Er hat grüne Haare und pflanzt grüne Wände. Ein Gespräch mit dem Pariser Landschaftskünstler Patrick Blanc
Durch sein Atelier fliegen Kanarienvögel und Kolibris, aus dem
Bücherregal lugen Geckos und Salamander hervor, und um Punkt zehn Uhr
am Vormittag beginnt es hinter dem Schreibtisch zu regnen. Patrick
Blanc, Botaniker und Künstler, wohnt und arbeitet in einem künstlich
geschaffenen Urwald in einer ehemaligen Werkstatt am Rande von Paris.
Das Grün sei nicht nur inspirierend für seine Arbeit, meint der
58-Jährige, sondern auch ein wichtiger Temperatur- und
Feuchtigkeitsregulator.
Der "Mur Végétal", der vertikale Garten, hat sich zu Blancs
Markenzeichen entwickelt. Seit seinen ersten Projekten auf der
Internationalen Gartenschau in Chaumont-sur-Loire (1994) und im Pariser
Luxushotel Pershing Hall (2001) hat er bereits Dutzende Wände in aller
Welt begrünt, darunter etwa die Fassade des Musée du Quai Branly von
Jean Nouvel (2006), die Caixa Forum in Madrid von Herzog & de Meuron
(2007), die Konzerthalle in Taipeh (2007) sowie das 2010 eröffnete Hotel
Sofitel in Wien. Doch wie viel von alledem ist ein ernsthafter Beitrag
zur Zukunft unserer Städte? Und wie viel ist nur Lifestyle und grüner
Glamour? Wojciech Czaja war zu Besuch in seinem Atelier in Ivry-sur-Seine.
Standard: Grüne Kleidung, grüne Haare und lange Fingernägel - Sie
schauen aus, als könnten Sie sich nicht entscheiden, ob Sie Fauna oder
Flora sein möchten.
Blanc: Fingernägel schneiden, das ist völlig unnatürlich. Wer von
unseren Vorfahren hat sich schon die Nägel geschnitten? Niemand!
Fingernägel braucht man, um sich zu kratzen und um in der Erde zu
bohren. Und was die grünen Haare betrifft: Die habe ich schon seit 1985.
Grün ist für mich Ausdruck von Natur, von Kraft, von Überlebensdrang,
von wachsender Freude. Grün ist die schönste Wellenlänge auf Erden.
Standard: Wurmt es Sie nicht, dass Sie Blanc heißen - und nicht Vert?
Blanc: Überhaupt nicht! Im Weiß sind bereits alle Farbtöne des ganzen
Farbspektrums vereint. Außerdem tröste ich mich mit der Tatsache, dass
ich in der Clinique des Fleurs ("Krankenhaus der Blumen") zur Welt
gekommen bin. Als hätte es die Hebamme geahnt!
Standard: Seit wann arbeiten Sie schon mit Pflanzen?
Blanc: Eigentlich schon immer. Als ich ein kleiner Bub war, habe ich ein
Aquarium gehabt. Ich war fasziniert von den bunten Fischen im Wasser.
Die Pflanzen waren zu Beginn nichts anderes als eine Notwendigkeit, um
ein gewisses Gleichgewicht im Ökosystem herzustellen. Erst nach und
nach habe ich gesehen, dass Pflanzen eine schöne und lebendige Materie
sind. Eines Tages war dann klar, dass ich Biologie studieren werde. Ich
habe mich dann auf tropische Botanik spezialisiert und habe während
meines Studiums viele Monate meines Lebens im Dschungel verbracht -
unter anderem in Malaysia, Thailand, Indonesien und Französisch-Guyana.
Standard: In Ihrem Brotberuf sind Sie Forscher und Botaniker. Wie sind
Sie zu Ihren Kunstprojekten gekommen?
Blanc: Meine ersten Arbeiten waren 1986 im Pariser Museum für
Wissenschaft, Technik und Industrie sowie 1994 auf der Internationalen
Gartenschau in Chaumont-sur-Loire. Doch der wirklich große Durchbruch
kam mit der begrünten Wand im Hotel Pershing Hall 2001. Ich kann mich
gut erinnern: Andrée Putman hat mich angerufen und gesagt: "Patrick, du
machst doch diese grünen Wände. Ich würde gerne mit dir
zusammenarbeiten." Aber als ich dann auf die Baustelle gekommen bin, war
ich total schockiert. Da ging es dann nicht mehr um Dimensionen von ein
paar Metern, sondern um eine 30 Meter hohe Feuermauer. Das war ein
großer Sprung in Richtung Architektur.
Standard: Auch in Wien haben Sie einen vertikalen Garten gepflanzt, und
zwar in Jean Nouvels neuem Hotel Sofitel. In den unteren Stockwerken
sieht der Garten in manchen Monaten allerdings dürftig aus. Ist es in
Wien zu dunkel und zu kalt?
Blanc: Zu dunkel und zu kalt? Das kann ich mir kaum vorstellen. Wenn die
Bewässerung und Beleuchtung funktionieren, dann sollte das Ökosystem
eigentlich intakt sein. Ich glaube, das muss ich mir genauer anschauen.
Danke für die Info.
Standard: Wie oft müssen die vertikalen Gärten gepflegt werden?
Blanc: Vielleicht drei, vier Mal im Jahr. Das reicht absolut. Ich habe
allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Indoor-Gärten öfter und
intensiver gepflegt werden. Erstens sind da die optischen Ansprüche
höher und zweitens hat das mit den Hygiene-Vorschriften zu tun - etwa
wenn es sich um ein Restaurant oder um eine Bar handelt.
Standard: Und wie viel kostet so eine grüne Wand?
