Die Putzfrau als Übersetzerin

Leserkommentar3. Februar 2012, 10:57
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Im AKH gibt es immer noch keinen eigenen Dolmetsch-Dienst. Welche Situationen sich daraus (auch) für das Ärzteteam ergeben können, zeigt der Erfahrungsbericht einer Logopädin

Vergangene Woche hat mich der STANDARD-Artikel zum Thema "Dolmetschen im AKH" sehr betroffen gemacht. Es hat sich anscheinend in den letzten 15 Jahren nichts oder nicht viel geändert. Durch ein fehlendes Dolmetsch-Team ergeben sich immer wieder Situationen wie beim "Stille-Post-Spiel", diese sind für Patienten und Ärzteteam völlig unbefriedigend.

Ich war Logopädin an der Klinischen Abteilung Phoniatrie-Logopädie an der HNO-Univ.-Klinik und nahm an einer Studie von Dr. Franz Pöchhacker teil. Er war Dolmetschdozent an der Universität und schrieb zum Thema "Die Putzfrau als Dolmetscherin im Spital".

Wir haben in diesem Rahmen zwei Fälle auf Video aufgenommen, diese wurden in der Folge übersetzt, um zu sehen, wie ein Laie übersetzt und wo Probleme auftreten.

Sprachbarrieren und Kulturunterschiede

Fall 1: Eine türkische Familie kommt zu uns. Die Eltern kommen mit einem vier- bis fünfjährigen Kind, die Schwester der Mutter soll übersetzen. Sie wollen wissen, ob mit der Zunge des Kindes alles in Ordnung ist, weil es nicht so gut spricht. Wir, das Team der Phoniatrie, glauben, dass sie sich um die Sprachentwicklung des Kindes Sorgen machen, keine Rede von der Zunge, das kommt erst bei der Übersetzung heraus. Ich mache die Anamnese, mit Einstiegsfragen, die bei uns üblich sind: Wie war die Schwangerschaft? Wie war die Geburt, wie groß, wie schwer etc.

Die Eltern wirken nicht sehr kooperativ, im Laufe der Untersuchung eher desinteressiert, sie kommen nach dieser ersten Untersuchung nicht mehr, obwohl es aus logopädischer Sicht Handlungsbedarf gegeben hätte. Als wir uns das Video mit professioneller Übersetzung anschauen, sehen wir folgende Übersetzung der Schwester bei der Frage nach der Schwangerschaft:

Schwester: "Wie die Geburt war."
Mutter: "Normal, warum fragt sie so was? Ich will wissen, ob mit der Zunge alles in Ordnung ist."
Schwester: "Normal."
Logopädin: "Wie war die Geburt?"
Schwester: "Wie war die Geburt, fragt sie schon wieder."
Mutter: "Aber das hab' ich ihr schon gesagt, wieso will sie das noch einmal wissen?"
Schwester: "Auch normal."

Fall 2: Ein acht- oder neunjähriges, aus dem Jugoslawienkrieg traumatisiertes Kind kommt. Es stotterte. Das Logopädenteam wollte einige Entspannungsübungen im Liegen machen. Übersetzerin war diesmal eine Putzfrau.

Setting: Das Kind liegt, ich (oder meine Kollegin - das weiß ich nicht mehr) knie neben dem Kind, die Putzfrau beim Kopf des Kindes. Es soll eine Atem- und Wahrnehmungsübung gemacht werden.

Therapeutin: "Leg deine Hände auf deinen Bauch und spüre die Atembewegung."
Putzfrau: "Mach die Augen zu, brauchst keine Angst haben."
Therapeutin: "Der Atem fließt ein und aus, die Bewegung spürst du im Bauch."
Putzfrau: "Spürst du, macht nichts, brauchst keine Angst haben, ich bin eh da."

Ich denke, die Übersetzungen sprechen für sich. Sie zeigen die täglichen Probleme mit Laiendolmetschern und der Sprachthematik auf. (Leser-Kommentar, Alexandra Jurek-Schick, derStandard.at, 3.2.2012)

Autorin

Alexandra Jurek-Schick ist Logopädin und Stimmtrainerin.

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