Wünschen die Herrschaften vielleicht Champagner?, gurrt der Portier und deutet auf eine Witwe Clicquot. Aus dem neuen Roman von Franzobel
Ich gönne mir nichts, ich bin auf der Flucht. Gelandet in einem kleinen,
nach Desinfektionsmittel riechenden Zimmer. Rosa geblümte Decke,
fadenscheinige Lampenschirme und ein weinrotes Doppelbett mit
Spannbezügen. Da sitze ich in diesem Zimmer, das mich an die
Schlafkammer der Großmutter erinnert: Rosa Vorhänge, blutroter
Teppichboden, geblümte Tapete, zerschlissener Fauteuil - wie bei Oma,
nur die Blumentöpfe und der Nippes fehlen. Keine Schälchen aus
Orangenhaut und keine Schächtelchen mit Muscheln oder Schneckengehäusen.
Keine Schnupftabak- döschen, keine Stalin-Bilder und auch keine Kanister
mit Frittieröl.
Da sitze ich, nachdem ich alles nur denkbare Unheil überstanden habe, im
Hotel Orient und überlege, wie viele Menschen hier gestorben sind, wie
viele man mit stehen gebliebenem Herzen oder Gehirnschlag von hier
fortschaffen musste. Das Orient ist eine Bleibe für gewisse Stunden, ein
Stundenhotel, wo man sich etwas gönnt, wo einem Zeit gestundet wird, dem
geschundenen Alltag zu entfliehen, ein Love-Hotel.
Wie viele Hektoliter Sperma hier vergossen worden sind? Wie viele Kinder
hier gezeugt, wie viele Aidsansteckungen, Tripperübertragungen,
Pilzvermehrungen, Rollenspiele, Herzinfarkte? Ich denke an den für sein
soziales Engagement bekannten Politiker, den man hier nackt und tot mit
einer Zitrone im Mund und einem gefrorenen Fisch im Arsch gefunden hat,
was damals ein Skandal gewesen ist. Ich sehe helle Verkrustungen im
Bettbezug und Kratzspuren im roten Samt, die wahrscheinlich von
lackierten Fingernägeln stammen, das Nachtkästchen mit der
Blümchenmusterzierdecke, das mausgraue Telefon mit zugeklebter
vanilleweißer Wählscheibe, mit dem man nur den Portier anrufen kann.
Dieser Portier, ein Nordfriese, der mit seinen roten Hängebacken
aussieht wie ein Truthahn, war keineswegs erstaunt, dass ich allein das
dunkle Foyer des Orient betrat und ihn in seiner kleinen Kammer inmitten
seiner Zimmerschlüssel, Monitore von Überwachungskameras und Essensreste
fand. Eine Glasschale mit Mentholzuckerln für die Gäste.
"Ferde oder Flanzen?", hat er mich gefragt. Wahrscheinlich eine
Anspielung auf die Bilder über dem Bett. Jedenfalls hängt in meinem
Zimmer ein Bild mit fetten Blumen, Pfingstrosen oder etwas in der Art.
Ferde oder Flanzen? Ob alle Wörter, die mit F beginnen, früher ein Pf
hatten? Hieß es einmal Pfrösche, Pfuß und Pflasche? Pfritz und Pfranz?
Und wie ist das mit Pvögeln? Pficken? Pfeiertag?
"Kommen Sie vom Fluchhafen?", wollte der Portier wissen. Ein dicker
Mensch mit langem Hals, aus dem ein kleiner Kopf mit einfältigem Gesicht
ragte, spitze Nase, das Kinn eine einzige schwabbelige Hautfalte, fettes
Haar.
Fluchhafen? Norddeutsche gehen ja auch in die Kirsche und sagen
Schemie, Schina und Tschournal. Dufte und: Der Könich hat's lustich,
wenn er Honich isst. Ja, vom Fluchhafen komme ich tatsächlich, von einem
verfluchten Ort, einem Ausflug zum Siebten Kontinent, aber wie soll der
friesische Zerberus-Puter das wissen. Keine Regung hatte er gezeigt,
als ich ihm sagte, dass er, wenn eine Frau käme und nach einem Herrn
Tosca fragte, sie auf mein Zimmer schicken solle.
