Farbtherapie: Pink macht mild statt wild

Schweizer Gefängnisleiter setzen immer häufiger auf pinkfarben gestrichene Zellen, um Stress und Aggressionen zu reduzieren

Zielstrebig schreitet Bruno Graber, ein kleiner Mann mit Schnurrbart, einen langen, betonfarbenen Korridor entlang. Links und rechts führen Stahltüren in Gefängniszellen. Fast 300 Häftlinge sitzen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg ein, etwa 30 Kilometer westlich von Zürich. Die meisten von ihnen sind Mörder oder Totschläger. Einer hat drei Frauen ermordet, ein anderer vier Kinder getötet. Ausgerechnet hier will Gefängnispsychologe Graber eine sanfte Methode testen: die Farbtherapie.

"So, da wären wir", sagt Graber, Leiter des Neubautrakts der JVA Lenzburg, und sperrt die Stahltür zu Zelle "A4" auf. Ein karg möblierter Raum. Damit sich die Häftlingen nichts antun können, sind Wasserhahn und Toilettenspülung in die Wand eingelassen, nirgendwo gibt es bewegliche Teile. Dennoch denkt man nicht an Knast, sondern an Prinzessin Lillifee: Denn vom Fußboden über Wände und Decke bis hin zum Sitzwürfel, dem Bett und der WC-Nische ist alles in Schweinchenrosa gehalten. "Nicht Rosa, sondern Pink", präzisiert Graber, "der Farbton soll den Häftlingen helfen, Aggressionen abzubauen."

Gefängnisdirektor Marcel Ruf, Grabers Chef, war anfangs gegen die rosa Zelle: "Jeden Blödsinn mach ich nicht mit!", polterte er. Doch Bruno Graber hatte gute Argumente. In anderen Schweizer Gefängnissen bewährte sich der Farbton bereits. Seine Wurzel hat der Pink-Boom in Pfäffikon bei Zürich: Im Hochsicherheitstrakt der dortigen Untersuchungshaftanstalt wurde vor vier Jahren eine erste Zelle in Cool Down Pink gestrichen, einem "Entspannungsrosa", das die Schweizer Farbpsychologin Daniela Späth entwickelt hat. Inzwischen gibt es in Pfäffikon bereits eine zweite pinkfarbene Zelle. "Alle beruhigen sich darin sehr schnell", sagt Gefängnisleiter René Meier. Manche Häftlinge würden anfangs zwar protestieren: "Ich bin doch nicht schwul!" Doch sie "kommen schnell runter", so Meier. In den rosa Zellen seien Wände und Boden niemals mit Kot beschmiert worden, was sonst häufig vorkomme. Und Aggressionen gegen Aufseher, wenn sie Häftlinge etwa zum Duschen abholten, seien bisher ausgeblieben. "Wir haben mit Pink gute Erfahrungen gemacht."

Auch in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf, im Kantonsgefängnis von Schaffhausen, in der Strafanstalt Wauwilermoos bei Luzern gibt es Arrestzelle in dieser Farbe. Die Polizei der Stadt Biel setzt auf Pink, ebenso wie die Kantonspolizei in Zürich, St. Gallen und Luzern. Und unlängst ließ die Gefängnisdirektorin der JVA Hagen im Ruhrgebiet ebenfalls eine erste Zelle in Cool Down Pink streichen: Der rosarote Kerker erobert Deutschland.

Dabei ist die wissenschaftliche Basis für die Wirksamkeit des Farbtons eher dünn: Eine Pilotstudie dazu hat die Zürcher Farbpsychologin Daniela Späth, die den Farbton Cool Down Pink entwickelt hat, in Zusammenarbeit mit der Forschungsabteilung des Paracelsus-Spitals in Richterswil selbst durchgeführt. Nicht in einem Gefängnis, sondern in einer Shopping-Mall, wo für Kunden neben andersfarbigen auch pinke Umkleidekabinen zur Auswahl standen. Am Experiment nahmen 730 Passanten teil. Späth befragte sie nach Vorlieben, maß Pulsfrequenz und Blutdruck. Für die pinkfarbene entschieden sich 193 Personen, bei ihnen sank der Blutdruck - ein Indikator für emotionale Beruhigung. Ein interessantes Ergebnis.

