Nach dem ungeahnten Erfolg von Joseph Vogls "Gespenst des Kapitals" liefert der Diaphanes-Verlag neue Kapitel zum Wesen des Geldes
Als der ehemalige Fußballer Eric Cantona vor gut einem Jahr den
Kapitalismus abschaffen wollte, scheiterte er relativ kläglich. Der von
ihm propagierte "Bank Run", die konzertierte Abhebung großer Geldsummen
an einem Tag im Dezember 2010, sollte das System zum Kippen bringen.
Doch am Ende erwies sich, dass das System die Schwarmattacke
wahrscheinlich nicht einmal gespürt hat.
Vielleicht war es auch ungeschickt, die Sache am Bankomat zu beginnen,
wo in der Regel ein nicht allzu hohes Tageslimit gilt. Und vermutlich
verfügten viele der Anhänger der Idee des "Bank Run" persönlich nicht
über jene Liquidität, die zusammengenommen eine kritische Masse hätte
erreichen können. Aber die Idee als solche hatte auch etwas Geniales,
denn es ging dabei ja gar nicht so sehr darum, dem Kapitalismus das Geld
wegzunehmen, sondern zu zeigen, dass er gar keines hat.
Dieser Gedanke bildet so etwas wie das motivische Zentrums eines Buches,
das im Februar 2011 erschienen ist und sich im Laufe dieses
geldpolitisch so konfusen Jahres zu so etwas wie einem alternativen
Bestseller entwickelt hat: Das Gespenst des Kapitals von dem in Berlin
lehrenden Kultur- und Literaturwissenschafter Joseph Vogl. Dass jemand,
der nicht vom Fach ist, der also nicht Nationalökonomie und Finanzwesen
studiert hat, trotzdem über diese Dinge schreibt, ist der springende
Punkt.
Vogl kann nämlich auf diese Weise gedanklich jene paar Schritte
zurücktreten, die es ihm erlauben, überhaupt einmal über das Format der
Fragen nachzudenken, das der Finanzkapitalismus den von ihm Betroffenen
stellt. Und dabei stellt sich heraus, dass ein Geisteswissenschafter
durchaus das Rüstzeug hat, eine Welt zu verstehen, von der viele ihrer
Verfechter meinen, dass sie die beste aller möglichen sei: die Welt der
Aktien und Derivate, des Hebelns und Verbriefens, der Risiko-Algorithmen
und Termingeschäfte. Es ist dies eine Welt, die so komplex geworden ist,
dass alle Hoffnungen auf schnellen oder leichten Reichtum inzwischen von
großem Argwohn begleitet werden.
Von diesem Argwohn profitiert Vogls Buchs, durch dessen Erfolg der
anspruchsvolle Berliner Theorieverlag Diaphanes unvermutet die Erfahrung
eines kleinen Booms gemacht - und entsprechend darauf reagiert hat: Mit
dem Band Verbranntes Geld von Christian Marazzi und einer einschlägig
berühmten Untersuchung von Hyman P. Minsky über Instabilität und
Kapitalismus sind schon zwei weitere Bände zum Thema erschienen. Die
Reihe, die Vogl herausgibt, trägt einen beziehungsreichen Titel: minima
oeconomica, das bezieht sich ganz deutlich auf die Minima Moralia von
Adorno und Horkheimer - und damit auf einen Horizont kritischer Theorie,
der angesichts gegenwärtiger Verblendungszusammenhänge wichtiger scheint
denn je. Zugleich enthält Vogls Reihe aber auch eine Kritik der
Kritischen Theorie selbst, die sich bis auf ihren prominentesten
lebenden Vertreter, Jürgen Habermas, recht widerstandslos in die
Herrschaft des Kapitalismus gefügt hat.
Die Frage nach dem richtigen Wirtschaftssystem schien ja schon endgültig
geklärt gewesen zu sein, nun stellt sich aber heraus, dass vielleicht
noch ein paar Grundsatzfragen zu klären sind. Dies tut Vogl in seinem
Essay, indem er Anleihen bei einem großen Konzept nimmt. Zu Beginn der
Aufklärung wurde nämlich verstärkt darüber nachgedacht, wie die
konkreten Erfahrungen des Lebens mit der Idee eines allmächtigen und
guten Gottes zu vereinbaren seien. Das Erdbeben von Lissabon 1753
erschütterte den Glauben daran, dass im Grunde alles gut (angelegt) sei,
in den Grundfesten, und danach war das Konzept einer Theodizee (also
einer Rechtfertigung der göttlichen Vernunft angesichts der Übel der
Welt) nicht mehr besonders aussichtsreich.
Allerdings wanderte der Gedanke einer weisen Vorsehung in andere
Bereiche ab, nicht zuletzt in den der politischen Ökonomie, wo sich der
hartnäckige Glaube eta-blierte, dass die Märkte grundsätzlich vernünftig
sind und alles zum bestmöglichen Ende bringen werden. Diese Idee einer
"Oikodizee", einer Rechtfertigung der Marktmechanismen, hinterfragt
Vogl in Das Gespenst des Kapitals von verschiedenen Seiten. Es kommt ihm
dabei wesentlich auf einen zentralen Umschlag im Prozess der Moderne an,
der es mit sich brachte, dass das gesamte Wirtschaftssystem auf Kredit
umgestellt wurde - und zwar nicht nur der produktive Sektor, der mit der
Aufnahme von Darlehen künftige Gewinne zu verrechnen begann, sondern die
Geldwirtschaft selbst wurde von den klassischen Mechanismen der Deckung
durch reale Werte (Gold-, Silberstandard etc.) auf einen offenen
Horizont hin umgestellt, vor dessen Hintergrund alles darauf ankam, dass
nicht irgendwann zu viele Beteiligte zur gleichen Zeit auf die Realität
ihrer Guthaben bestanden.
