"Wie Ochsen, denen ins Maul geschaut wird"

3. Februar 2012, 17:02
20 Postings

Der Umgang mit Bewerbern lässt sehr zu wünschen übrig, ergibt eine Untersuchung - Personal-Professor Armin Trost ruft Firmen zum Perspektivwechsel auf

STANDARD: Sie unterstützen als wissenschaftlicher Beirat Careers Best Recruiters, einen Check des Umgangs mit Bewerbern in 500 österreichischen und deutschen Unternehmen, bei dem heimische Firmen nicht hervorragend abschneiden. Warum sind Sie da engagiert?

Trost: Solche Initiativen ermuntern Unternehmen zum Perspektivwechsel. Es sind ja sehr viele Personaler noch im alten Denken von mehr Bewerbungen als Stellen aufgewachsen und in einer Haltung groß geworden, die lautet: Wir wählen aus, wir machen den Arbeitsvertrag - eine große Selbstverständlichkeit einer Machtposition, die so nicht mehr hält. Es geht immer mehr darum, die Bewerberposition einnehmen zu können: Arbeitgeber müssen überzeugen, dass sie attraktiv sind. Noch ist es vielfach so, das sieht man an Stellenanzeigen, dass daran mit Anforderungslisten herangegangen wird. Das ist arrogant. Drehen wir's doch mal um: Was wäre, wenn Bewerber kommen und sagen: Wir wollen, wir verlangen ...

STANDARD: In puncto Auftritt per Website hat sich aber schon etwas getan ...

Trost: Ja, dort, wo es mit Mangelberufen wehzutun beginnt, ändert sich zaghaft etwas. Aber: Vorne die schöne, fancy Website und dahinter ein Bewerbungsprozess, bei dem die Kandidaten das Gefühl haben, sie seien Ochsen, denen ins Maul geschaut wird - das ist nicht gelungenes Employer-Branding. Da bleibt sehr oft das Gefühl zurück, dass das nicht fair ist, weit entfernt von einander kennenlernen, weit entfernt von der sogenannten Augenhöhe.

STANDARD: So sehen bei Careers Best Recruiters auch jene Teile aus, in denen Bewerber nach ihren Erfahrungen gefragt wurden. Offenbar wird das Feedback-System - Stichwort Arbeitgeberbewertungsplattformen - noch unterschätzt.

Trost: Zumindest nicht ernst genug genommen. Aber das notwendige Umdenken muss weiter innen beginnen. Die alte Devise "Der Manager denkt, der Mitarbeiter handelt" - damit kommen wir nicht mehr weiter.

STANDARD: Spaß und Sinn im Job?

Trost: Sinn ja, den braucht jeder, jeder muss wissen, was sein Beitrag zum großen Ganzen ist. Um Spaß geht es nicht, der Job muss nicht immer Riesenspaß machen - macht Ihrer immer Spaß?

STANDARD: Aber stehen nicht schon fast flächendeckend in Unternehmen riesige Werkzeugkisten herum für die sogenannte Mitarbeiterpflege - von der Befragung bis zum Talentmanagement?

Trost: Tools, Prozesse, Systeme - ja, komplexe Werkzeuge zum Zählen, Messen, Wägen, zum Entwickeln, das ist mittlerweile sehr verbreitet. Langstielige Werkzeuge, die aber häufig nicht ankommen. Hinter all diesen Prozessen steht die Überzeugung: Wir wissen, was gut für euch ist. Dazu kann ich nur sagen: Wir unterschätzen die Mitarbeiter.

STANDARD: Diese Instrumente werden ja häufig eingesetzt, um das Verhältnis zwischen "oben" und "unten" zu verbessern ...

Trost: Wenn das schlecht ist, dann helfen Instrumente auch nicht.

STANDARD: Sondern?

Trost: Wir brauchen weniger Instrumente, Daten, Systeme. Wir brauchen mehr zwischenmenschliche Beziehungen, mehr Miteinander-Reden, Artikulieren, Streiten. Ich bin kein Fan von standardisiertem Talentmanagement, sondern davon, dass Führungskräfte sich mit ambitionierten Leuten zusammensetzen.

STANDARD: Antanzen zum Kennenlernen?

Trost: Warum nicht? Warum nicht Marktplätze in Unternehmen veranstalten, Bar-Camps zum Kennenlernen. Das schafft Vertrauen. Die x-te Mitarbeiterbefragung, die unmittelbaren Vorgesetzten wie Befragten ebenso auf die Nerven geht, schafft das nicht. Rein standardisierte Assessments schaffen das auch nicht.

STANDARD: Ist das Problem da aber nicht immer schlechte Führung? Diesbezüglich wird doch die Kritik auch zunehmend lauter ...

Trost: Ich sehe keinen Trend in Richtung schlechterer Führung. Wir haben noch Präsenzkulturen und Unsicherheiten, etwa gegen neue Medien. Eine jüngere Generation von Führungskräften kommt aber gerade in Position und denkt zum Thema Arbeitsbedingungen und -beziehungen ganz anders. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

ARMIN TROST lehrt an der Hochschule Furtwangen Human-Resource-Management und angewandte Forschungsmethoden. Schwerpunkte: Recruiting, Employer-Branding, Talentmanagement und Social Media.

Link

Die Ergebnisse der Firmenuntersuchung: www.careersbestrecruiters.com

  • Trost: "Arrogante" Stellenanzeigen - Perspektivwechsel nötig.
    foto: privat

    Trost: "Arrogante" Stellenanzeigen - Perspektivwechsel nötig.

Share if you care.