Grundlagen der Theorie

Die These, dass Pink nicht nur bei Einkaufsstress für Entspannung sorge, sondern auch Schwerverbrechern im Knast zu mehr Ausgeglichenheit verhelfe, hat sich Späth nicht aus den Fingern gesaugt: Im Jahr 1979 veröffentlichte der US-Psychologe Alexander G. Schauss, damals Direktor des American Institute for Biosocial Research in Tacoma, eine Forschungsarbeit zum Farbton Baker-Miller-Pink, eine etwas wärmere Variante von Rosa als das Cool Down Pink: In einer Zelle dieses Farbtons verloren Häftlinge bereits innerhalb von 15 Minuten ihr aggressives Verhalten, schreibt Schauss. Und auch nachdem sie in eine gewöhnliche Zelle verlegt wurden, blieben sie eine Weile lang deutlich friedfertiger.

Doch die Resultate des Forscherteams um Alexander G. Schauss sind nicht eindeutig: Denn als die Wissenschafter Zellen, in denen dutzende Häftlinge einsaßen, pinkfarben streichen ließen, beruhigten sich diese nicht etwa, sondern begannen, die Farbe mit den Fingernägeln von den Wänden zu kratzen. Ob den Männer der Farbton voreinander peinlich war?

"Gut möglich", sagt Späth. "Spätestens im Kindergarten lernt man ja leider, dass Rosa eine Mädchenfarbe sei." Sie hält das für fatal. Die kindliche Vorliebe für Rosa hat sie Ende der 90er-Jahre im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der International Colour Academy in Salzburg herausgearbeitet: In mehreren Testreihen konnte sie zeigen, dass Rosa bei Kindern bis zum Alter von drei Jahren (neben Rot und Violett) zu den drei Lieblingsfarben gehört: bei Mädchen und Buben. Ihre Erklärung dafür: Babys und Kleinkinder verfügen noch nicht über die Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung. Alle Reize gelangen ungefiltert in ihr Gehirn, was leicht zu Stress führe. Die Farbe Rosa helfe, Stress besser zu verkraften. "Pink ist Balsam für die Nerven", so die Farbpsychologin Späth.

Wieso zeigt Cool Down Pink in Schweizer Gefängnissen gute Ergebnisse, obwohl die meisten Männer als Kinder gelernt haben, Pink als "weibisch" zu empfinden? Späth lächelt. "Optische Reize werden vom Sehnerv erst einmal ins Zwischenhirn geleitet, das eine wichtige Rolle bei der Steuerung des Hormonhaushalts und der Emotionen spielt", sagt sie. Von dort aus gelangen sie erst nach einer Weile über die Sehrinde, wo eine erste bewusste Differenzierung der optischen Information findet, ins Großhirn: "Schon bevor man also überhaupt erkennt, welche Farbe man sieht - und was diese gesellschaftlich bedeutet -, werden im Zwischenhirn unbewusste körperliche Reaktionen ausgelöst: Was im Fall von Pink zu Entspannung führt." Dass die Farbe Pink kriminelle Energie zum Verschwinden bringe, glaubt selbst Späth nicht. "Wer aber Räumlichkeiten in Cool Down Pink streichen lässt, erhöht die Sicherheit im Justizvollzug."

Evidenz sammeln

Experimentalpsychologen von der Universität Basel wollen der Sache nun auf den Grund gehen: Im Rahmen einer umfangreichen Studie soll im Gefängnis von Regensdorf unter anderem geklärt werden, ob sich Häftlinge in pinkfarbenen Arrestzellen tatsächlich schneller beruhigen als in herkömmlichen grauen. Neben Blutdruck- und Pulsfrequenzmessungen werden die Forscher Abstriche der Wangenschleimhaut nehmen, über die sich der Adrenalingehalt im Blut ermitteln und so auf den emotionalen Erregungspegel schließen lässt.

Doch wissenschaftliche Basis hin oder her: Ständig springen mehr Entscheidungsträger auf den rosafarbenen Zug auf, nicht nur aus dem Justizvollzug: Psychiatrische Kliniken in der Schweiz und Luxemburg setzen auf Entspannungsräume in Pink, auch viele Schulen melden Interesse. Späth überrascht das nicht: "Farben sind der Fahrstuhl ins menschliche Unterbewusstsein", sagt sie, "und Cool Down Pink ist eine sanfte, kostengünstige Entspannungsmaßnahme - frei von Nebenwirkungen." (Till Hein, DER STANDARD Printausgabe, 06.02.2012)

  • Wie Farben wirken: Die Ergebnisse der Farbforschung werden in Schweizer Gefängnissen in die Praxis umgesetzt. In pinkfarbenen Zellen beruhigen sich aggressive Verbrecher besonders schnell.
    foto: apa/rudolf brandstaetter

    Wie Farben wirken: Die Ergebnisse der Farbforschung werden in Schweizer Gefängnissen in die Praxis umgesetzt. In pinkfarbenen Zellen beruhigen sich aggressive Verbrecher besonders schnell.

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