"Wünschen die Herrschaften Champagner?", hat er gegurrt und auf eine
Witwe Clicquot im Silberkübel gedeutet.
"Später", habe ich abgewunken, das Zimmer bezahlt und an die Erwartete
gedacht. Sollte ich sie tatsächlich treffen? Wäre es nicht besser
gewesen, auf unzurechnungsfähig zu machen? Ich hätte in den nächsten
Supermarkt laufen, mich entkleiden, alles aus den Regalen räumen und
dabei Alle Vögel sind schon da, Amsel, Drossel, Fink und Star singen
können.
Nein! Jetzt, nachdem ich alles überstanden habe und mit Fug und Recht
behaupten kann, dass ich mich bei allem Pech, das mir in den letzten
Tagen widerfahren ist, doch als Glückspilz fühlen darf, sitze ich in
diesem Zimmer, Hotel Orient, Wien, Tiefer Graben 30-32, in
berechtigter Erwartung einer attraktiven Frau. Draußen bläst kräftiger
Wind, die Luft ist frisch und würzig. Dunkle, angefaulte Wolken liegen
in der Himmelsschüssel. Es regnet. Fette Tropfen zerschlagen sich am
Fensterbrett, spritzen ins Zimmer. Beim Schließen des Fensters sehe ich
Fuck an der gegenüberliegenden Hauswand stehen, als bedürfte es in einem
Stundenhotel dieser Aufforderung. Fuck? Ja, eh. Aber mit wem? Mit der
Lady, die zu Herrn Tosca kommt? Oder mit der Hauswand? Ich sein eine
Abdullah steht daneben, darunter: Du Arschloch wegen das liest! Ich mach
dich Messer. Ein gesichtsloses Bürogebäude. Ich fühle Blicke, sehe
Menschen an den Fenstern, Bürohengste, Schreibstuten und kaufmännische
Fohlen, der reinste Pferdestall. Krähen fliegen vorbei, sehen mit ihren
Knopfaugen in meine Richtung. Schnell ziehe ich die Vorhänge vor. Man
weiß ja nie. Eine Kirchenglocke schlägt, einmal, zweimal. Den ganzen Weg
von der Straßenbahn-Haltestelle bei der Börse bis hierher hatte ich
Angst, jemandem zu begegnen, Angst, erkannt zu werden, beobachtet. Was,
wenn ein Bekannter vor dem Eingang stand? Ein Nachbar? Schulfreund? Wie
reagieren, wenn mir im Treppenhaus jemand entgegenkam? Was für eine
verfängliche Komplizenschaft des Verbotenen wäre das? Du? Hier? Oder wie
wäre die Anwesenheit in einem Stundenhotel vernünftig zu erklären?
Sicher, Mama, brennst du darauf zu erfahren, wie dein Hildy dazu kommt,
als Herr Tosca in einem Stundenhotel zu sitzen. Sicher willst du
wissen, wie dein Hildy, gezeugt auf der Ofenbank unserer Gastwirtschaft
in Sumpfing, auf die Welt gekommen an einem 29. Februar, angeblich mit
dem Steiß voran und einem lauten Furz, in einer Skikammer zwischen
schweißstinkenden Skischuhen, nässenden Skihosen, Skistöcken, Skiwachs
und braunen Schneepfützen, unter Bildern von Karl Schranz, Toni Sailer,
Annemarie Moser-Pröll und anderen Skifahrern, verantwortlich dafür, dass
du meinen Erzeuger, den daueralkoholisierten Melchior Kilgus, heiraten
musstest, wie dein Hildy, ein verschlossenes, schüchternes, aber durch
und durch normales Kind, dazu kommen konnte, die Sprache der Vögel zu
verstehen, und wie er dazu kommen konnte, der Besessenheit verdächtigt
und exorziert zu werden, und warum er nun in einem verruchten Ort wie
dem Hotel Orient sitzt, um Hauptsache zu sein, auf eine Dame wartet,
dabei zittert. Und warum er sich Herr Tosca nennt.
