Bei Minusgraden im Wald nach Vermissten suchen: Die Mitglieder der Rettungshundebrigade sind ehrenamtlich unterwegs
"Jeder Einsatz ist anders. Aber bei einer Sache kann man sich sicher
sein: Das Wetter ist immer schlecht", sagt Michael Jarolik von der Rettungshundebrigade (ÖRHB). Schummriges Licht von einer Bahnüberführung fällt auf die gefrorene Wiese in der Winkeläckerstraße in Wien-Floridsdorf. Ab und zu donnert ein Zug vorbei, sonst sind nur das Bellen der Hunde und die Kommandos ihrer Trainer zu hören. Bei Minus 14 Grad sind an diesem eisigen Abend Anfang Februar nur noch die ÖRHB-Mitglieder mit ihren Vierbeinern unterwegs. Die übrigen Bewohner des 21. Wiener Gemeindebezirks verbarrikadieren sich in ihren warmen Häusern vor dem Wintereinbruch.
"Die Hunde müssen es gewohnt sein, bei jeder Witterungslage ihre Arbeit zu leisten", berichtet Lukas Plattner und tätschelt seiner Golden-Retriever-Hündin den Kopf. Die achtjährige Isis war viele Jahre als Rettungshund im Einsatz, musste aber vor kurzem gesundheitsbedingt in Frühpension. Bei Einsätzen mit Isis gab es neben schwierigen Momenten auch viele schöne Erlebnisse, meint ihr Herrl. Zum Beispiel, als sie nach kurzer Zeit eine ältere Dame fanden, die nur sehr dünn bekleidet in der Nacht unterwegs war: "Es hatte um die null Grad. Zum Glück fanden wir sie so schnell. Sie war zwar wohlauf, aber bereits völlig durchnässt."
Zeitintensives Ehrenamt
Der Hundeführer erzählt von seiner Motivation, mit dieser ehrenamtlichen Tätigkeit anzufangen: "Ich wollte meinen Hund beschäftigen und das mit etwas Sinnvollem verbinden." Das Engagement ist zeitintensiv und oft auch belastend, denn es gibt unterschiedliche Gründe, wieso Menschen vermisst werden, berichtet er: "Es sind verletzte Menschen dabei, die nach einem Autounfall im Schock in den Wald laufen, verirrte Kinder, oft auch ältere Menschen oder leider auch Suizidgefährdete." Die Suche in Trümmern komme aber in dem Einsatzgebiet selten vor, das letzte Mal nach einer Gasexplosion in St. Pölten. Die Mitglieder haben eine Schulung in Erster Hilfe, nach einem Personenfund wird sofort die Rettung alarmiert.
Der Weg zum Rettungshund
Die Ausbildung der Spürnasen dauert
rund zwei Jahre, dann dürfen sie gemeinsam mit ihren Herrchen oder
Frauchen eine Prüfung ablegen, die nach internationalen Richtlinien erfolgt.
Gelernt wird ausschließlich über positive
Motivation: Das bedeutet, dass der Spiel- oder Futtertrieb genutzt
wird, um den Hunden das Anzeigen von vermissten Personen beizubringen.
Die Ausbildung für die Wiener Rettungshunde umfasst drei Bereiche:
Unterordnung, Gewandtheit und Suche. "Das Heranrufen muss natürlich
tadellos funktionieren. Doch wir fangen in der Ausbildung relativ bald
mit der Suche an", berichtet Plattner. Neben Flächensuche und
Fährtenlesen gibt es noch Ausbildungen in den Bereichen Trümmer-,
Lawinen- und Wasserrettung.
Auf die Hunderasse oder Größe kommt es nicht an, wie auch ein Blick
auf den Übungsplatz zeigt. An diesem Tag trainieren fast nur
Mischlingshunde. "Für die Suche im Wald oder bei einem Trümmereinsatz
sind alle Arten geeignet", sagt Plattner. Die Tiere dürfen nur nicht
aggressiv oder schreckhaft sein, da es vorkommen kann, dass sie etwa bei
der Trümmersuche neben einem Presslufthammer suchen. Die Hunde
müssen gegen Stress resistent sein und so gehorsam, dass sie sich bei
der Suche im Wald auch nicht von Wild ablenken lassen.
