Alles Gold und Silber

4. Februar 2012, 12:05
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Nach dem ungeahnten Erfolg von Joseph Vogls "Gespenst des Kapitals" liefert der Diaphanes-Verlag neue Kapitel zum Wesen des Geldes

Als der ehemalige Fußballer Eric Cantona vor gut einem Jahr den Kapitalismus abschaffen wollte, scheiterte er relativ kläglich. Der von ihm propagierte "Bank Run", die konzertierte Abhebung großer Geldsummen an einem Tag im Dezember 2010, sollte das System zum Kippen bringen. Doch am Ende erwies sich, dass das System die Schwarmattacke wahrscheinlich nicht einmal gespürt hat.

Vielleicht war es auch ungeschickt, die Sache am Bankomat zu beginnen, wo in der Regel ein nicht allzu hohes Tageslimit gilt. Und vermutlich verfügten viele der Anhänger der Idee des "Bank Run" persönlich nicht über jene Liquidität, die zusammengenommen eine kritische Masse hätte erreichen können. Aber die Idee als solche hatte auch etwas Geniales, denn es ging dabei ja gar nicht so sehr darum, dem Kapitalismus das Geld wegzunehmen, sondern zu zeigen, dass er gar keines hat.

Dieser Gedanke bildet so etwas wie das motivische Zentrums eines Buches, das im Februar 2011 erschienen ist und sich im Laufe dieses geldpolitisch so konfusen Jahres zu so etwas wie einem alternativen Bestseller entwickelt hat: Das Gespenst des Kapitals von dem in Berlin lehrenden Kultur- und Literaturwissenschafter Joseph Vogl. Dass jemand, der nicht vom Fach ist, der also nicht Nationalökonomie und Finanzwesen studiert hat, trotzdem über diese Dinge schreibt, ist der springende Punkt.

Vogl kann nämlich auf diese Weise gedanklich jene paar Schritte zurücktreten, die es ihm erlauben, überhaupt einmal über das Format der Fragen nachzudenken, das der Finanzkapitalismus den von ihm Betroffenen stellt. Und dabei stellt sich heraus, dass ein Geisteswissenschafter durchaus das Rüstzeug hat, eine Welt zu verstehen, von der viele ihrer Verfechter meinen, dass sie die beste aller möglichen sei: die Welt der Aktien und Derivate, des Hebelns und Verbriefens, der Risiko-Algorithmen und Termingeschäfte. Es ist dies eine Welt, die so komplex geworden ist, dass alle Hoffnungen auf schnellen oder leichten Reichtum inzwischen von großem Argwohn begleitet werden.

Von diesem Argwohn profitiert Vogls Buchs, durch dessen Erfolg der anspruchsvolle Berliner Theorieverlag Diaphanes unvermutet die Erfahrung eines kleinen Booms gemacht - und entsprechend darauf reagiert hat: Mit dem Band Verbranntes Geld von Christian Marazzi und einer einschlägig berühmten Untersuchung von Hyman P. Minsky über Instabilität und Kapitalismus sind schon zwei weitere Bände zum Thema erschienen. Die Reihe, die Vogl herausgibt, trägt einen beziehungsreichen Titel: minima oeconomica, das bezieht sich ganz deutlich auf die Minima Moralia von Adorno und Horkheimer - und damit auf einen Horizont kritischer Theorie, der angesichts gegenwärtiger Verblendungszusammenhänge wichtiger scheint denn je. Zugleich enthält Vogls Reihe aber auch eine Kritik der Kritischen Theorie selbst, die sich bis auf ihren prominentesten lebenden Vertreter, Jürgen Habermas, recht widerstandslos in die Herrschaft des Kapitalismus gefügt hat.

Die Frage nach dem richtigen Wirtschaftssystem schien ja schon endgültig geklärt gewesen zu sein, nun stellt sich aber heraus, dass vielleicht noch ein paar Grundsatzfragen zu klären sind. Dies tut Vogl in seinem Essay, indem er Anleihen bei einem großen Konzept nimmt. Zu Beginn der Aufklärung wurde nämlich verstärkt darüber nachgedacht, wie die konkreten Erfahrungen des Lebens mit der Idee eines allmächtigen und guten Gottes zu vereinbaren seien. Das Erdbeben von Lissabon 1753 erschütterte den Glauben daran, dass im Grunde alles gut (angelegt) sei, in den Grundfesten, und danach war das Konzept einer Theodizee (also einer Rechtfertigung der göttlichen Vernunft angesichts der Übel der Welt) nicht mehr besonders aussichtsreich.

Allerdings wanderte der Gedanke einer weisen Vorsehung in andere Bereiche ab, nicht zuletzt in den der politischen Ökonomie, wo sich der hartnäckige Glaube eta-blierte, dass die Märkte grundsätzlich vernünftig sind und alles zum bestmöglichen Ende bringen werden. Diese Idee einer "Oikodizee", einer Rechtfertigung der Marktmechanismen, hinterfragt Vogl in Das Gespenst des Kapitals von verschiedenen Seiten. Es kommt ihm dabei wesentlich auf einen zentralen Umschlag im Prozess der Moderne an, der es mit sich brachte, dass das gesamte Wirtschaftssystem auf Kredit umgestellt wurde - und zwar nicht nur der produktive Sektor, der mit der Aufnahme von Darlehen künftige Gewinne zu verrechnen begann, sondern die Geldwirtschaft selbst wurde von den klassischen Mechanismen der Deckung durch reale Werte (Gold-, Silberstandard etc.) auf einen offenen Horizont hin umgestellt, vor dessen Hintergrund alles darauf ankam, dass nicht irgendwann zu viele Beteiligte zur gleichen Zeit auf die Realität ihrer Guthaben bestanden.