Tosca ist der Name eines Dämons, der Name eines bösen Geistes. Wie? An
so was glaubst du nicht? Gerade du, Mama, der dir alle elektrischen
Geräte kaputt wurden, wenn du sie nur berührtest, Autotüren aufsprangen,
Kreditkarten nicht mehr funktionierten, ständig Glühbirnen ausbrannten,
die du Träume von zukünftigen Ereignissen hattest, der dir Tote und
Engel erschienen sind, du willst nicht an Dämonen glauben?
Also gut. Ich will beginnen. Das Geräusch, auf das ich schon immer ganz
besonders reagierte, das Geräusch, das mich seit jeher zur Verzweiflung
trieb, mich anspornte, lockte, jenes Geräusch also, dem ich seit jeher
hinterher hechelte wie ein Esel der Karotte, schleicht sich an, klopft
einem aber keine Hand auf den Hintern und greift einem auch nicht
zwischen die Beine, um dann zuzupacken, sondern übertölpelt einen. Es
ist ein leises Quietschen, als würde man einen Kasten rücken. Dieses
Geräusch nimmt einen völlig in Beschlag, lässt einen nicht mehr los,
frisst sich ins Hirn, höhlt einen aus wie ein Termitenvolk, bis man
zusammenbricht, raubt einem den Schlaf, bis man kapituliert. Ein
tropfender Wasserhahn?
Nein, es ist lauter, heftiger, schlägt Wellen und durchflutet alles,
reißt dann aber unvermittelt ab, versiegt. Um sofort, sobald man glaubt,
der Damm wäre geschlossen, seine Schleusen wieder aufzutun, einen von
neuem zu durchfluten. Ein bellender Hund? Krähender Hahn? Ein
geprügelter Demonstrant? Nein. Es ist das, was eine Mutter niemals
macht, nicht einmal, wenn sie in den Wehen liegt, es ist ein Geräusch,
von dem eine Dame nichts hören will - selbst dann, wenn sie es zum
Hausgebrauch selber fabriziert. Es ist eine in die Welt gebrüllte
gottlose Intimität. Nein, kein Spukgeräusch und auch kein Geisterschrei,
kein Scharren an den Wänden, sondern Stöhnen, Ächzen, wahrhaft
dämonisches Gebrüll, getarnt als sich windendes weibliches
Kopulationsgeräusch, als Orgasmusschrei! Jawohl, das ist es, ein
Ja-jawohl-bitte-gib's-mir-ja-ich-komme-Brüllen.
Da der moderne Mensch keine natürlichen Feinde mehr hat und geschützt
hinter dicken Mauern lebt, kann er es sich leisten, seine Wollust derart
in die Welt hinauszuschreien. Diese wahnsinnigen, alles durchdringenden,
abgehackten Stöhnschreie, bei denen die Seele wie in einem hohen Turm
die Wendeltreppe des Körpers raufrennt, sich oben aus dem Fenster eines
Mundes beugt, der Welt die Zunge zeigt, auf der sie liegt, damit sich
eine neue Dimension des Daseins auftut, sich alles Leben durch die Kehle
presst, herausdrängt und in einem Mark und Bein erschütternden Gebrüll
entlädt - diese wahnwitzigen Orgasmusschreie also haben mich ruiniert,
weil es die Wehklagen von verlorenen Seelen, ja, von Teufeln sind, weil
ich in ihnen die Erklärung für den Urknall sah, den Anfang aller Zeit,
die Heilung für meine Gefühlskälte. (Franzobel / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)
Vorabdruck aus Franzobels neuem Roman "Was die Männer so treiben, wenn
die Frauen im Badezimmer sind", der am 27. Februar bei Zsolnay
erscheint.