnte. In der schönsten Ausprägung war eine bilinguale Klasse vorgesehen." Pinterits holte zwei Lehrerinnen, eine aus Kroatien stammende Pädagogin und eine Burgenlandkroatin. Aber: „Die unglückliche Realität war, dass nicht ein einziges burgenländisch-kroatisches Kind angemeldet wurde. Offensichtlich hatten die burgenländisch-kroatischen Vertreter, die sich im Vorfeld für die Idee starkgemacht hatten, selbst keine sechsjährigen Kinder", mutmaßt Pinterits und nennt einen weiteren Grund, warum die ursprüngliche Idee nicht realisiert werden konnte: „Die Eltern konnten sich offenbar nicht dazu entschließen, ein Stückerl zu fahren, um die Kinder in der Früh herzubringen. Bei Kindern im Volksschulalter haben es die Eltern gern, wenn die Schule gleich ums Eck ist."

„Korbblütler" auf Kroatisch

Was unterscheidet das Konzept einer bilingualen Klasse vom muttersprachlichen Zusatzunterricht? Pinterits: „Der eigentliche Reichtum des bilingualen Modells besteht darin, dass für die Kinder ihre Muttersprache nicht nur eine Umgangssprache ist, sondern auch eine akademische Sprache, in der sie sich Wissen und Bildung aneignen. Zum Beispiel verwendet kein Mensch in der normalen Alltagssprache ein Wort wie ‚Korbblütler‘. In einem bilingualen Unterrichtsmodell erschließt man sich solche Begriffe ganz selbstverständlich in zwei Sprachen."

„Bestens gefördert"

Edith Fritsch, die ehemalige Schuldirektorin, die bereits zwei vierjährige Durchgänge des bilingualen Unterrichtsprojekts begleitet hat, resümiert: „Die Kinder sind bestens gefördert. Am Ende der vierten Volksschulklasse können sie in beiden Sprachen Aufsätze schreiben." Auch sie bedauert die Abhängigkeit des Projekts vom Standort und das daraus resultierende geringe Einzugsgebiet: „Die Kinder sind noch klein und wollen in ihrem Umfeld bleiben, also die gleiche Schule besuchen wie die Nachbarskinder. Dadurch haben wir nur wenige Kinder aus anderen Bezirken."
Ein Wermutstropfen ist für die ehemalige Direktorin, dass die Kinder nach der vierten Schulstufe „in alle Winde verstreut" werden. Ihr Wunsch wäre es, eine solche Klasse geschlossen auf diese Weise weiter zu unterrichten.

„Bye-bye!"

Zurück in die Schulklasse. Die Kinder haben inzwischen ihre Zeichenblätter herausgeholt und malen mit Buntstiften Farbkleckse. Später sollen diese kleinen Kunstwerke zu kleinen Lampenschirmen „weiterverarbeitet" werden. Die Lehrerin erzählt: „Das Gute an dieser Klasse ist, dass alle miteinander gut können. Manchmal gibt es natürlich Probleme mit einzelnen Kindern, aber so etwas wie Außenseiter gibt es nicht. Buben und Mädchen sitzen ganz normal nebeneinander in der Schulbank, jeder kann neben jedem sitzen, die Kinder fühlen sich offenbar sehr wohl."
Zum Schluss verabschieden sich die Kinder in ihren jeweiligen Muttersprachen von der heutigen Besucherin. „Wie sagt man Tschüss auf Chinesisch?", will die Lehrerin vom chinesischen Buben wissen. „Bye-bye", sagt er und lacht. (Mascha Dabic, 03.02.2012, daStandard.at)

  • In der "Sir Karl Popper-Schule" herrscht nicht nur in den Klassenräumen ein multikulturelles Miteinander...
    foto: mascha dabic

    In der "Sir Karl Popper-Schule" herrscht nicht nur in den Klassenräumen ein multikulturelles Miteinander...

  • ... denn sowohl die Unterrichtmaterialen, als auch der Unterricht selbst, fällt hier zweisprachig aus.
    foto: mascha dabic

    ... denn sowohl die Unterrichtmaterialen, als auch der Unterricht selbst, fällt hier zweisprachig aus.

  • So bunt kann Österreich sein, also gebt den Kindern das Kommando!
    foto: mascha dabic

    So bunt kann Österreich sein, also gebt den Kindern das Kommando!

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