Hildy wartet im Hotel Orient

3. Februar 2012, 19:03
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Wünschen die Herrschaften vielleicht Champagner?, gurrt der Portier und deutet auf eine Witwe Clicquot. Aus dem neuen Roman von Franzobel

Ich gönne mir nichts, ich bin auf der Flucht. Gelandet in einem kleinen, nach Desinfektionsmittel riechenden Zimmer. Rosa geblümte Decke, fadenscheinige Lampenschirme und ein weinrotes Doppelbett mit Spannbezügen. Da sitze ich in diesem Zimmer, das mich an die Schlafkammer der Großmutter erinnert: Rosa Vorhänge, blutroter Teppichboden, geblümte Tapete, zerschlissener Fauteuil - wie bei Oma, nur die Blumentöpfe und der Nippes fehlen. Keine Schälchen aus Orangenhaut und keine Schächtelchen mit Muscheln oder Schneckengehäusen. Keine Schnupftabak- döschen, keine Stalin-Bilder und auch keine Kanister mit Frittieröl.

Da sitze ich, nachdem ich alles nur denkbare Unheil überstanden habe, im Hotel Orient und überlege, wie viele Menschen hier gestorben sind, wie viele man mit stehen gebliebenem Herzen oder Gehirnschlag von hier fortschaffen musste. Das Orient ist eine Bleibe für gewisse Stunden, ein Stundenhotel, wo man sich etwas gönnt, wo einem Zeit gestundet wird, dem geschundenen Alltag zu entfliehen, ein Love-Hotel.

Wie viele Hektoliter Sperma hier vergossen worden sind? Wie viele Kinder hier gezeugt, wie viele Aidsansteckungen, Tripperübertragungen, Pilzvermehrungen, Rollenspiele, Herzinfarkte? Ich denke an den für sein soziales Engagement bekannten Politiker, den man hier nackt und tot mit einer Zitrone im Mund und einem gefrorenen Fisch im Arsch gefunden hat, was damals ein Skandal gewesen ist. Ich sehe helle Verkrustungen im Bettbezug und Kratzspuren im roten Samt, die wahrscheinlich von lackierten Fingernägeln stammen, das Nachtkästchen mit der Blümchenmusterzierdecke, das mausgraue Telefon mit zugeklebter vanilleweißer Wählscheibe, mit dem man nur den Portier anrufen kann.

Dieser Portier, ein Nordfriese, der mit seinen roten Hängebacken aussieht wie ein Truthahn, war keineswegs erstaunt, dass ich allein das dunkle Foyer des Orient betrat und ihn in seiner kleinen Kammer inmitten seiner Zimmerschlüssel, Monitore von Überwachungskameras und Essensreste fand. Eine Glasschale mit Mentholzuckerln für die Gäste.

"Ferde oder Flanzen?", hat er mich gefragt. Wahrscheinlich eine Anspielung auf die Bilder über dem Bett. Jedenfalls hängt in meinem Zimmer ein Bild mit fetten Blumen, Pfingstrosen oder etwas in der Art. Ferde oder Flanzen? Ob alle Wörter, die mit F beginnen, früher ein Pf hatten? Hieß es einmal Pfrösche, Pfuß und Pflasche? Pfritz und Pfranz? Und wie ist das mit Pvögeln? Pficken? Pfeiertag?

"Kommen Sie vom Fluchhafen?", wollte der Portier wissen. Ein dicker Mensch mit langem Hals, aus dem ein kleiner Kopf mit einfältigem Gesicht ragte, spitze Nase, das Kinn eine einzige schwabbelige Hautfalte, fettes Haar.

Fluchhafen? Norddeutsche gehen ja auch in die Kirsche und sagen Schemie, Schina und Tschournal. Dufte und: Der Könich hat's lustich, wenn er Honich isst. Ja, vom Fluchhafen komme ich tatsächlich, von einem verfluchten Ort, einem Ausflug zum Siebten Kontinent, aber wie soll der friesische Zerberus-Puter das wissen. Keine Regung hatte er gezeigt, als ich ihm sagte, dass er, wenn eine Frau käme und nach einem Herrn Tosca fragte, sie auf mein Zimmer schicken solle.

