Die Sparte Alter Meister eröffnete vergangene Woche in New York die globale Auktions-Saison - neue Rekorde inklusive
Es ist vollbracht, der stets nach neuen Rekorden gierende internationale
Kunstmarkt bekam selbige vergangene Woche in New York serviert. Zwar
nicht in sensationellen Höhen und auch nicht in einem Umfang, der mit
der Auftaktsause der Auktions-Saison 2011 vergleichbar wäre, aber
immerhin. Derer 21 hatte die Sparte Alte Meister im Vorjahr zustande
gebracht, aktuell beläuft sich die Anzahl der Rekordnovizen auf ein
Grüppchen von fünf. Thomas de Keyser und Giambattista Tiepolo
(Christie's) zählen ebenso zu diesem Quintett wie Simone Martini,
Charles-Antoine Coypel und Frau Bartolommeo (Sotheby's).
Bewilligt wurden deren neue Höchstmarken allesamt von Privatsammlern und
im Falle de Keysers (Portrait eines Gentlemans, 1,48 Mio. Dollar) über
den Lee und Juliet Folger Fund zugunsten der National Gallery
Washington.
Podestplatz für Giambattista
Den höchsten Zuschlag des Abends (und der Woche) notierte Christie's für
Giambattista Tiepolos Ölstudie zum mittlerweile weitestgehend zerstörten
Fresko Ankunft von Henry II in der Villa Contarini bei 5,9 Millionen
Dollar. Die Studie gilt als größte jemals von Tiepolo gefertigte und war
ursprünglich im Besitz der Familie Rothschild, wurde von den
Nationalsozialisten 1940 in Paris konfisziert und nach einer
Zwischenstation in der Sammlung Hermann Goerings 1946 restituiert. Über
den internationalen Handel war sie schließlich Mitte der 1980er-Jahre in
amerikanischen Privatbesitz gelandet.
Sowohl bei de Keyser (2007: Portrait einer Lady, rd. 950.000 Dollar) als
auch bei Tiepolo (2008: Portrait einer Lady als Flora, 4,22 Mio. Dollar)
hatte Christie's jetzt hauseiegne Londoner-Höchstmarken übertroffen.
Etwas verhalten dürften die Feiern im verantwortlichen Department
dennoch ausgefallen sein. Denn die Taxe für Hans Memlings als Highlight
avisiertes Maria mit dem Kinde war mit sechs bis acht Millionen Dollar
wohl zu ambitioniert, das kleine Tondo blieb unverkauft. Weder Kuratoren
noch Private oder der Handel ließen sich aus der Reserve locken. In
zwei Tagen und vier Sitzungen verteilte Christie's (25./26. Jänner) 73
Prozent des Angebotes zum Gegenwert von 51,8 Millionen Dollar; 2011
hatte man in zwei Auktionen ein Total von rund 36 Millionen verbucht.
Im direkten Vergleich schnitt Sotheby's etwas besser ab, auch wenn man
mit einem Umsatz von 73,05 Millionen Dollar (in vier Sales, 25.-27.
Jänner) deutlich hinter dem Vorjahresergebnis (112,5 Mio.) blieb. Dafür
hatte sich die Klientel aktuell überdurchschnittlich an der Auswahl in
der Kategorie Arbeiten auf Papier engagiert, die mit 5,64 Millionen
Dollar das höchste Spartenergebnis in New York seit 1998 markiert. Zu
den Höhepunkten gehörte hier das Porträt eines jungen Mannes des
Renaissancekünstlers Piero del Pollaiuolo, das sich das J. Paul Getty
Museum mit 1,39 Millionen Dollar für mehr als das Dreifache der Taxe
sicherte.
Öfter als im Vergleich zu den jüngeren Altmeister-Auktionen bediente
sich der europäische und auch der amerikanische Handel am
Sotheby's-Angebot, sowohl zum Teil im Bereich der angesetzten
Schätzwerte, aber auch deutlich darüber in Preisklassen von 50.000 bis
200.000 Dollar. Kein Wunder angesichts latenter Akquisitionsprobleme des
Kunsthandels, der die wohl letzte Chance vor der Tefaf in Maastricht
(16.-25. März) nutzte, um sein Warenlager aufzustocken.
Den höchsten Zuschlag erteilte Sotheby's für eine Venedig-Ansicht
Canalettos (5,68 Mio.), die ebenso in eine europäische Privatsammlung
wechselte, wie ein Lucretia-Bildnis (5,12 Mio.) von Lucas Cranach dem
Älteren, eine Fassung der Tugendhaften übrigens, die man im soeben
veröffentlichten digitalen Cranach-Archiv (www.lucascranach.org), das
sich als erweitertes Werkverzeichnis versteht, allerdings vergeblich
suchen wird. (Olga
Kronsteiner / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)