Wie Guthabenerhalt möglich ist

Kommentar der anderen2. Februar 2012, 19:05
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Stefan Deutzmann nimmt zu Kommentaren von Walter Schachermayer und Erhard Glötzl Stellung

Erhard Glötzl führt an, "was Ökonomen von Physikern lernen sollten". Er will am Beispiel des ersten Hauptsatzes der Thermodynamik zeigen, dass Wirtschaft ähnlich funktioniert. So wie in einem geschlossenen System die Gesamtenergie stets erhalten bleibe, könnten Schulden nur abgebaut werden, wenn auch das Guthaben sinkt.

Dem hinzuzufügen ist, was Ökonomen und Physiker lernen sollten. Was Erhard Glötzl und zuvor schon Walter Schachermayer übersehen, ist der Aufbau der Bilanz: Die Aktiva (Guthaben) müssen gleich den Passiva sein. Die Bilanzsumme repräsentiert also die "Gesamtenergie" des Systems. Die Passiva sind allerdings nicht nur Schulden (Fremdkapital), sondern auch Eigenkapital. Somit lautet die Rechnung: Guthaben = Schulden + Eigenkapital.

Wenn also Schulden abgebaut werden, wird das Guthaben nur dann sinken, wenn das Eigenkapital nicht oder weniger steigt, als die Schulden sinken. Im Bild des geschlossenen thermodynamischen Systems: Wenn Energie von einer Stelle des Systems abgezogen wird, dann wird eben gerade nicht die Gesamtenergie im System sinken. Da die Gesamtenergie gleich bleibt, wird sich die abgezogene Energie an einer anderen Stelle zusammenballen. Ein Kühlschrank wird innen kälter, dafür am Wärmetauscher wärmer.

Wie "aus dem Energieerhaltungssatz keine Schlüsse zu ziehen sind, wie eine Dampfmaschine funktioniert" , kann aus dem grundsätzlichen Bilanzaufbau noch kein Schluss gezogen werden, was die Politik konkret tun soll. Aber der Bilanzaufbau gibt nicht nur Rahmen vor für Ideen, die nicht funktionieren können - wie Erhard Glötzl meint -, sondern zeigt auch ein Feld der Handlungsmöglichkeiten auf.

Die Wahl der Politik ist nicht beschränkt auf "Schuldenabbau = Guthabenabbau", wie Schachermayer und Glötzl behaupten. Sie kann sich auch überlegen, Eigenkapital aufzubauen: "Volkseigentum" in seiner grundlegenden Bedeutung. Damit ist noch nicht gesagt, wie das gehen kann oder soll, aber es ist bewiesen, dass Guthabenerhalt möglich ist. Ob es gelingen kann, Fremd- in Eigenkapital umzuwandeln, wird im Bereich der Ausgabenreduktion und Einnahmenmehrung zu entscheiden sein. Hier kann die Politik sensibel ihre Gestaltungsfähigkeit unter Beweis stellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)

Autor

Stefan Deutzmann arbeitet als Qualitätsmanager und im Business-Governance-Bereich in der Telekommunikationsbranche in Wien.

Zum Thema

Walter Schachermayer: Der Rechenfehler der Schuldenbremser (17.12.)

Erhard Glötzl: Schuldenbremse und Tubensenf (17.1.)

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