Versagende Stimme der Wirtschaft

Kolumne3. Februar 2012, 17:08
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Der Klartext als Rohrkrepierer

Divjak: Begonnen hat es mit dem fröhlichen sprechenden Fernseher, der uns im Fernsehen zum Gebührenzahlen ermahnte. Dann kam der Geist des "Hausverstands" in der Werbung über uns, getarnt in seinem illustren Rollkragenpullover. Und jetzt auch noch dieses Phantom "Klartext": "Hallo, mein Name ist Klartext. Sie kennen mich nicht. Noch nicht. Ich bin die Stimme der Wirtschaft ..."

Initiiert von den österreichischen Wirtschaftskammern, klagt ein sonorer, werbebekannter Sprecher in dem Radiospot über den - akustisch mit Nachhall verdeutlichten - Schuldenberg, auf dem wir alle sitzen. Er kündigt an, sich nun öfter zu Wort zu melden. Un-be-dingt!

Herr Klartext möchte gerne Stimmung für "kluges Sparen" machen und schlägt "einen anderen Weg" vor: Er regt - schwer originell - an, die öffentlichen Ausgaben um fünf Prozent zu senken. Allein, das scheint die, um die es geht, die Konsumenten respektive Steuerzahler nämlich, so gar nicht interessiert zu haben: Sie wollten ihn gar nicht erst näher kennenlernen. Zumindest ist einem die Info-Kampagne "Schuldenberg" nicht mehr wieder untergekommen. Und auf Youtube verzeichnet der Jingle bis dato gerade einmal 233 heiße Klicks. - Da kann man schon vermuten: Der Klartext ist vor allem ein klarer Rohrkrepierer.

Edlinger: Ich glaube, "sparen" hat gute Chancen auf das Unwort 2012. In Griechenland sowieso, aber auch in Resteuropa hält man die ewige Leier nach schwäbischer Hausfrauenart immer weniger aus.

Der eingebaute Alarmismus in der Stimme der Säckelwarte über den Finanzkollaps morgen bis spätestens übermorgen will auch nicht mehr so recht einschlagen, und selbst die in den letzten Monaten von hysterischen Anfällen geplagten Börsen geben sich erstaunlich abgeklärt, wenn sich das nächste Triple-A aus Europa davonstiehlt.

Die Massen hingegen haben ihre Verluste noch nicht "eingepreist". Sie kennen fette Boni nur aus den Nachrichten und sehen jetzt - von Spanien bis Griechenland - nicht mehr brav ein, dass am Ende ohnehin immer nur sie für das ganze Schlamassel brennen sollen.

Dazu kommen auch noch verschiedene nationale Interessen. Dass von der deutschen Sparwut und Inflationspanik vor allem die Deutschen und nicht Europa als Ganzes profitiert, spricht sich langsam auch in einem Land mit Deutschlandkomplex herum, in dem schnaubende Rauchersheriffs das perfekte Bild für jenen Kult der maßlosen Mäßigung abgeben, aus dem so viele ihre Lust schöpfen. Und vielleicht, Mister Klartext, ist es mal an der Zeit darauf hinzuweisen, dass man Volkswirtschaften auch kaputtsparen kann - sagt das gar nicht "gesunde" Volksempfinden. (Thomas Edlinger & Paul Divjak / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)

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