Der Klartext als Rohrkrepierer
Divjak: Begonnen hat es mit dem fröhlichen sprechenden Fernseher, der
uns im Fernsehen zum Gebührenzahlen ermahnte. Dann kam der Geist des
"Hausverstands" in der Werbung über uns, getarnt in seinem illustren
Rollkragenpullover. Und jetzt auch noch dieses Phantom "Klartext":
"Hallo, mein Name ist Klartext. Sie kennen mich nicht. Noch nicht. Ich
bin die Stimme der Wirtschaft ..."
Initiiert von den österreichischen Wirtschaftskammern, klagt ein
sonorer, werbebekannter Sprecher in dem Radiospot über den - akustisch
mit Nachhall verdeutlichten - Schuldenberg, auf dem wir alle sitzen. Er
kündigt an, sich nun öfter zu Wort zu melden. Un-be-dingt!
Herr Klartext möchte gerne Stimmung für "kluges Sparen" machen und
schlägt "einen anderen Weg" vor: Er regt - schwer originell - an, die
öffentlichen Ausgaben um fünf Prozent zu senken. Allein, das scheint
die, um die es geht, die Konsumenten respektive Steuerzahler nämlich, so
gar nicht interessiert zu haben: Sie wollten ihn gar nicht erst näher
kennenlernen. Zumindest ist einem die Info-Kampagne "Schuldenberg" nicht
mehr wieder untergekommen. Und auf Youtube verzeichnet der Jingle bis
dato gerade einmal 233 heiße Klicks. - Da kann man schon vermuten: Der
Klartext ist vor allem ein klarer Rohrkrepierer.
Edlinger: Ich glaube, "sparen" hat gute Chancen auf das Unwort 2012. In
Griechenland sowieso, aber auch in Resteuropa hält man die ewige Leier
nach schwäbischer Hausfrauenart immer weniger aus.
Der eingebaute Alarmismus in der Stimme der Säckelwarte über den
Finanzkollaps morgen bis spätestens übermorgen will auch nicht mehr so
recht einschlagen, und selbst die in den letzten Monaten von
hysterischen Anfällen geplagten Börsen geben sich erstaunlich abgeklärt,
wenn sich das nächste Triple-A aus Europa davonstiehlt.
Die Massen hingegen haben ihre Verluste noch nicht "eingepreist". Sie
kennen fette Boni nur aus den Nachrichten und sehen jetzt - von Spanien
bis Griechenland - nicht mehr brav ein, dass am Ende ohnehin immer nur
sie für das ganze Schlamassel brennen sollen.
Dazu kommen auch noch verschiedene nationale Interessen. Dass von der
deutschen Sparwut und Inflationspanik vor allem die Deutschen und nicht
Europa als Ganzes profitiert, spricht sich langsam auch in einem Land
mit Deutschlandkomplex herum, in dem schnaubende Rauchersheriffs das
perfekte Bild für jenen Kult der maßlosen Mäßigung abgeben, aus dem so
viele ihre Lust schöpfen. Und vielleicht, Mister Klartext, ist es mal an
der Zeit darauf hinzuweisen, dass man Volkswirtschaften auch
kaputtsparen kann - sagt das gar nicht "gesunde" Volksempfinden. (Thomas Edlinger & Paul Divjak / DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2012)