Blanc: Das hängt von der Pflanzenvielfalt und von den Gegeben- heiten
vor Ort ab. Aber in Summe kann man mit 400 bis 700 Euro pro Quadratmeter
rechnen. Bei den meisten Projekten bewegen sich die Kosten bei 500 Euro
pro Quadratmeter.
Standard: Das ist viel Geld für ein Stückchen Garten!
Blanc: Das stimmt. Und hinzu kommen noch die 20 Prozent für mein
Honorar! Aber dafür hat ein vertikaler Garten gegenüber einer
horizontalen Fläche einige Vorteile. Erstens können Sie auf der gleichen
Fläche viel mehr Pflanzen unterkriegen. Zweitens ist die Methode sehr
platzsparend und somit auch für enge Grundstücke in der Innenstadt
geeignet. Und drittens geht es dabei um das Überraschungsmoment. Mit
einem Gärtchen auf der ebenen Fläche können Sie heute niemanden mehr
hinter dem Ofen hervorlocken. Bei einem vertikalen Garten aber schauen
die Leute auf, machen sich Gedanken über die ungewöhnliche Installation
und denken ein bisschen über die Natur nach.
Standard: Und was sind die ökologischen Vorteile?
Blanc: Im unmittelbaren Bereich eines Gartens gibt es natürlich ein viel
besseres Mikroklima. Die Luft wird gefiltert, Schimmelpilze und
Bakterien werden bekämpft, und die Luft riecht und schmeckt deutlich
frischer.
Standard: Und im städtischen Maßstab?
Blanc: Im größeren Maßstab hat ein einziger Garten keinerlei Auswirkung
auf das Klima. Es wäre schön, wenn ich das Gegenteil behaupten könnte.
Doch das wäre gelogen.
Standard: Worum geht es dann?
Blanc: Ich möchte gar nicht bestreiten, dass die vertikalen Gärten
einen gewissen Lifestyle-Faktor haben. Viele Privatbau-herren, Hotels
und Unternehmen schmücken sich mit so einem Projekt, aber das ist auch
gut so, denn auf diese Weise werden die Menschen angeregt und für diese
Thematik sensibilisiert. Wenn Sie so wollen: Es geht um Psychologie und
Soziologie.
Standard: In welche Richtung soll's gehen? Wie sieht die Stadt der
Zukunft in Ihren Augen aus?
Blanc: Als Kind habe ich gerne Comics gelesen. Mein Lieblingscomic war
Flash Gordon. Und dieser Flash Gordon ist immer durch futuristische,
grüne Städte gelaufen und geflogen. Genau das ist meine Vision. Und sie
ist gar nicht so abwegig. In Skandinavien und in Japan sind begrünte
Dachter-rassen bereits ein wichtiger Faktor und ein selbstverständlicher
Teil des Stadtbildes. Und in manchen Städten wird bereits emsig Urban
Gardening betrieben. Berlin ist so ein Beispiel. Die Stadt ist
flächenmäßig sehr groß und bietet genügend Platz für kleine Parkanlagen
und Nachbarschaftsgärten. Auch in Hamburg funktioniert das sehr gut. Und
sogar im dicht bebauten Manhattan gibt es eine ganze Menge an kleinen
grünen Parzellen, auf denen die Bewohner Obst und Gemüse anbauen und
sich für eine Stunde auf die Parkbank setzen, ins Grüne schauen oder ein
Buch lesen. Ich finde das toll.
Standard: Paris hat vor, von 2012 bis 2016 den Eiffelturm zu begrünen.
Was halten Sie davon?
Blanc: Da bin ich ziemlich voreingenommen. Ich wurde damals um meine
Expertise zu diesem Projekt gebeten.
Standard: Und? Was haben Sie gesagt?
Blanc: Ich habe den Leuten gesagt: Das ist ein riesengroßer Blödsinn! Da
mache ich nicht mit.
Standard: Warum nicht?
Blanc: Der Pariser Eiffelturm ist ein schlichtes und elegantes
Ingenieursbauwerk. Und es ist zu einem wichtigen Symbol für diese Stadt
geworden. Reicht das nicht schon? Außerdem steht das Projekt in keiner
Relation zu seinem Nutzen. Wenn man schon einen Beitrag zum Klimaschutz
leisten will, denn das ist die Grundintention dieses Projekts, dann kann
man 72 Millionen Euro auch sinnvoller investieren.
Standard: Dann schlagen Sie mal vor!
Blanc: Grünes Leben kann überall sein. Mehr als die Hälfte der
Bevölkerung lebt heute bereits in Städten. Natürlich sehnt man sich in
der Freizeit nach Grün, nach ein bisschen frischer Luft, nach einer
ruhigen Stunde mit Vogelgezwitscher. Doch wenn alle Menschen, die diese
Sehnsucht befriedigen wollen, am Abend oder am Wochenende ins Auto
steigen und aus der Stadt rausfahren, dann führt das alle ökologischen
Bemühungen, die wir bisher unternommen haben, ad absurdum. Das kann
unmöglich die Zukunft unserer Städte sein. Wir müssen in klei-neren
Maßstäben denken. Wir müssen den Menschen in der Stadt rund um ihre
Wohn- und Arbeitsstätte ein gewisses natürliches Umfeld bieten. Das
kann ein Mur Végétal sein, das kann eine kleine begrünte Restparzelle
sein, das kann Urban Gardening mit Tomaten- und Kartoffelfeldern sein.
Ich bin davon überzeugt, dass solche grünen Impulse das Leben in der
Stadt nachhaltig verändern können. Und zwar nicht, weil sie per se grün
sind, sondern weil sie Alternativen bieten und dazu beitragen, die
Prinzipien urbanen Lebens zu überdenken. Es ist höchste Zeit.
(Wojciech Czaja / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)