Einen "Bank Run" hätte das System schon vor zweihundert Jahren nicht
leicht überstanden, weil eine Menge Geldes eben tatsächlich nur auf dem
Papier existierte. "Alles Gold und Silber in der Welt würde nicht
zureichen die Ansprüche dieser Art zu befriedigen, wenn alle, die ein
Recht dazu haben, mit einem Mahle ihr Geld begehrten", schrieb Henry
Thornton in Der Papier-Credit von Großbritannien - Nach seiner Natur
und seinen Wirkungen untersucht im Jahr 1803.
Vogl macht deutlich, dass der Finanzkapitalismus westlicher Prägung eine
gigantische Anleihe auf Zukunft darstellt - und damit unweigerlich zu
einem großen Teil auch auf Fiktionen. Zu diesen Fiktionen zählte dann
wesentlich auch die Vorstellung, dass mit dem Fortschritt der
mathematischen Methoden auch die Risikokalküle immer treffsicherer
werden konnten, sodass man sich in der Sicherheit von Formeln wiegen
konnte, die das berechenbar machen sollten, was die individuelle und
kollektive Vernunft der Marktteilnehmer längst nicht mehr überblicken
konnte.
Zu dieser Großerzählung, bei der einem tatsächlich die Augen aufgehen
können, liefert der in der italienischen Schweiz tätige
Wirtschaftswissenschafter Christian Marazzi in Verbranntes Geld ein
wichtiges Unterkapitel: Er beschreibt in einer aufschlussreichen
Parallelbewegung, wie sich seit den 1970ern das Produktivitätsmodell in
den Industriegesellschaften verändert hat - und auch die
Renditehoffnungen. Aus der Krise des sogenannten Fordismus (mit seinen
Massenbelegschaften in großen Industriebetrieben, deren zentrales Bild
das Fließband war) ging unsere gegenwärtige Arbeitsgesellschaft hervor,
in der im Grunde fast schon alles, was wir tun, als Arbeit gelten kann:
Wer in einem sozialen Netzwerk ein Profil erstellt, gibt sich den
Freunden zu erkennen - und produziert zugleich jene Daten, die auf
Betreiberseite zur Ware werden.
"Die durchaus bemerkenswerten technologisch-industriellen Innovationen
der vergangenen Jahrzehnte wurden eher dazu eingesetzt, die Lohnkosten
zu senken und die Arbeit insgesamt zu intensivieren, als dazu, ein
allgemeines Wachstum zu stimulieren, wie das in der Epoche des Fordismus
der Fall war."
Zugleich ziehen sich die Wohlfahrtsstaaten aus vielen Bereichen zurück,
die früher einmal als Errungenschaften des Gemeinschaftlichen erschienen
- und nun plötzlich zu Belastungen erklärt werden: Kultur, Bildung,
Infrastruktur. Für Marazzi liegt darin ein ganz entscheidendes Moment
der Privatisierung des berühmten "deficit spending": Es sind nun, vor
allem in den USA, seit einigen Jahrzehnten die privaten Haushalte, die
sich verschulden müssen, um die Grundlagen ihrer Existenz zu
gewährleisten.
Marazzi widerspricht damit dem Klischee von den unbedarft konsumierenden
Amerikanern, die mit ihren Krediten das globale Finanzsystem aus dem
Gleichgewicht gebracht hätten. Er sieht die Sache vielmehr umgekehrt:
Ein Kapitalismus, der mit klassischer Gewinnabschöpfung nicht mehr
zufrieden war, schuf sich über die neoliberale Zerstörung politischer
Substanz erst die Bedingungen einer umfassenden "Finanzialisierung", die
dazu führen konnte, dass das Geld sich von sich selbst zu ernähren
begann, während die Armen irgendwann dann doch unter der Last ihrer
Subprime-Kredite zusammenbrachen - und damit auch das System auf seine
Bruchstellen verwiesen.
Unmengen des dadurch "verbrannten" Geldes war von vornherein fiktiv -
aber es stand in den Büchern, und konnte damit als realer Wert gehandelt
werden. Der "Bank Run" hat indessen längst stattgefunden, aber auf einer
anderen Ebene: Reiche Griechen und Italiener drängen auf den
Immobilienmarkt von London, um ihr Geld in die teuersten Wohnungen der
Welt zu stecken. Zurück bleibt nur das dürftige Guthaben derer, die sich
mit den mageren Zinsen bescheiden müssen, die der Kapitalismus heute
denen gewährt, die in ihrer persönlichen Gebarung an die Realwirtschaft
gebunden sind. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)
- Joseph Vogl, "Das Gespenst des Kapitals, € 14,90 / 224 Seiten,
diaphanes minima oeconomica, Berlin 2011
- Christian Marazzi, "Verbranntes Geld", € 14,90 / 134 Seiten, diaphanes minima oeconomica, Berlin 2011