"Wünschen die Herrschaften Champagner?", hat er gegurrt und auf eine Witwe Clicquot im Silberkübel gedeutet.

 "Später", habe ich abgewunken, das Zimmer bezahlt und an die Erwartete gedacht. Sollte ich sie tatsächlich treffen? Wäre es nicht besser gewesen, auf unzurechnungsfähig zu machen? Ich hätte in den nächsten Supermarkt laufen, mich entkleiden, alles aus den Regalen räumen und dabei Alle Vögel sind schon da, Amsel, Drossel, Fink und Star singen können.

Nein! Jetzt, nachdem ich alles überstanden habe und mit Fug und Recht behaupten kann, dass ich mich bei allem Pech, das mir in den letzten Tagen widerfahren ist, doch als Glückspilz fühlen darf, sitze ich in diesem Zimmer, Hotel Orient, Wien, Tiefer Graben 30-32, in berechtigter Erwartung einer attraktiven Frau. Draußen bläst kräftiger Wind, die Luft ist frisch und würzig. Dunkle, angefaulte Wolken liegen in der Himmelsschüssel. Es regnet. Fette Tropfen zerschlagen sich am Fensterbrett, spritzen ins Zimmer. Beim Schließen des Fensters sehe ich Fuck an der gegenüberliegenden Hauswand stehen, als bedürfte es in einem Stundenhotel dieser Aufforderung. Fuck? Ja, eh. Aber mit wem? Mit der Lady, die zu Herrn Tosca kommt? Oder mit der Hauswand? Ich sein eine Abdullah steht daneben, darunter: Du Arschloch wegen das liest! Ich mach dich Messer. Ein gesichtsloses Bürogebäude. Ich fühle Blicke, sehe Menschen an den Fenstern, Bürohengste, Schreibstuten und kaufmännische Fohlen, der reinste Pferdestall. Krähen fliegen vorbei, sehen mit ihren Knopfaugen in meine Richtung. Schnell ziehe ich die Vorhänge vor. Man weiß ja nie. Eine Kirchenglocke schlägt, einmal, zweimal. Den ganzen Weg von der Straßenbahn-Haltestelle bei der Börse bis hierher hatte ich Angst, jemandem zu begegnen, Angst, erkannt zu werden, beobachtet. Was, wenn ein Bekannter vor dem Eingang stand? Ein Nachbar? Schulfreund? Wie reagieren, wenn mir im Treppenhaus jemand entgegenkam? Was für eine verfängliche Komplizenschaft des Verbotenen wäre das? Du? Hier? Oder wie wäre die Anwesenheit in einem Stundenhotel vernünftig zu erklären?

Sicher, Mama, brennst du darauf zu erfahren, wie dein Hildy dazu kommt, als Herr Tosca in einem Stundenhotel zu sitzen. Sicher willst du wissen, wie dein Hildy, gezeugt auf der Ofenbank unserer Gastwirtschaft in Sumpfing, auf die Welt gekommen an einem 29. Februar, angeblich mit dem Steiß voran und einem lauten Furz, in einer Skikammer zwischen schweißstinkenden Skischuhen, nässenden Skihosen, Skistöcken, Skiwachs und braunen Schneepfützen, unter Bildern von Karl Schranz, Toni Sailer, Annemarie Moser-Pröll und anderen Skifahrern, verantwortlich dafür, dass du meinen Erzeuger, den daueralkoholisierten Melchior Kilgus, heiraten musstest, wie dein Hildy, ein verschlossenes, schüchternes, aber durch und durch normales Kind, dazu kommen konnte, die Sprache der Vögel zu verstehen, und wie er dazu kommen konnte, der Besessenheit verdächtigt und exorziert zu werden, und warum er nun in einem verruchten Ort wie dem Hotel Orient sitzt, um Hauptsache zu sein, auf eine Dame wartet, dabei zittert. Und warum er sich Herr Tosca nennt.