Einen "Bank Run" hätte das System schon vor zweihundert Jahren nicht leicht überstanden, weil eine Menge Geldes eben tatsächlich nur auf dem Papier existierte. "Alles Gold und Silber in der Welt würde nicht zureichen die Ansprüche dieser Art zu befriedigen, wenn alle, die ein Recht dazu haben, mit einem Mahle ihr Geld begehrten", schrieb Henry Thornton in Der Papier-Credit von Großbritannien - Nach seiner Natur und seinen Wirkungen untersucht im Jahr 1803.

Vogl macht deutlich, dass der Finanzkapitalismus westlicher Prägung eine gigantische Anleihe auf Zukunft darstellt - und damit unweigerlich zu einem großen Teil auch auf Fiktionen. Zu diesen Fiktionen zählte dann wesentlich auch die Vorstellung, dass mit dem Fortschritt der mathematischen Methoden auch die Risikokalküle immer treffsicherer werden konnten, sodass man sich in der Sicherheit von Formeln wiegen konnte, die das berechenbar machen sollten, was die individuelle und kollektive Vernunft der Marktteilnehmer längst nicht mehr überblicken konnte.

Zu dieser Großerzählung, bei der einem tatsächlich die Augen aufgehen können, liefert der in der italienischen Schweiz tätige Wirtschaftswissenschafter Christian Marazzi in Verbranntes Geld ein wichtiges Unterkapitel: Er beschreibt in einer aufschlussreichen Parallelbewegung, wie sich seit den 1970ern das Produktivitätsmodell in den Industriegesellschaften verändert hat - und auch die Renditehoffnungen. Aus der Krise des sogenannten Fordismus (mit seinen Massenbelegschaften in großen Industriebetrieben, deren zentrales Bild das Fließband war) ging unsere gegenwärtige Arbeitsgesellschaft hervor, in der im Grunde fast schon alles, was wir tun, als Arbeit gelten kann: Wer in einem sozialen Netzwerk ein Profil erstellt, gibt sich den Freunden zu erkennen - und produziert zugleich jene Daten, die auf Betreiberseite zur Ware werden.

"Die durchaus bemerkenswerten technologisch-industriellen Innovationen der vergangenen Jahrzehnte wurden eher dazu eingesetzt, die Lohnkosten zu senken und die Arbeit insgesamt zu intensivieren, als dazu, ein allgemeines Wachstum zu stimulieren, wie das in der Epoche des Fordismus der Fall war."

Zugleich ziehen sich die Wohlfahrtsstaaten aus vielen Bereichen zurück, die früher einmal als Errungenschaften des Gemeinschaftlichen erschienen - und nun plötzlich zu Belastungen erklärt werden: Kultur, Bildung, Infrastruktur. Für Marazzi liegt darin ein ganz entscheidendes Moment der Privatisierung des berühmten "deficit spending": Es sind nun, vor allem in den USA, seit einigen Jahrzehnten die privaten Haushalte, die sich verschulden müssen, um die Grundlagen ihrer Existenz zu gewährleisten.

Marazzi widerspricht damit dem Klischee von den unbedarft konsumierenden Amerikanern, die mit ihren Krediten das globale Finanzsystem aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. Er sieht die Sache vielmehr umgekehrt: Ein Kapitalismus, der mit klassischer Gewinnabschöpfung nicht mehr zufrieden war, schuf sich über die neoliberale Zerstörung politischer Substanz erst die Bedingungen einer umfassenden "Finanzialisierung", die dazu führen konnte, dass das Geld sich von sich selbst zu ernähren begann, während die Armen irgendwann dann doch unter der Last ihrer Subprime-Kredite zusammenbrachen - und damit auch das System auf seine Bruchstellen verwiesen.

Unmengen des dadurch "verbrannten" Geldes war von vornherein fiktiv - aber es stand in den Büchern, und konnte damit als realer Wert gehandelt werden. Der "Bank Run" hat indessen längst stattgefunden, aber auf einer anderen Ebene: Reiche Griechen und Italiener drängen auf den Immobilienmarkt von London, um ihr Geld in die teuersten Wohnungen der Welt zu stecken. Zurück bleibt nur das dürftige Guthaben derer, die sich mit den mageren Zinsen bescheiden müssen, die der Kapitalismus heute denen gewährt, die in ihrer persönlichen Gebarung an die Realwirtschaft gebunden sind. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

 

  • Joseph Vogl, "Das Gespenst des Kapitals, € 14,90 / 224 Seiten, diaphanes minima oeconomica, Berlin 2011
  • Christian Marazzi, "Verbranntes Geld", € 14,90 / 134 Seiten, diaphanes minima oeconomica, Berlin 2011
  • Herrscht hier die weise Vorsehung? In der Idee der Oikodizee ist das 
Geld Anfang und Ende.
    foto: standard / cremer

    Herrscht hier die weise Vorsehung? In der Idee der Oikodizee ist das Geld Anfang und Ende.

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