Charles Gounods "Faust" mit Startenor Jonas Kaufmann
Wien - Man weiß ja nie in der Oper. Da gelingt einem edlen Tenor der
höchste Ton vorzüglich; allerdings verrutscht ihm der nächste, etwas
tiefer gelegene, und schon wackelt auch die hernach einsetzende Geige,
kämpft plötzlich etwas mit der Intonation. Schnell wandelt sich also
auch im gut besetzten Opernalltag die Stimmung. Eine Kleinigkeit genügt,
und Nervosität hat ihren Auftritt.
So gehört an der Wiener Staatsoper im
dritten Akt von Charles Gounods Faust, wo der deutsche Tenor Jonas
Kaufmann, einer der zur Zeit gefragtesten seines Faches (gerade in
München in Don Carlo zu hören gewesen) reüssierte. Er war der bärtige,
im Fauteuil mit der Welt hadernde Alte, der den Tod herbeisehnt. Er war
auch der von Mephisto umgarnte Jüngling, der die prickelnden Freuden der
Zweisamkeit erleben darf. Und Kaufmann war der seiner Aufgabe durchaus
effektvoll gewachsene Sänger, der nun einmal ein Timbre besitzt, das
dieses gewisse Etwas versprüht. Da nahm man als Nebenwirkung zur
Kenntnis, dass sich schauspielerisch wenig abseits des
Routiniert-Oberflächlichen ereignete.
Neben dem sich stimmlich solide, ansonsten jedoch etwas schwerfällig
gebenden Albert Dohmen (als Mephistopheles) musste Kaufmann allerdings
regelrecht elegant wirken. Und auch der verlässlichen, gerne ins
Dramatische kippenden Inva Mula (als Marguerite) kann man im Vergleich
Flexibilität und Bühnenmunterkeit zubilligen. Soweit das diese behäbige
Regie (nach einer Idee von Nikolas Joel und Stephane Roche) zulässt. Ein
vokaler Lichtblick war in jeden Fall aber Julietta Mars (als Siebel);
und Adrian Eröd (als Valentin) profitierte von der ihn auszeichnenden
Konzentriertheit und Intensität. Nicht zu vergessen die Lebendigkeit
ausstrahlenden Hans Peter Kammerer (als Wagner) und Monika Bohinec (als
Marthe).
Komplett wurde die respektable, durch das tenorale Glanzlicht etwas
erhellte Aufführung mit der Arbeit von Dirigent Alain Altinoglu, den
schon zur Pause ein einzelner, damit etwas skurril wirkender Bravoruf
ereilte und der das Wiener Staatsopernorchester durchaus
melancholisch-tiefsinnig klingen ließ. Bei dieser Musik mitunter eine
sehr beachtliche Leistung. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)
Vorstellungen: 7., 10. 2. 19.00