Tosca ist der Name eines Dämons, der Name eines bösen Geistes. Wie? An so was glaubst du nicht? Gerade du, Mama, der dir alle elektrischen Geräte kaputt wurden, wenn du sie nur berührtest, Autotüren aufsprangen, Kreditkarten nicht mehr funktionierten, ständig Glühbirnen ausbrannten, die du Träume von zukünftigen Ereignissen hattest, der dir Tote und Engel erschienen sind, du willst nicht an Dämonen glauben?

Also gut. Ich will beginnen. Das Geräusch, auf das ich schon immer ganz besonders reagierte, das Geräusch, das mich seit jeher zur Verzweiflung trieb, mich anspornte, lockte, jenes Geräusch also, dem ich seit jeher hinterher hechelte wie ein Esel der Karotte, schleicht sich an, klopft einem aber keine Hand auf den Hintern und greift einem auch nicht zwischen die Beine, um dann zuzupacken, sondern übertölpelt einen. Es ist ein leises Quietschen, als würde man einen Kasten rücken. Dieses Geräusch nimmt einen völlig in Beschlag, lässt einen nicht mehr los, frisst sich ins Hirn, höhlt einen aus wie ein Termitenvolk, bis man zusammenbricht, raubt einem den Schlaf, bis man kapituliert. Ein tropfender Wasserhahn?

Nein, es ist lauter, heftiger, schlägt Wellen und durchflutet alles, reißt dann aber unvermittelt ab, versiegt. Um sofort, sobald man glaubt, der Damm wäre geschlossen, seine Schleusen wieder aufzutun, einen von neuem zu durchfluten. Ein bellender Hund? Krähender Hahn? Ein geprügelter Demonstrant? Nein. Es ist das, was eine Mutter niemals macht, nicht einmal, wenn sie in den Wehen liegt, es ist ein Geräusch, von dem eine Dame nichts hören will - selbst dann, wenn sie es zum Hausgebrauch selber fabriziert. Es ist eine in die Welt gebrüllte gottlose Intimität. Nein, kein Spukgeräusch und auch kein Geisterschrei, kein Scharren an den Wänden, sondern Stöhnen, Ächzen, wahrhaft dämonisches Gebrüll, getarnt als sich windendes weibliches Kopulationsgeräusch, als Orgasmusschrei! Jawohl, das ist es, ein Ja-jawohl-bitte-gib's-mir-ja-ich-komme-Brüllen.

Da der moderne Mensch keine natürlichen Feinde mehr hat und geschützt hinter dicken Mauern lebt, kann er es sich leisten, seine Wollust derart in die Welt hinauszuschreien. Diese wahnsinnigen, alles durchdringenden, abgehackten Stöhnschreie, bei denen die Seele wie in einem hohen Turm die Wendeltreppe des Körpers raufrennt, sich oben aus dem Fenster eines Mundes beugt, der Welt die Zunge zeigt, auf der sie liegt, damit sich eine neue Dimension des Daseins auftut, sich alles Leben durch die Kehle presst, herausdrängt und in einem Mark und Bein erschütternden Gebrüll entlädt - diese wahnwitzigen Orgasmusschreie also haben mich ruiniert, weil es die Wehklagen von verlorenen Seelen, ja, von Teufeln sind, weil ich in ihnen die Erklärung für den Urknall sah, den Anfang aller Zeit, die Heilung für meine Gefühlskälte.  (Franzobel  / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

Vorabdruck aus Franzobels neuem Roman "Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind", der am 27. Februar bei Zsolnay erscheint.

  • Franzobel, in berechtigter Erwartung.
    foto: zsolnay

    Franzobel, in berechtigter Erwartung.

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