Doch Suchen ist nicht alles, was auf der Prüfungsliste steht.
Zusätzlich gilt es, Hindernisse wie Leitern und Wassergräben geschickt zu
bewältigen. Plattner zeigt die Übungsgeräte, die an diesem Abend eingefroren sind: Zum Üben wird zum Beispiel ein vier Meter langes Brett verwendet, das
auf zwei Fässern montiert wird. Die Konstruktion ist wackelig, was
für den Hund zunächst sehr ungewohnt und unangenehm ist. "Aber er muss lernen, darauf stehen
zu bleiben und nicht gleich weiterzulaufen. Das ist wichtig für die
Trümmersuche. Manchmal sind auch alte Brücken im Wald wackelig. Da muss
die Möglichkeit für den Hundeführer bestehen, sein Tier erst einmal
sichern zu können, bis er einschätzt, ob sich das Tier verletzen kann", sagt Plattner.
Alles liegen und stehen lassen für den Einsatz
Gehören Hund und Mensch schließlich zum Rettungsteam, müssen sie rund um die Uhr einsatzbereit sein. Die Retter - allein die Landesgruppe Niederösterreich und Wien zählt 151 Mitglieder - machen die Arbeit unbezahlt und ehrenamtlich, zusätzlich zu ihrer Lohnarbeit. "Für die meisten Chefs ist es kein Problem, wenn wir den Arbeitsplatz mitten am Tag für einen Einsatz verlassen müssen. Aber wir müssen natürlich die Stunden wieder einarbeiten", berichtet Plattner.
So wie an dem Tag Mitte Jänner, als er per SMS alarmiert wurde. Zuerst fuhr er kurz nach Hause, um den Hund und die Ausrüstung zu holen, dann ging es zum Einsatz. Eine an Alzheimer erkrankte, 80-Jährige war abgängig. "In den zwei Tagen, in denen wir nach ihr gesucht haben, hatten wir alle Witterungen dabei: Sonnenschein, Wind und schließlich einen heftigen Schneefall von 20 Zentimeter in kürzester Zeit." Gefunden haben sie die Vermisste nicht.
Nach einigen Tagen kam eine erleichternde Nachricht. Die Frau hatte es geschafft, ohne Zugticket bis nach Ungarn zu gelangen, wurde aber dort aufgegriffen und in ein Krankenhaus gebracht. "Ja, so etwas kommt vor, dass wir unnötig ausrücken. Aber die Freude überwiegt, wenn wir hören, dass es der Person gut geht", sagt Plattner. "Ich suche aber lieber bei Minusgraden im Wald, als bei 35 Grad vor der Bühne beim Donauinselfest zu stehen", sagt Michael Jarolik, denn diese Aufgabe gehört auch zum Leben eines Rettungshundeteams dazu.
Eignung des Menschen
Da es immer wieder auch zu menschlich schwierigen Situationen kommt, wird die Eignung des Halters ebenfalls unter die Lupe genommen. "Manche Interessenten fragen als Erstes, wann sie eine Uniform bekommen. Das ist eher ein Ausschlusskriterium", sagt Jarolik augenzwinkernd. Ernster fügt er hinzu: "Man muss bedenken, dass wir leider auch mit Toten konfrontiert sein können, daher muss auch der menschliche Teil des Teams belastbar sein."
Lukas Plattner berichtet, was für ihn bei Einsätzen am schwierigsten ist: "Wenn wir gar nichts finden." Denn für Angehörige sei der Tod natürlich ein Schock, meint er. "Aber in der Regel sind sie dankbar, dass die Ungewissheit ein Ende hat." (Julia Schilly, derStandard.at, 6.2.2012)
Weitere Informationen
Die Österreichische Rettungshundebrigade (ÖRHB) ist eine private Einsatzorganisation, die sich zur Aufgabe gemacht hat, unentgeltlich und unverzüglich vermisste Personen mit ihren Rettungshunden zu suchen. Sie wurde im Jahr 1966 in Korneuburg von Mitgliedern des SVÖ und Polizeibeamten gegründet. Die ÖRHB war die erste und ist heute noch die größte in ganz Österreich tätige Rettungshundeorganisation.
Notrufnummer für ganz Österreich: 0128898
Notrufnummer für Wien 0664/1519151
www.oerhb-wien.at
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